Stand: 24.10.2019 09:15 Uhr

Verhinderte de Maizière-Lesung: "Ganz blöde Aktion"

Im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes sollte am Montag eine Lesung des früheren Innen- und Verteidigungsministers Thomas de Maizière stattfinden. Doch etwa 100 Aktivistinnen und Aktivisten der "Basisdemokratischen Linken" blockierten den Eingang zum Alten Rathaus und verhinderten so die Lesung. In einer Pressemitteilung erklärte die Organisation, die Blockade der Lesung sei Protest gegen den Angriff der Türkei auf Nordsyrien gewesen. Thomas de Maizière sei mitverantwortlich für den "Flüchtlingsdeal", der zu einer "beispiellos zahnlosen Haltung der Bundesregierung" gegenüber der Türkei führe. Der Geschäftsführer des Göttinger Literaturherbstes, Johannes-Peter Herberhold, findet den Vorfall "sehr irritierend".

Herr Herberholdt, Sie waren am Montag vor Ort. Können Sie kurz beschreiben, was da genau passiert ist?

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Johannes-Peter Herberhold

Johannes-Peter Herberhold: Ich bin mit der Moderatorin des Abends, Natascha Freundel vom RBB, zu Fuß zum Göttinger Rathaus gegangen, um dort diese Lesung abzuhalten. Und auf dem Weg dahin rief mich unser Kassenpersonal an und sagte, wir kämen nicht ins Alte Rathaus, das sei blockiert. Ich konnte mir erst gar nicht vorstellen, was das heißen sollte. Wir waren wenige Minuten später vor Ort, und da waren - das hatte sofort eine militärische Anmutung - in Sechser-Ketten in mehreren Reihen hintereinander die Eingänge des Alten Rathauses blockiert. Mich erinnerte das an eine römische Legionärsformation. Ich habe mich dann vorgestellt, aber da hatten die schon alle, wie auf Kommando, eine Trillerpfeife in der Hand und haben so laut da reingetrötet, dass ich nichts mehr sagen konnte. Ich habe es noch zwei-, dreimal versucht, aber es wurde sofort wieder gepfiffen. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Das ist heute mein Haus, das habe ich gemietet, gleich kommen 300 Leute und wollen da rein. Ich habe versucht, mich durchzudrängeln, aber das haben die nicht zugelassen - da waren die sehr fit. Ich habe mich aber irgendwie auf die Balustrade dieser Steintreppe geschwungen und bin da hochgerobbt. Und als ich fast oben war, wollten sie mich herunterschubsen. Da habe ich gesagt: Wenn ihr mich da runterschubst, dann kriegt ihr wirklich richtig Ärger. Das haben sie dann auch eingesehen und es nicht gemacht. Ich bin dann durch die Tür rein, und dabei haben sie mir das Hemd und das Jackett zerrissen. Aber ich war drin. Ich fand das einen symbolischen Akt zivilen Widerstands gegen so eine ganz blöde Aktion.

War das nicht vielleicht auch ziviler Widerstand? So würden ihn zumindest die Aktivistinnen und Aktivisten wahrscheinlich bezeichnen.

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Herberhold: Das ist ja ein Literaturfestival und keine Parteiveranstaltung. Da wollte ein Mitglied einer in Deutschland zugelassenen Partei sein Buch vorstellen. Parallel dazu hatten wir eine Veranstaltung mit Luisa Neubauer über Fridays for Future, und danach hat die linke Feministin Sophie Passmann gelesen. Das war also ein politischer Abend innerhalb eines Literaturfestivals. Das ist nicht umsonst so gewesen, denn wir merken, dass die Leute wissen wollen, was im Land nicht in Ordnung ist: Wie müssen wir da rangehen, was ist mit dem Zusammenhalt, was ist mit den Abgehängten? Damit beschäftigen sich ganz viele Leute, und die wollen das bei einem Literaturfestival auch vorstellen.

Thomas de Maizière war ja schon als Innenminister und dann noch als Verteidigungsminister nicht ganz unumstritten. War es womöglich auch ein bisschen blauäugig von Ihnen, ihn einzuladen?

