Stand: 28.11.2015 00:01 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Der erste Adventskranz war ein Kronleuchter

von Christian Feldmann
Undatierte Aufnahme von Johann Hinrich Wichern, evangelischer Theologe aus Hamburg. © picture-alliance / dpa
Johann Hinrich Wichern gilt als der Vater des Adventskranzes.

Erfunden wurde der Adventskranz erst 1839 im protestantischen Norddeutschland; die katholischen Milieus übernahmen ihn knapp 100 Jahre später. Es waren die evangelischen Familien, in denen die Vorläufer der adventlichen Zeitmesser - Kalender und Kränze - im 19. Jahrhundert aufkamen, verbunden mit einer Art Hausliturgie: Gesang, Gebet, Bibellesung. Der Vater der protestantischen Diakonie, der Hamburger Johann Hinrich Wichern, war vermutlich der erste, der einen Kronleuchter, nach anderen Quellen ein Wagenrad, zum Adventskranz umfunktionierte.

Waisen das Zählen beibringen

Die kleinen Waisen und Obdachlosen, denen er in seinem Rauen Haus Heimat und Ausbildung gab, hatten ihn ständig gefragt, wann denn nun endlich Weihnachten sei. Um ihre Frage zu beantworten, aber auch um ihnen das Zählen beizubringen, brachte er auf dem Kronleuchter oder Wagenrad so viele Kerzen an, wie es Tage vom ersten Adventssonntag bis zum Heiligen Abend waren. Das heißt, die Zahl der kleinen roten Kerzen variierte von Jahr zu Jahr, nur die vier großen weißen für die Adventssonntage blieben gleich.

Siegeszug des neuen Brauchtums

Die Zuschauer im Michel beim Weihnachts-Hafenkonzert 2015. © NDR Foto: Claudia Timmann
In der Hamburger Kirche Sankt Michaelis hing lange Zeit ein Adventskranz in Originalgröße.

In Romanen und Lebenserinnerungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende finden sich zahlreiche Berichte von solchem Adventsbrauchtum in protestantischen Bürgerhäusern. Seit 1860 etwa wird der Adventskranz mit Tannengrün geschmückt, 1925 übernahm erstmals eine katholische Kirche - nämlich die in Köln - den Brauch, 1930 wurde der erste Adventskranz in München gesichtet. Der Siegeszug des neuen Brauchtums war nicht mehr aufzuhalten, nur die Zahl der Kerzen hat sich überall auf vier reduziert. Die anfangs üblichen mehr als 20 Kerzen entwickeln eine solche Hitze, dass ein solcher Kranz bis zu zwei Meter Durchmesser haben müsste.

Den großen "Originalkranz" gab es lange Zeit nur noch in Hamburg, nämlich im Rauen Haus und in der Hauptkirche Sankt Michaelis. Ein Greifswalder Bootsbaumeister namens Robert Schneider produziert neuerdings wieder Riesenkränze mit 24 kleinen Kerzen für die Werktage vor Weihnachten und vier großen Kerzen für die Adventssonntage, Abnehmer sind fast ausschließlich Kirchengemeinden.

Chiffre der Hoffnung

Vermutlich ist der Adventskranz deshalb auch heute noch ein Renner, weil er so eine dichte und unmittelbar verständliche Symbolik transportiert: Die Kreisform, die keinen Anfang und kein Ende kennt, steht für Ewigkeit und Unendlichkeit, im christlichen Denken auch für die Auferstehung - und, nicht zu vergessen, für die Gemeinschaft. Die vier Kerzen auf dem Kranz können als die vier Himmelsrichtungen auf dem Erdkreis gedeutet werden. Das Tannengrün im Winter ist natürlich eine Chiffre der Hoffnung: Mitten in Eis und Schnee, in Kälte und Dunkel bereitet sich das neue Leben vor. Und dann erst das Licht im früh hereinbrechenden winterlichen Dunkel, das Licht, das von Sonntag zu Sonntag an Kraft zunimmt: ein sprechendes Bild der Erwartung der Ankunft Christi, des "wahren Lichtes", das in der Finsternis leuchtet und unter uns wohnen will. Lichtfeste kennen auch die Juden und die Hindus.

Überhaupt nicht christlicher Vorläufer

Dieser weihnachtliche Deckenschmuck ist ganz besonders. Burkhard Kastner aus Wernigerode hatte eine tolle Idee. Er hat seinen Adventskranz auf ein aufgearbeitetes Wagenrad gelegt und dekoriert. © NDR Foto: Burkhard Kastner aus Wernigerode
Bei der Entstehung des Adventskranzes spielt das Rad eine besondere Rolle

Brauchtumsforscher verweisen auf einen überhaupt nicht christlichen Vorläufer des Adventskranzes: Im frühen Mittelalter konnten sich Mägde und Knechte auf ein ungeschriebenes Gesetz berufen, wonach sie in strenger Winterkälte nicht im Freien arbeiten mussten. Zum Zeichen dafür verstaute man den Wagen, mit dem man sonst auf das Feld fuhr, in der Scheune, schraubte eines der Räder ab und hing es in den Dachfirst oder im Hausinneren über den Kamin. Weil man im Rad aber auch ein Sonnensymbol sah, schmückte man es mit immergrünen Zweigen - zum Zeichen der Hoffnung auf die Wiederkehr der Sonne im Frühjahr.

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