Stand: 25.02.2018 15:00 Uhr

"Der Sturm": Brisante Themen platt inszeniert

von Heide Soltau

Vor einem knappen Jahr brachte die Regisseurin Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater "Das achte Leben (Für Brilka)" auf die Bühne, nach dem großen Familienroman der georgischstämmigen Schriftstellerin Nino Haratischwili. Die Aufführung begeisterte das Publikum. Am Samstagabend präsentierte Steckel nun eine neue Regiearbeit am Thalia Theater: William Shakespeares letztes Stück "Der Sturm".

Ihre Idee hat diesmal nicht gezündet. Jette Steckel hat sich verrannt. Ihr "Sturm" verliert sich über weite Strecken im politischen Allgemeinen. Angeheizt von Prospero rappen die Geister was das Zeug hält und die Schauspieler verausgaben sich. Klassenkämpferisch schreien sie das Elend der Welt heraus: Hunger, Kriege, Umweltzerstörung, Gewalt. Kein brisantes Thema, das nicht aufgegriffen wird, oft mit Songs von Leonhard Cohen und Kate Tempest.

Auch Shakespeare rechnet in seinem "Sturm" mit der Welt ab, aber feiner, poetischer. Jette Steckel nimmt zunächst diesen Faden auf. Der Abend beginnt vielversprechend. Prospero betritt die leere Bühne, Magier, Kobold und Kritiker zugleich. Einst Herzog von Mailand, aber von seinem Bruder vertrieben, lebt er seit zwölf Jahren mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel, wo er über allerlei Geister und Bewohner herrscht. Vorn an der Rampe schläft Miranda, als er Ariel, dem Luftgeist, und Caliban, dem Erdkloß den Befehl zu einem letzten Dienst erteilt.

"Ich muss den Augen meiner Tochter ein Beispiel meiner Kunst vorgaukeln. Es ist die Stunde, die mir Gewalt gibt."

Prospero weiß, dass sein Ende naht. Deshalb will er Miranda über ihre wahre Identität aufklären und sie auf die Zukunft vorbereiten.  

"Nur das noch musst Du wissen: die Welt hat sich verloren. Europa ist betäubt. Im Taumel."

Um das zu zeigen, entfacht Prospero für Miranda und das Publikum seinen lllusionszauber. Ein offenes Haus senkt sich auf die Bühne herab, das an einen Setzkasten erinnert. Mit Räumen, die durch labyrinthische Tunnel miteinander verbunden sind. Seltsame Szenen spielen sich dort ab. Menschen bewegen sich wie Roboter, Koksende und überdrehte Gestalten gieren nach Geld. Einem abgerissenen Alten wird eine opulente Mahlzeit serviert. Ferdinand singt betörende Lieder und Miranda verliebt sich in ihn. Das alles ist nett anzusehen und man nickt die Themen ab, die dort anklägerisch formuliert  werden, aber das trägt den Abend nicht.

Musik spielt eine wichtige Rolle

Musik spielt eine wichtige Rolle in den Inszenierungen Jette Steckels. Fünf Musiker sind diesmal mit von der Partie die Prosperos Band of Spirit. Nach einer Textzeile von Leonard Coen - "A Lullaby for Suffering" (Ein Wiegenlied zum Leiden) - hat Steckel diesen Abend genannt. Hinzugefügt noch in letzter Minute, da waren die Programmhefte schon gedruckt.

Es gibt durchaus schöne Momente in dieser Inszenierung, die Liebesszene zwischen Miranda und Ferdinand zum Beispiel und die Schlusssequenz, als Ariel den alten Prospero vor dessen Tod noch zärtlich wäscht. Und die Schauspieler machen ihre Sache gut, allen voran Barbara Nüsse als Prospero, Mirko Kreibich als Luftgeist Ariel und Maja Schöne als Miranda. Aber die Inszenierung kann auch spielerisch nicht durchgängig überzeugen. Die platte Adaption ins Heute und der weltanklägerische Rundumschlag scheinen die Darsteller gebremst zu haben.

So gab es einige kritische Stimmen vom Publikum:

"Ich bin bedient, total gaga. Ich mag mehr traditionelle Inszenierungen."

"Das war keine Schauspielinszenierung."

Bei anderen Zuschauern, besonders den Jüngeren, kamen gerade der Heute-Bezug und die musikalische Umsetzung gut an.

"Ich mag das Album von Kate Tempest sehr gern und fand, das waren überraschende Umsetzungen, dass das dann so eingebettet ist in das alte Stück mit ganz neue Mitteln, das hat mir gut gefallen."

"Das war ein Feuerwerk, das sich erst mal setzen muss. Sehr gewaltig auf jeden Fall."

Weniger Aufklärung mit dem Holzhammer hätte dem Abend gut getan

Aber eben leider auch gewaltig platt. Am Ende fragt man sich, was mit dieser begabten Regisseurin eigentlich los ist. Schon am Wiener Burgtheater hatte Jette Steckel vor kurzem Ibsens "Volksfeind" allzu eindimensional als Agitprop-Stück inszeniert. Und am Thalia Theater tappt sie nun in dieselbe Falle. Weniger Aufklärung mit dem Holzhammer und mehr Shakespeares -Poesie hätte dem Abend gut getan.

"Der Sturm": Brisante Themen platt inszeniert

Im Thalia Theater hat "Der Sturm" nach William Shakespeare Premiere gefeiert. Die Inszenierung von Regisseurin Jette Steckel kann nicht überzeugen, meint Heide Soltau in ihrer Kritik.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Telefon:
040 / 32814-444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
Von 15 bis 74 Euro
Kartenverkauf:
Kartenkasse:
Montag bis Sonnabend: 10 - 19 Uhr
Sonntag und Feiertage: 16 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 26.02.2018 | 10:55 Uhr

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