Herberhold: Nein, ich würde das nicht blauäugig nennen. Es sind ja nicht nur Linke besorgt um die Situation im Land, sondern auch Bürgerliche und Konservative. Und ich finde, er hat sich da sehr konstruktiv beteiligt. Wir kriegen sonst, wenn wir mal zweifelhafte Dinge machen, auch mal eine böse Mail - und so soll es auch sein. Aber hier gab es überhaupt nichts im Vorfeld. Ich finde das sehr irritierend, was da passiert ist. Laut Staatsschutz waren die Hardliner der Antifa aus ganz Niedersachsen dort. Der Staatsschutz und wir haben davon nichts mitgekriegt; das war geplant wie eine Militäraktion und auch so durchgeführt. Herr de Maizière und auch die Polizisten waren verängstigt über diese Sache, und da hätte viel mehr passieren können, wenn wir allesamt da nich so besonnen reagiert und gesagt hätten: Recht und Ordnung muss in diesem Land aufrechterhalten werden, aber nicht heute Abend, und wir müssen dieser Gewalt an dieser Stelle weichen.

Sie haben in einer Pressemitteilung betont: "Eine solche Aktion gegen Autorinnen und Autoren unseres Festivals ist seit Beginn des Göttinger Literaturherbstes noch nicht geschehen." War das eine Ausnahme, oder sehen Sie da eine Tendenz zu immer radikaleren, vielleicht sogar militanteren Auseinandersetzungen?

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Herberhold: Ich finde, dass ganz viele Gruppen von ganz vielen verschiedenen Seiten im Moment versuchen, destabile Verhältnisse herzustellen. Da gibt es hier einen antisemitischen Anschlag, da werden auf der einen Seite Ausländer gehetzt, da wird ein Regierungspräsident umgebracht, da kann ein Hochschullehrer seine Vorlesung nicht abhalten - und da kann ein symbolträchtiger Mann wie Thomas de Maizière in einer Kleinstadt wie Göttingen keine öffentliche Veranstaltungen machen, und zwar keine politische, sondern eine Buchvorstellung. Wenn man das weiterspinnt, dann kommen mir ganz blöde Assoziationen. Dagegen müssen wir unbedingt etwas tun, und deshalb holen wir die Veranstaltung nach. Ich bin mir ganz sicher, dass sich die Göttinger Bürger das nicht noch einmal bieten lassen, dass man ihnen den Eintritt zu ihrem Rathaus verwehrt.

Sie werden auch mit den Worten zitiert: "Wer den Dialog über politische Themen verhindert oder verweigert, stellt sich selbst ins Aus." Nun haben heute tausende Treckerfahrer Blockaden auf den Straßen errichtet. Gehört manchmal auch eine etwas überspitzte Demonstrationsform dazu, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen?

Herberhold: Unter allen Umständen. Ich habe keinerlei Bestrebungen, das Demonstrationsrecht in Deutschland einzudämmen. Der Bauer hat einen Trecker, und wenn er gegen etwas demonstrieren will, dann blockiert er eben Straßen. Aber hier wurde versucht, eine Meinungsfreiheit zu blockieren. Das ist so ein hoher Wert - das kann man nicht durchgehen lassen. Wenn das Schule macht, dann weiß man nicht mehr, wo man hingehen kann und wo man nicht hingegen gehen kann. Der Göttinger Literaturherbst hat in seiner ganzen Geschichte noch nie irgendeine Veranstaltung gemacht, die mit Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung oder ähnlichem zu tun hat. Wir haben da ganz enge Grenzen. Aber ein Politiker der CDU muss doch bei so einem Festival auftreten können. Und das muss auch gewährleistet sein. Mich erschreckt das und macht auch ein bisschen unsicher. Schreibt man mir in Zukunft vielleicht vor, wen ich einladen darf? Das kann ich sein.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Johannes-Peter Herberhold © picture alliance / dpa Foto: Sebastian Gollnow

Verhinderte de Maizière-Lesung: "Ganz blöde Aktion"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Eine Lesung von Thomas de Maizière wurde gestern durch Demonstranten verhindert. Der Geschäftsführer des Göttinger Literaturherbstes, Johannes-Peter Herberhold, findet den Vorfall "sehr irritierend".

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NDR Kultur | Journal | 22.10.2019 | 19:00 Uhr

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