Stand: 15.09.2019 17:49 Uhr

"Der Boxer": Eine Warnung ohne Belehrung

von Peter Helling
Ewelina Marciniak inszeniert das Stück "Der Boxer" nach der gleichnamigen Romanvorlage von Szczepan Twardoch.

Dieses Theaterstück funktioniert wie eine Zeitmaschine. Es versetzt das Publikum in die schillderndste Zeit des letzten Jahrhunderts: In die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Polen. "Der Boxer" heißt der Bestseller des polnischen Autors Szczepan Twardoch, der jetzt als Theaterstück von der jungen polnischen Regisseurin Ewelina Marciniak inszeniert wird. Am Sonntag, 15. September, wurde das Stück im Thalia in der Gaußstraße uraufgeführt.

Jakub Shapiro, gespielt von Sebastian Zimmler, ist ein eleganter Kerl in der Halbwelt Warschaus. Er trägt Tattoos an seinem muskulösen Körper, einen Davidstern unter der Achsel, sein Blick ist verführerisch. Jakub Shapiro ist Jude und lebt im Warschau der 30er-Jahre - der Zeit kurz vor dem Einmarsch der Deutschen. Allen droht die Vernichtung. "Es geht um die Symbiose, die es in dieser Zeit zwischen der jüdischen und der polnischen Bevölkerung in Warschau gab und wie das Zusammenleben damals funktioniert hat", sagt die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak. Sie versteht diese Geschichte als Warnung. Als Warnung ohne Belehrung.

Szene aus "Der Boxer", inszeniert am Thalia Theater Gaußstraße, Hamburg. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer

Warschau der 30er-Jahre: "Der Boxer" im Thalia

Die Regisseurin Ewelina Marciniak blickt mit ihrer Inszenierung auf das Warschau der 30er-Jahre und auf das Zusammenleben der jüdischen und polnischen Bevölkerung.

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Die Bühne erinnert an einen verlassenen Festsaal. Von oben hängt ein kaputter Kronleuchter. Der Boden und die Hinterwand sind eine einzige Spiegelfläche. Was auffällt: Überall ist Sand. Und überall liegen Menschen herum wie Tote. Aus einem Erdhügel krabbelt ein Jugendlicher, als wäre er schon gestorben. Schapiro bewegt ihn wie eine Puppe. Alles scheint wie aus Glas in dieser Welt, alles wirkt zerbrechlich, längst vergangen. Wie die Zeit, in der diese Geschichte spielt.

"Der Boxer": Geschichte aus der Vergangenheit über die Gegenwart

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Die Regisseurin Ewelina Marciniak zieht in ihrer Inszenierung auch Bezüge zur Gegenwart.

Polnische Chansons, Abendgarderobe, Improvisationen: Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin spart nicht mit Assoziationen. Aber auf keinen Fall will sie die Geschichte als Historiendrama erzählen: "Uns geht es nicht darum, nur die Vergangenheit zu erzählen, von dem Antisemitismus und dem Nationalismus, der damals in Warschau aufkam." Marciniak will die damalige Zeit zwar einerseits als Fenster in die Vergangenheit nutzen, gleichzeitig aber auch in den jetzigen Moment weisen, in dem wir uns gerade bewegen. "Es gibt wieder dieselben Strukturen, dieselben Mechanismen, ein ähnliches Gefühl. Es ist also nicht nur eine Geschichte über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart."

Ewelina Marciniak: "Gewalt ist ein universelles Problem"

Angesprochen auf die Situation in ihrer polnischen Heimat, wo der Rechtsstaat gerade massiv unter Druck gerät und die Gerichtsbarkeit entmachtet zu werden droht, sagt sie klar: "Ich spüre, wie es sich gerade verändert, und ja: Es gab auch Nationalismus in Polen. Aber für mich ist es wichtig, zu sagen: Gewalt, der Mechanismus der Gewalt, gehört keiner Nation an. Er ist ein universelles Problem, er ist zeitlos."

"Der Boxer" geht auf den Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch zurück, den Ewelina Marciniak persönlich kennt. Sie schätzt die Sinnlichkeit seiner Sprache. Der Roman sei eine jüdische Gangstergeschichte vor einem Abgrund, den wir heute wie selbstverständlich "Holocaust" nennen.

Die Unwissenheit der Gegenwart

Mit den Frauenfiguren aus dem Roman sei sie allerdings nicht einverstanden, sagt die Regisseurin. Da habe sie einen ganz anderen Ansatz - sie wolle sie viel stärker in den Vordergrund stellen. Das Ensemble des Thalia Theaters findet sie großartig, gemeinsam habe man eine Sprache gefunden - und nicht nur das: "Die Melancholie, eine Energie, die alle infiziert, wenn man zusammen für ein Ziel arbeitet."

Tatsächlich durchweht Melancholie den Zuschauerraum. Es ist ein Spiel mit der Zeit: Der Boxer, seine Geliebte, der polnische Nationalist - sie alle wissen noch nichts von dem, was sie erwartet. Und damit haben wir etwas mit ihnen gemeinsam. Denn jede Gegenwart ist in gewisser Weise blind.

"Der Boxer": Eine Warnung ohne Belehrung

Das Theaterstück "Der Boxer", das ab Sonntag in Hamburg läuft, erzählt von einem jüdischen Boxer in den 30er-Jahren in Warschau. Die Inszenierung verbindet Vergangenheit und Gegenwart.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765  Hamburg
Preis:
25 - 31 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Samstag 10.00 bis 19.00 Uhr und Sonntag und Feiertage 16.00 bis 18.00 Uhr an der Theaterkasse
Mail: theaterkasse@thalia-theater.de
Telefon: 040 328 14 444
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.09.2019 | 19:00 Uhr