Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Samstag, 08. Dezember 2018, 08:30 bis 09:00 Uhr

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Alexander Solschenizyn erhielt 1970 den Literatur-Nobelpreis.

Sein Name ist noch immer der größte und berühmteste der russischen Literatur, aber vieles kommt hier zusammen: Solschenizyns literarische Bedeutung, seine politische Rolle, nicht zuletzt sein Anspruch, das wahre, das ursprüngliche, das "heilige" Russland zu repräsentieren. Das Bild des Autors hat viele Facetten, und nicht nur in der Zeit seines wachsenden Ruhms gab er Anlass zu ideologischem Streit, sondern auch heute sind die Meinungen über ihn keineswegs einhellig, innerhalb und außerhalb Russlands. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wurde er im Westen als Held und Märtyrer beweihräuchert und als neuer Tolstoi gefeiert, aber schon wenig später - mit seinem Weg ins westliche Exil - folgten die Schmähungen als Reaktionär und Chauvinist. Unbestreitbar ist, dass Solschenizyn - wie sein jüngerer Kollege Viktor Jerofejew schrieb - "die Welt zweimal auf den Kopf gestellt hat": zunächst die russische Welt mit seiner Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" Anfang der sechziger Jahre. Und zwölf Jahre später die kommunistische Welt mit seinem "Archipel Gulag", der Beschreibung der sowjetischen Lager. Dieses Buch zerstörte das kommunistische Ideal. Eine notwendige, eine nützliche Arbeit. Und eine Heldentat des Dissidenten.

Schreiben als Überlebensversuch

Alexander Solschenizyn wurde 1918 in Kisliwods am Kaukasus geboren. Er studierte Mathematik und Physik und nebenbei in Fernkursen Geschichte, Philosophie und Literatur. Während des Zweiten Weltkriegs brachte er es, vielfach ausgezeichnet, bis zum Rang eines Hauptmanns, aber 1945 wurde er wegen kritischer Äußerungen über Stalin verhaftet und zu acht Jahren Lager verurteilt. Sein langer Leidensweg durch den Gulag und seine dabei gewonnenen Einsichten in das Sowjetsystem bildet die Grundlage fast seines gesamten, ungeheuer umfangreichen Werkes. Auf die Jahre im Lager folgten drei Jahre der Verbannung, bis durch den Zwanzigsten Parteitag von 1956 allmählich die Entstalinisierung, das sogenannte "Tauwetter", einsetzte. In der Verbannung begann Solschenizyn zu schreiben, unermüdlich und obsessiv. "Wäre ich Vernunftgründen gefolgt", bemerkte er später, "hätte ich nichts von all dem geschrieben. Aber ich habe geschrieben beim Mauern, in überfüllten Baracken, auf Transport, sterbenskrank an Krebs, als Verbannter in einer winzigen Bauernhütte, in der Pause zwischen zwei Schulstunden. Ich schrieb, ohne mich von Gefahren, Hindernissen oder vom Ruhebedürfnis abhalten zu lassen." Schreiben als Überlebensversuch, zugleich aus dem moralischen Zwang heraus, Zeugnis abzulegen.

Angst vor der Veröffentlichung

Damals entstand der Roman "Der erste Kreis der Hölle", 1958 vollendet, an dessen Veröffentlichung aber trotz des "Tauwetters" nicht zu denken war. Neben der Niederschrift des ersten Romans galt die Hauptarbeit jener Jahre der Materialsammlung sowie den Archiv- und Bibliotheksstudien zu zwei großen Projekten: erstens der ein für alle Mal gültigen Darstellung des "Archipel Gulag" als Dokumentation und Analyse; zweitens der historisch exakten, in erzählerischer Form präsentierten Geschichte des Zusammenbruchs des zaristischen Imperiums, der Revolution und des Bürgerkriegs. Jahrelang hielt Solschenizyn all diese Arbeiten unter Verschluss. "Ich war", schrieb er später, "bis 1961 nicht nur sicher, dass ich zu meinen Lebzeiten keine einzige Zeile von mir gedruckt sehen würde, ich wagte es aus Angst vor Entdeckung nicht einmal, irgend jemanden außerhalb meines engsten Freundeskreises irgend etwas von meiner Arbeit zu zeigen." Erst auf dem Höhepunkt der Entstalinisierung 1961, vorangetrieben vom damaligen Generalsekretär Chruschtschow, entschloss Solschenizyn sich zu dem Versuch, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er überließ Lew Kopelew, einem Gefährten aus dem Lager, das Manuskript der Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", die in einem Straflager spielt, zur Weitergabe an Alexander Twardowski, den Chefredakteur der Zeitschrift Nowyj mir (zu deutsch: "Neue Welt").

An dieser Stelle muss ein Wort über Twardowski gesagt werden, den Journalisten, Schriftsteller und Lyriker vom Jahrgang 1910, der wie Lew Kopelew in seinen frühen Jahren zu den begeisterten Parteigängern des sowjetischen Regimes gehörte. Selbst die schlimmen Jahre der Stalin-Ära hatten ihn in seinem Glauben an die kommunistische Heilslehre nicht irregemacht. Aber er setzte alle Energie ein, die Entstalinisierung voranzutreiben und die Verbrechen des Systems aufzudecken. Nach der Lektüre von Solschenizyns Erzählung stand sein Entschluss fest: diese Erzählung muss in Nowyj mir erscheinen. Um das zu erreichen, galt es listig vorzugehen, um die Zensur zu übertölpeln. Twardowski startete eine Kampagne für das Buch, zugleich gab er das Manuskript wichtigen, öffentlich anerkannten Schriftstellern zu lesen mit der Bitte um ihr Urteil. Schließlich spielte er die Erzählung Chruschtschow zu, der sie sich vorlesen ließ. Sie passte ins Konzept des Generalsekretärs, auch wenn er damit die Geister rief, die er bald schon wieder zu bannen suchte und die nicht unwesentlich zu seinem späteren Sturz beitrugen. Jedenfalls erschien "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" 1962 mit Chruschtschows Erlaubnis in Nowyj mir.

Die Erzählung erregte ungeheures Aufsehen, nicht nur durch das Was, sondern auch das Wie der Darstellung. Nicht nur wurden die Tore der sowjetischen Straflager erstmals aufgestoßen, das Außergewöhnliche lag noch eher darin, dass ein Straflager hier als etwas scheinbar Normales und Gewöhnliches beschrieben wurde: ohne Pathos, undramatisch, scheinbar emotionslos. Der Kolchosebauer Iwan Denissowitsch schildert einen Tag, an dem nichts Besonderes geschieht, einen Tag wie jeder andere. Aber gerade Solschenizyns bewusst naive Erzählweise aus der Perspektive eines einfachen Mannes machte das Absurde und Menschenfeindliche des Systems erschütternd deutlich.

Leider können wir diese Lesung aus rechtlichen Gründen nicht zum Nachhören anbieten.