Eine Sängerin im Vordergrund, eine Sängerin im Hintergrund. © Björn Hickmann

Braunschweigisches Staatstheater inszeniert Oper "Fidelio"

Stand: 09.10.2020 10:24 Uhr

Das Braunschweiger Staatstheater bringt die Oper "Fidelio" auf die Bühne. Statt eines großen Orchesters stehen lediglich Bläser im Orchestergraben.

von Hans Stallmach

Einen normalen Opernbetrieb gibt es auf den deutschen Bühnen schon lange nicht mehr: zu viele Akteure auf der Bühne, zu viele Musiker im engen Orchestergraben - schon die Rahmenbedingungen der Oper sind mit dem Schutz vor Corona nicht zu vereinbaren. Doch die Not macht erfinderisch. Das Staatstheater Braunschweig hat einen Weg gefunden, trotz allem Beethovens "Fidelio" auf die Bühne zu bringen. Statt eines vollen Orchestern stehen lediglich Bläser im Orchestergraben. Musikalisch hat man dabei auf die sogenannten "Harmonie-Musiken" zurückgegriffen, die zur Beethoven-Zeit populäre Opern als Bläsersatz herausgaben - durchaus mit Billigung der Komponisten.

"Fidelio" mal anders

Wer Fidelio kennt und liebt, der zuckt manches Mal zusammen. Gerade die großen, dramatischen Stellen der Oper klingen im reinen Bläsersatz fremd, sehr weich, schwebend, manchmal bizarr. "Wir haben mit den Proben angefangen und da war ich wirklich verzweifelt", sagt der musikalische Leiter Srba Dinić lachend. "Aber irgendwann hat das angefangen zu klingen und man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich auch daran, am Bläserklang zu arbeiten. Ich denke, zusammen mit der Inszenierung funktioniert das."  

Anpassungen im Einklang mit Beethoven

Für die Inszenierung hat das Staatstheater musikhistorische Forschung betrieben. Was in Braunschweig erklingt, geht vor allem auf die Fidelio-Harmoniemusik des Beethoven-Zeitgenossen Wenzel Sedlák zurück; seine Übertragung für Bläser war von Beethoven selbst autorisiert worden. "Sedlak hat nicht alle Nummern gemacht, deshalb mussten wir von anderen Komponisten wie Kirchhoff andere Nummern nehmen", erzählt Dinić. "Das haben wir dann selbst arrangiert und versucht, mit den Instrumenten, die wir haben, diese wunderschöne Musik vom Fidelio farbenreich zu gestalten."

"Keinen Takt Pause"

Die 14 Bläser plus Kontrabass haben im Orchestergraben ungewöhnlich viel Platz, müssen aber Schwerstarbeit verrichten. Schnelle Begleitfiguren, rasante Violin-Läufe: der gesamte Orchesterpart liegt auf ihren Schultern. "Die Hornstimme in Fidelio ist schon viel zu spielen, aber jetzt ist man nur am spielen - man hat fast keinen Takt Pause", sagt Hornist Rob Vogel." Dafür muss man sehr fit sein, denn wenn die Muskelkraft schwindet, dann schwindet auch die Intonation."

Kreative Lösungen um die Abstandsregeln einzuhalten

Schauspieler sitzen in würfelförmigen Ausbuchtungen der Bühnenwand. © Björn Hickmann
Statt nebeneinander singen die Schauspieler Duette und Terzette aus kleinen Einbuchtungen der Bühnenwand.

Nicht nur die Bläser auch die gesamte Regie-Arbeit steht Corona-bedingt steht vor großen Herausforderungen. "Wir müssen auf der Bühne sechs Meter Abstand einhalten, wenn die Sänger singen, und zur Breite drei Meter. Wir dürfen uns nicht berühren", sagt Intendantin und Fidelio-Regisseurin Dagmar Schlingmann. "Also das sind alles unglaubliche Einschränkungen, unter denen wir hier momentan arbeiten. Und dann ist es die große Aufgabe, dennoch eine Lebendigkeit in die Aufführung zu bekommen." Und da hat man sich einiges einfallen lassen: so sind zum Beispiel in der großen Gefängnismauer, die das Bühnenbild beherrscht, eng nebeneinander kleine Höhlen eingebaut, in die sich die Sänger zurückziehen. So können sie - nah beieinander und doch getrennt - gemeinsam Duette und Terzette singen.

Chor vom Band statt auf der Bühne

Problematisch war auch der Einsatz des Gefangenen-Chores. "Als wir mit der Arbeit an der Oper angefangen haben, da war der Chor ganz zentral", schildert die Regisseurin. "Aber er kann nicht auf die Bühne, das geht unter den bestehenden Corona-Regelungen auf gar keinen Fall." Für die Inszenierung hat der Braunschweiger Chor das berühmte Stück eingespielt und wenn es dann in der Aufführung erklingt, dann werden die Gesichter der Sängerinnen und Sänger überlebensgroß auf die Gefängnismauer projiziert. So schauen sie von der Bühne heraus ihrem Publikum direkt in die Augen - eine beeindruckende Nähe in Zeiten der Distanz.

Braunschweigisches Staatstheater inszeniert Oper "Fidelio"

Kreativ baut das Staatstheater Braunschweig die Corona-Auflagen in die Inszenierung der Beethoven-Oper ein.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsheater Braunschweig - Großes Haus
Am Theater
38100  Braunschweig
Telefon:
(0531) 12 34 567
E-Mail:
besucherservice@staatstheater-braunschweig.de
Preis:
14,50 Euro bis 47,50 Euro
Besonderheit:
Weitere Vorstellungstermine sollen folgen
Hinweis:
Entsprechend den geltenden Corona-Verordnungen hat das Staatstheater Braunschweig ein umfassendes Hygienekonzept erstellt. Dazu gehört auch ein Formular zur Besucherregistrierung, welches auf der Seite des Staatstheaters heruntergeladen werden kann und zum Vorstellungsbesuch mitgebracht werden soll.
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Dieses Thema im Programm:

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