Stand: 01.11.2019 18:55 Uhr  - NDR Kultur

Deutschland 2049: Dystopie oder Utopie?

von Harald Welzer

In diesem Frühjahr haben wir 70 Jahre Bundesrepublik und Grundgesetz gefeiert - und jetzt steht das 30. Jubiläum des Mauerfalls bevor. Viel ist darüber geschrieben und geredet worden, was in den vergangenen Jahrzehnten gut und was weniger gut gelaufen ist - und über nicht wenigen Analysen schwebt die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass inzwischen Rechtskonservative und Rechtspopulisten vielerorts einen solchen Zulauf haben? Dieser Essay wagt den Blick nach vorn: Wie werden wir in 30 Jahren auf dieses Land schauen - wenn der Mauerfall 60 Jahre und die Gründung der Bundesrepublik 100 Jahre her ist? Leben wir 2049 - von heute aus betrachtet - in einer Dystopie oder eine Utopie?

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Harald Welzer

Allein der Gedanke ist interessant: Würde die Bundesrepublik 100 Jahre alt, wäre das vereinigte Deutschland älter als das geteilte. Das würde bedeuten: mehr als drei Generationen, die nur Frieden kennen, mindestens zwei Generationen, die diese Friedenszeit in Freiheit und Demokratie erlebt haben. Der Nationalsozialismus wäre eine ferne Geschichte, für den es längst keine Zeitzeugen mehr gibt, die Diktaturerfahrung in Ostdeutschland etwas, das nur noch die Rentnergeneration aus eigenem Erleben kennt.

Nachhaltige Strukturentwicklung

Denken wir von hier aus utopisch, begeben wir uns in das Jahr 2049: Die ungleichen Lebensverhältnisse zwischen Ost und West sind dann lange Vergangenheit, obwohl sich die Regionen natürlich unterschiedlich entwickelt haben. Die strukturarmen Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben sich zu Vorreitern der nachhaltigen Strukturentwicklung gemausert: Sie sind die Kernregionen des ökologischen Landbaus, des sanften Tourismus, der Entschleunigung und der nachhaltigen Lebensstile, daneben wichtige Standorte erneuerbarer Energien. Die Lebensqualität ist hoch, weshalb viele Menschen aus den früher industriell geprägten Regionen übersiedeln. Das führt zu einer vergleichsweise jungen Bevölkerungsstruktur; hier werden auch die meisten Kinder geboren.

Harald Welzer © picture-alliance / ZB Foto: Karlheinz Schindler

Deutschland 2049: Dystopie oder Utopie?

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Wie werden wir in 30 Jahren auf dieses Land schauen? Leben wir 2049 - von heute aus betrachtet - in einer Dystopie oder eine Utopie? Ein Essay von Harald Welzer.

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Die deutschen Großstädte haben sich 2049 noch stärker verändert als die genannten Bundesländer: Der automobile Individualverkehr ist komplett abgeschafft, die Bürgerinnen und Bürger gehen zu Fuß, fahren Rad und nehmen ansonsten den digital perfekt orchestrierten öffentlichen Nahverkehr in Anspruch. Das ist aber noch nicht einmal die gravierendste Veränderung gegenüber 2019: Denn Städte sind inzwischen weitgehend zu Selbstversorgern geworden, was Nahrungsmittel angeht. Die Stadtplanung hat die Flächen, die durch die Abschaffung des Autos verfügbar wurden, zum Teil für urbane Agrarflächen genutzt: In Hochhausetagen wird "vertical gardening" betrieben, Gemeinschaftsgärten haben das Stadtklima ebenso positiv verändert wie das Sozialklima. Bei Neubauprojekten im Siedlungsbau ist man oft zu Konzepten zurückgekehrt, die sogar weit älter als 100 Jahre sind: Keine Wohneinheit wird mehr ohne Nutzgarten geplant, und es ist wieder alltäglich geworden, dass die Menschen Hühner und Kaninchen halten.

Deutliches Nord-Süd-Gefälle

Interview

Harald Welzer ruft zur Revolution auf

In seinem neuen Buch "Alles könnte anders sein" entwirft der Sozialpsychologe Harald Welzer eine "Gesellschaftsutopie für freie Menschen". Auf NDR Kultur spricht er über seine Ideen. mehr

Strukturwandel: Das hat auch und nicht zum ersten Mal bedeutet, dass die früheren industriellen und wirtschaftlichen Kernregionen 2049 schlechter dastehen als die Landesteile, in denen man andere Entwicklungsaufgaben zu bewältigen hatte. Insbesondere der Niedergang der Automobilindustrie, den kurzsichtige Manager und Landespolitiker viel zu lange nicht sehen wollten und künstlich in die Länge gezogen haben, hat vor allem Baden-Württemberg und Bayern wirtschaftlich stark zurückgeworfen. Sie finden jetzt den Länderfinanzausgleich sehr hilfreich und suchen verzweifelt nach Zukunftsperspektiven, wobei ihnen aber leider nicht zugutekommt, dass München und Stuttgart in besonders ausgeprägtem Maß von den inzwischen zur Normalität gewordenen Hitzesommern geplagt werden. Bei Tagestemperaturen von 40 Grad mag niemand mehr im Stuttgarter Kessel wohnen; wer es sich leisten kann, der zieht in den Norden. Das Land ist geprägt durch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle.

Leider hat die Politik weder Lehren aus den Problemen mit dem industriellen Strukturwandel rechtzeitig gezogen, die man anhand der Lausitz und des Ruhrgebiets hätte haben können. Noch hat sie den Realismus der 2019 demonstrierenden Schülerinnen und Schüler übernommen. 2049 müssen nun gigantische öffentliche Summen in Maßnahmen gepumpt werden, um die Folgen der häufigen Extremwetterereignisse in Gestalt von Dürren und Überschwemmungen gleichermaßen abzumildern. Die deutschen Wälder sind durch Trockenheit und Schädlingsbefall stark dezimiert - auch die Aufforstung mit klimaangepassten Baumsorten hat viel zu spät begonnen und kann ihre kompensatorische Wirkung noch kaum entfalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.11.2019 | 19:00 Uhr