Hans Scholl (Max Hubacher), Sophie Scholl (Luna Wedler) und Alexander Schmorell (David Hugo Schmitz) besprechen die Flugblattproduktion im Atelier in einer Szene aus der Instagram-Serie. © picture alliance/dpa/SWR/BR/Sommerhaus Foto: Rebecca Rütten

"Ich bin Sophie Scholl": Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Stand: 14.05.2021 11:46 Uhr

Seit dem 4. Mai schlüpft eine Schauspielerin in die historische Figur Sophie Scholl und lädt jeden Tag auf Instagram eine Geschichte hoch. Mittlerweile haben fast eine Millionen Menschen den Account abonniert.

von Julia Jakob

Am 4. Mai 1942 zieht Sophie Scholl nach München, sie beginnt dort mit dem Studium der Biologie und Philosophie. Im Jahr 2021 wird Sophie Scholl auf Instagram zehn Monate lang jeden Tag etwas posten - bis zu ihrer Verhaftung im Februar. Die Aktion ist ein gemeinsames Projekt von SWR und BR.

Luna Wedler spielt Sophie Scholl

Schauspielerin Luna Wedler schlüpft in die Rolle der Widerstandskämpferin und tut einfach so, als hätte es während des Nationalsozialismus die Sozialen Medien schon gegeben. "Sophie spricht mit dir als Instagram-User, der du auf dem Account folgst, die guckt die direkt an, die spricht mit dir", sagt Susanne Gerhardt, Redaktionsleiterin Zeitgeschehen beim SWR. "Dieses radikal subjektive - das packt glaube ich viele."

"Ich bin Sophie Scholl" - mischt fiktive und dokumentarische Elemente

Die User sind hautnah und wie in Echtzeit dabei, wenn Sophie zum ersten Mal Kontakt mit der Widerstandsgruppe hat, aber auch wenn sie Geburtstag feiert oder an ihren Freund Fritz denkt. Die historische Person Sophie Scholl wird wieder lebendig und agiert mit ihren Usern - mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. "Wir posten im Feed auch historisches Archivmaterial. Bilder von München, Stadtbilder, aber auch Bilder von der Bücherverbrennung", sagt Gerhardt. "Die Geschichte wird nicht nur durch fiktional szenisches Material erzählt, sondern durch ganz verschiedene Arten." Nicht nur Archivmaterial kommt zum Einsatz, auch mit aktuellen Bezügen spielt der Instagram-Kanal. So bekommt Sophie am 9. Mai ein Geburtstagspaket, mit Honigkuchen, Läusekamm und Desinfektionsmittel. "Jeder denkt sofort an heute, an die Pandemie - wir spielen ein bisschen mit dem heute im damals."

Macher passen das Projekt an die Reaktionen an

Eigentlich waren alle Posts bis zum Februar durchgeplant. Aber der Kanal sendet nicht nur, er empfängt auch - wie die Redaktion lernen musste. "Die Historikerin Barbara Beuys schreibt im Spiegel, es fehle die Religion", erzählt Gerhardt. "Wir hatten uns aus bestimmten Gründen entschieden, das nicht ganz so dick zu fahren. Aber wenn das nachgefragt wird, und das wird in den Kommentaren auch nachgefragt, dann machen wir noch mehr zum Thema Religion."

Ebenfalls lernen mussten die Macher, dass ihr klare Zielgruppen-Definition in der Realität ganz anders aussieht. Eigentlich sollten die 18- bis 25-Jährigen angesprochen werden. "Das sind auch etwa ein Fünftel der Abos, die Hälfte aber ist 25 bis 35 Jahre", sagt Gerhardt. "In den Kommentaren sehen wir auch, dass auch Ältere fasziniert dabei sind."

"Ich bin Sophie Scholl" regt zur Debatte auf Instagram an

Geschichtsunterricht in leicht verdaulicher Snack-Form mag manchen Puristen verschrecken, aber es zeigt sich: so mal eben nebenbei wird #ichbinsophiescholl nicht konsumiert: "Was wirklich toll ist, dass man die User nicht erst in die Interaktion bringen muss, sondern ein Diskurs entsteht direkt in den Kommentaren", sagt Gerhardt. "Das finde ich sehr wertvoll, genau das wollen wir natürlich auch als öffentlich-rechtlicher Rundfunk - das über solche Themen gesellschaftlich relevante Themen, historische Themen diskutiert wird.

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Bronze-Büste von Sophie Scholl © picture alliance / Winfried Rothermel Foto: pWinfried Rothermel

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NDR Info | Kultur | 14.05.2021 | 06:55 Uhr

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