Sendedatum: 18.02.2018 13:20 Uhr

"Der haarige Affe": Premiere am Schauspielhaus

von Katja Weise

Im vergangenen Sommer musste Frank Castorf nach 25 Jahren als Intendant der Berliner Volksbühne abtreten. Sein Auftragsbuch als Regisseur jedoch ist weiter prall gefüllt. Am Sonnabend brachte Castorf am Hamburger Schauspielhaus den Eugene-O'Neill-Abend "Der haarige Affe" auf die Bühne.

Auf einhellige Begeisterung stieß sie nicht, diese Inszenierung, die alles hatte, was eine Castorf-Inszenierung auszeichnet: Überlänge, sich verausgabende Schauspieler, ein opulentes Bühnenbild, eine immer wieder Haken schlagende Geschichte, Videoeinspielungen. Die, die bis zum Ende der fünfeinhalb Stunden im Saal ausharrten, feierten den Regisseur und sein Team dann auch, doch waren die Reihen deutlich gelichtet. Man kann es verstehen, denn vor allem der Anfang gerät Castorf reichlich zäh. Gleich drei Stücke von Eugene O`Neill bringt er zusammen: Neben dem "Haarigen Affen" sind das "Der große Gott Brown" und "Kaiser Jones" über einen entflohenen Häftling, der sich zum Herrscher über eine Südseeinsel macht.

Wer Geld hat, hat die Macht

Ein zentrales Thema des Stückes ist die Kluft zwischen oben und unten. Wer Geld hat, hat die Macht, so scheint Castorf zu sagen. In Fahrt gerät der Abend, wenn die titelgebende Geschichte beginnt. Im Mittelpunkt steht ein Heizer, der im Kesselraum eines Luxusdampfers schuftet und darin Erfüllung findet. Charly Hübner spielt diesen Yank, einen schweißglänzenden Proletarier, dessen Weltbild ins Wanken gerät, als eine engelsgleiche Millionärstochter den Kesselraum besichtigt.

Castorf zwingt drei Handlungsstränge in ein Stück

Yank fühlt sich durch den herablassenden Blick der jungen Frau beschmutzt und sinnt auf Rache. Eindrucksvoll zeigt Castorf die Stimmung im Kesselraum: Überlebensgroß glänzen Gesichter und Körper der Heizer auf Leinwänden, Enge und Hitze übertragen sich ganz direkt. Doch wird die Geschichte immer wieder unterbrochen, werden die anderen Erzählstränge aufgegriffen.

Aus den 20er-Jahren bis zu #metoo

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Großartige Schauspieler, aktuelle Bezüge aufs Zeitgeschehen - "Der haarige Affe" weiß durchaus zu beeindrucken.

Frank Castorf inszeniert sich selbstironisch als Erbe des legendären Erwin Piscator, der in den 20er-Jahren an der Berliner Volksbühne Theatergeschichte schrieb. Vor allem im zweiten Teil wird der Abend dann doch noch zum Fest. Die großartigen Schauspieler treiben ihn voran, fallen immer öfter aus der Rolle - spielen sich frei - inklusive politisch unkorrektem Kommentar auf die aktuelle #metoo-Debatte.

Am Ende gibt es Applaus - von denen, die durchgehalten haben

Darauf, Lilith Stangenberg fast eine Viertelstunde lang splitternackt Kohlen schaufeln zu lassen, hätte Castorf allerdings wirklich verzichten sollen. Hier bekommt der Abend einen unguten Beigeschmack. Dass er am Ende trotzdem mitreißt, ist der stupend funktionierenden Technik und den sich total verausgabenden Schauspielern zu verdanken. Sie machen die Geschichte zu ihrem Anliegen und bringen so doch noch alles irgendwie zusammen.

"Der haarige Affe": Premiere am Schauspielhaus

Fünfeinhalb Stunden Theater mutet Regisseur Frank Castorf seinen Schauspielern aber vor allem auch seinen Zuschauern zu. Die, die bis zum Ende durchhielten, spendeten reichlich Applaus.

Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
Kartentelefon: 040 / 24 87 13
Preis:
69 bis 10 Euro
Besonderheit:
Dauer: 5 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
Hinweis:
Stück von Eugene O'Neill
Regie: Frank Castorf
Darsteller: Paul Behren, Thelma Buabeng, Marc Hosemann, Charly Hübner, Abdoul Kader Traoré, Anne Müller, Josef Ostendorf, Lilith Stangenberg, Michael Weber, Samuel Weiss, Daniel Zillmann
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 18.02.2018 | 13:20 Uhr

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