Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier © Pichture Alliance/ dpa Foto: Henrik Josef Boerger

Karin Beier: "Kurz einknicken und dann wieder aufbäumen"

Stand: 29.10.2020 13:43 Uhr

Die in Berlin beschlossenen Corona-Maßnahmen mit der Schließung sämtlicher Kulturbetriebe empören viele Kulturschaffende.

Neben vielen anderen Kultur-Einrichtungen müssen auch die Theater erneut schließen. NDR Kultur hat mit Karin Beier, der Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, gesprochen.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in ihr Seelenleben. Wie hat Sie die Info gestern erwischt?

Karin Beier: Ganz ehrlich: Es ist nicht so, dass wir nicht mit so etwas gerechnet haben, dass es möglich ist, dass das passiert. Ob wir das jetzt als notwendig betrachten oder nicht, ist glaube ich sekundär. Unser Hygienekonzept war sehr gut. Zuschauer haben uns gesagt, dass sie sich auch sehr sicher fühlen bei uns im Theater. Schwierigkeiten macht ihnen eher der Weg ins Theater, also mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Moment ist meine Aufgabe hier im Theater, mich tatsächlich um das Seelenleben zu kümmern. Nicht um meins, sondern um das der vielen Mitarbeiter, weil es sich doch sehr anders anfühlt, als im März, wo wir in einer Phase des entstehenden Frühlings mit einem Lockdown konfrontiert waren. Im Moment ist die Stimmung in der Stadt wie so oft im Herbst - man geht auf die dunkle Jahreszeit zu - eher schwermütiger. Dieser Lockdown fühlt sich sehr viel schwermütiger an, als im März. Im März gab es natürlich auch sehr viele Energien, die freigesetzt wurden, dass man sich dagegen wehrt, dass man Konzepte entwickelt, wie man präsent sein kann auf eine alternative Art und Weise. Jetzt sehe ich in die Gesichter von Produktionen, die doch sehr traurig sind. Ich komme gerade von der großen Bühne. Wir hätten nächste Woche Premiere mit "Wienerwald" und da ist natürlich erstmal der Stöpsel gezogen und ich versuche es aufrecht zu erhalten. Was sich als sehr schwierig erweist, ist die Frage: Wie geht man damit um, dass man auf Eis produziert? Wir haben noch Produktionen vom März auf Eis liegen, die ihre Premiere noch nicht gesehen haben. Da stellt sich natürlich die Frage: Produzieren wir überhaupt weiter? Das müssen wir uns überlegen. Ich finde es gerade sehr schwer, hier die Stange aufrechtzuerhalten. Selber merke ich eben auch, dass die Kraft ein bisschen nachlässt, was so die Ideen und die Konzeption von alternativen Programmen angeht. Aber wir werden da jetzt kurz einknicken und uns dann wieder aufbäumen. Im Prinzip jammern wir in den staatlichen und städtischen Betrieben auf hohem Niveau. Wir sind subventioniert. Unsere Existenz ist nicht bedroht. Anders als sicherlich viele, die in der Gastronomie arbeiten, die es, glaube ich, sehr viel härter trifft

Sie haben sicherlich davon gehört: In Bamberg sollen die Ausgaben für die Kultur um 25 Prozent gekürzt werden. Sehen Sie da auch eine Gefahr für die öffentlich-geförderten Häuser, dass diese Spardiskussion jetzt wieder losgeht?

Beier: Natürlich wird die Spardiskussion wieder losgehen. In solchen Krisensituationen gibt es eine Bugwelle. Und ich glaube, die trifft uns in spätestens ein bis zwei Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so eine Krise, so eine große gesellschaftliche Krise, dass die geräuschlos an den subventionierten Theatern vorbeigeht. Im Moment gibt es viele Rettungsschirme. Aber ich vermute mal, dass es in ein oder zwei Jahren Kürzungen geben wird. Das wird bedeuten, dass es das Theater, das es im Moment gibt, nicht mehr geben wird.

Gibt es denn einen Schulterschluss zwischen den öffentlich-geförderten, den großen Theatern und der freien Kulturszene?

Beier: Den kann es im Prinzip nur auf ideeller Ebene geben, dass man also die privaten Theater ideell unterstützt und mit in den Kampf geht. Aber die wirtschaftlichen Probleme können wir nicht lösen. Also, es kann einen ideellen Schulterschluss geben. Das wird denen im Endeffekt wirtschaftlich nicht besonders helfen, außer, dass man seine Stimme laut werden lassen kann.

Sie hatten vier Premieren im November geplant. Ist das Streamen eine Lösung? Es gibt Theater, die machen die Premiere und übertragen sie einfach im Internet.

Beier: Wir diskutieren das gerade. Eigentlich bin ich jemand, der gegen diese Lösung ist. Ich mag Streamen überhaupt nicht. Ich gucke mir Theater auch zu Hause nicht auf meinem Laptop an oder äußerst ungern, denn das Theater lebt natürlich wirklich absolut von diesem kollektiven Erleben und auch von dem Zwischenspiel zwischen Zuschauern und Bühne. Jetzt sind wir zum zweiten Mal in einer außergewöhnlichen Situationen und müssen vielleicht auch - zumindest begrenzt - außergewöhnliche Wege gehen.

Ich halte nichts davon, etwas auf Blechdose zu produzieren und das zur Verfügung zu stellen. Wenn, dann wäre die einzige vorstellbare Lösung: Man spielt eine Vorstellung und überträgt die in dem Moment. Also, dass man einen Rest des Live-Charakters behält. Und da diskutieren wir gerade unsere technischen Möglichkeiten. Wir haben uns auch schon vorbereitet. Aber wir sind noch nicht ganz durch - ob unsere Internetverbindung die Qualität hat, die wir bräuchten, um live ohne Übertragungswagen, etwas zu streamen.

Das Gespräch führte Hans-Jürgen Mende.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 29.10.2020 | 10:20 Uhr