Stand: 22.01.2018 11:50 Uhr

Blutarmer "Michael Kohlhaas" am Thalia

von Peter Helling

Am Wochenende wurden die diesjährigen Lessingtage im Hamburger Thalia Theater eröffnet. Das Theaterfestival zeigt internationale Gastspiele und Eigenproduktionen - und hat prominente Gäste. Am Sonntag hielt der türkische Journalist Can Dündar die Eröffnungsrede. Am Abend feierte das Theaterstück "Michael Kohlhaas" nach der Novelle von Heinrich von Kleist Premiere. Inszeniert hat das Stück Antú Roméro Nunes - mit nur drei Schauspielern.

Da behauptet das Programmheft, man kenne ja die Geschichte. Das ist der erste Fehler: "Michael Kohlhaas" ist für die meisten ein Fremdwort. Schon mal blöd. So sagt auch ein Zuschauer: "Die Geschichte war für jemanden, der die Novelle nicht kennt, völlig unverständlich." Ein unbescholtener Pferdehändler wird Mitte des 16. Jahrhunderts von Adligen mies behandelt. Kohlhaas fordert sein Recht, dabei stirbt seine Frau. Dann steckt Kohlhaas die Welt an. Am Ende: Kopf ab. Es geht um Recht, Gerechtigkeit und Rache. Hier endet die Geschichte von Kohlhaas.

Super Effekte - jedoch nur ein Gedanke von Gewicht

Der Kopf von Kohlhaas rollt hier schon in der ersten Szene: In einem Setting, das dem Hamburg Dungeon zur Ehre gereichen würde. Super Effekte, finstere Mönche, das Beil fällt. Dann wird der einzige Gedanke von Gewicht in dieser Inszenierung mit allen Farben ausgepinselt. Bei Kleist heißt es nämlich, es gebe auch noch heute Nachfahren des streitbaren Kohlhaas. Aha.

Im Stück heißt es: "Von Kohlhaas haben im Mecklenburgischen einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt." Hier sind es drei Brüder mit Pferdeschwanz und Pferdegebissen. Sie haben ein Export-Importgewerbe. Wortlos wuseln sie durch sie durch ihr arbeitsames Leben, während die Kaffemaschine gluckert. Es ist Slapstick, der zu langsam ist, um wirklich komisch zu sein.

Inszenierung ohne Sinn, Verstand oder Herz

Will uns die Regie die Mangelwirtschaft der DDR zeigen - die graue, spießige, bemitleidenswerte? Denn plötzlich kommt die Zwangsversteigerung per Fax. Hier fängt das Rachedrama dieser "Ossis" an - wie schon bei ihrem Urgroßvater Michael Kohlhaas. Was für eine dünne Behauptung. Außerdem ziemlich herablassend. Sie behaupten: "Man will uns in die Arbeitslosigkeit verdrängen, letztendlich will man uns entsorgen."

Eine Inszenierung ohne Sinn, ohne Verstand und ohne Herz. Kunstblut, Nebel, Ekeleffekte - und eine echte Schlange! Die rachedurstigen Pferdeschwanzträger, sie verwandeln sich im Laufe des Abends in blutrünstige Reichsbürger, die ihre bundesrepublikanischen Pässe verbrennen und sich am Ende einen filmreifen Showdown mit der Polizei liefern. Stimmen aus dem Publikum sind vernichtend: "Ich fand das einen unglaublichen Schrott." "Das mit den Reichsbürgern: Was soll das alles?" "Ich hab vieles nicht verstanden".

Inszenierung hat nichts zu sagen

Der Abend hätte ein paar kluge Dinge zur Gegenwart sagen können. Immerhin steht auf derselben Bühne am Sonntagvormittag einer der Vorkämpfer der Vernunft von heute: der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet": Can Dündar. Er stellt fest, dass wir in einer Gesellschaft der Angst lebten. Er fordert alle Demokraten auf, sich länderübergreifend zu vernetzen, wünscht sich eine aktive Demokratie. Und er klagt die Selbstgerechtigkeit des Westens an: Länder, die Waffen, Krieg und Faschismus exportierten, sind die noch demokratisch?

Man will fast im Stuhl versinken, wen man die Rede Dündars und seine Erinnerung an bewegende Theatererlebnisse im Gefängnis gegen diesen "Kohlhaas" stellt. Hier zeigt sich das Dilemma der Inszenierung. Sie hat nichts zu sagen. Gar nichts. Man sollte Menschen wie Can Dündar zuhören. Der hätte sich mit Michael Kohlhaas gestritten: Rache? Niemals. Gerechtigkeit? Immer.

Die Lessingtage am Hamburger Thalia Theater gehen noch bis zum 4. Februar 2018. Die nächsten Vorstellungen von "Michael Kohlhaas" sind am 27. Januar und am 6. Februar.

Blutarmer "Michael Kohlhaas" am Thalia

Premiere für "Michael Kohlhaas" am Thalia Theater: In der blutleeren Inszenierung nach Kleists Novelle verwandeln sich rachedurstige Pferdeschwanzträger in blutrünstige Reichsbürger.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095   Hamburg
Telefon:
(040) 32814 444
E-Mail:
info@thalia-theater.de
Preis:
10 bis 52 Euro
Öffnungszeiten:
Kartenkasse:
Mo-Sa 10-19 Uhr
So und Feiertage 16-18 Uhr
Kartenverkauf:
Im Vorverkauf. Die Abendkasse öffnet eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.
Hinweis:
Regie: Antú Romero Nunes
Dramaturgie: Matthias Günther

mit:
Thomas Niehaus
Jörg Pohl
Paul Schröder
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.01.2018 | 19:00 Uhr

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