Stand: 17.09.2019 16:57 Uhr

Susanne Schädlichs Erinnerungen an die Wende

von Susanne Schädlich
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Susanne Schädlich wurde in der ehemaligen DDR von ihrem eigenen Onkel bespitzelt.

Die Schriftstellerin Susanne Schädlich wurde 1965 in Jena geboren. Zwölf Jahre war sie alt, als sie im Dezember 1977 mit ihrer Familie in den Westen nach Hamburg, dann nach West-Berlin kam. Viele Jahre später rollte sie ihre Familiengeschichte auf und schrieb von ihrem Onkel, Karlheinz Schädlich, der die Familie über Jahre als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi beobachtet und bespitzelt hatte. Alles nachzulesen in ihrem 2009 erschienenen Roman: "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich". Jetzt, 2019, wieder an diese Zeit, an die Wende zu denken, verunsichert und irritiert die Schriftstellerin: Was hat sie in unserer Reihe "Grenzenlos Denken. Betrachtungen 30 Jahre nach dem Mauerfall" Neues zu sagen?

Mauerfall, deutsche Vereinigung. Es wird erinnert, bilanziert, diagnostiziert, prognostiziert, viel geredet, geschrieben. Auch ich werde gebeten, etwas beizutragen - eine der üblichen Verdächtigen. Soll oder soll ich nicht? Ich fühle mich aufgefordert, verpflichtet und bin genervt. Was schreiben oder sagen, was ich nicht schon geschrieben oder gesagt habe? Vom Unrechtsstaat, von der SED-Diktatur, der Stasi, von Ressentiments, Nostalgie und Sehnsüchten. Allgemeinplätze. Klischees. Ein Satz von Karl Valentin fällt mir ein: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Friedliche Revolution? Ein Widerspruch in sich

Buchtipp

Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich
von Susanne Schädlich
Droemer Verlag
Seiten: 240 Seiten
ISBN: 978-3426274637
Preis: 14,99 Euro

Ich sitze auf der Terrasse eines Häuschens mitten in Sachsen. Die Ortschaft ist halb herausgeputzt, halb verfallen, halb verlassen. In den Fenstern hängen Stores. Es gibt stillgelegte Fabriken, Restaurants, deren Name über dem Eingang in Sütterlinschrift steht. Auf Wahlplakaten wirbt Die Linke mit Solidarität, Sicherheit, Tradition, die AfD mit: Wir sind das Volk.

Rot und braun, Baum an Baum. Überbleibsel und Keim der Ideologie des DDR-Systems. Auch das ist Allgemeinplatz, Klischee, Pauschalisierung. Friedliche Revolution? Ein Widerspruch in sich. Richtiger wäre: revolutionäre Situation.

Das Zeitmomentum war günstig

Die Herrschenden konnten nicht mehr, die Beherrschten wollten nicht mehr. Das Zeitmomentum war günstig. Gorbatschow, Glasnost, Perestroika. Der Machtwechsel in Polen. Die Grenzöffnung in Ungarn für aus der DDR Geflüchtete. Die Ereignisse in der Bundesdeutschen Botschaft in Prag.

Oppositionelle waren inspiriert und ermutigt, ermutigten und inspirierten. Denen, die etwas verändern wollten, schlossen sich die an, die einfach nur noch raus wollten. Der Intensität und Plötzlichkeit der Demonstrationen hatte das Alt-Herrensystem nichts entgegenzusetzen. Der Große sowjetische Bruder ließ den kleinen deutschen im Stich, die DDR war außerdem auch noch bankrott. Die Herrschenden gewährten Reisefreiheit, auch nach Berlin West, und wollten damit ein Ventil öffnen, Druck ablassen aus dem Kessel, ein Versuch, die Diktatur zu retten und Schabowski sagte auf der Pressekonferenz seinen berühmten Satz: "Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich." Er hatte keine Ahnung, war nicht informiert. Was folgte, ist bekannt.

Susanne Schädlich © dpa Foto: Uwe Zucchi

Susanne Schädlichs Erinnerungen an die Wende

NDR Kultur - Journal -

Susanne Schädlich wurde in der ehemaligen DDR von ihrem eigenen Onkel bespitzelt. Jetzt, 2019, wieder an diese Zeit, an die Wende zu denken, verunsichert die Schriftstellerin.

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Schluss mit lustig

Mit dem Öffnen der Schlagbäume war allerdings auch der Traum der Bürgerrechtler vom dritten Weg, einer demokratisch erneuerten DDR, ausgeträumt. Die Masse, die sich, die Faust in der Tasche, den Protesten angeschlossen hatte, wollte die Errungenschaften des Westens. Schluss mit lustig hinter Stacheldraht und Mauer in konsequenter Geschlossenheit.

Es bedarf keiner Worthülsen als Erklärung, keines Pathos einer politisch motivierten Freiheits- und Einheitsbewegung, keines heroischen Hemdes, das sich sowieso nur einige wenige anziehen.

1989. Eine Zäsur. Sie wirkte wie ein Beschleuniger. Vor allem für die Ostdeutschen. Deren Leben änderten sich fundamental.

Eine nachbarschaftliche Begegnung

30 Jahre später ist es eine nachbarschaftliche Begegnung an einem Gartenzaun in Sachsen, die kleine Geste, die mehr bedeutet, als jedwedes Pathos.

Ein Bier gefällig?
Ich sage nicht Nein.
Das Bier wird über den Zaun gereicht.
Soll ich dir einen Witz erzählen?
Ich sag nicht Nein.
Was ist Glück?, werde ich gefragt. Ich zucke mit den Schultern.
Natürlich, dass wir in der DDR lebten.
Und was ist Pech?
Wieder zucke ich mit den Schultern.
Pech ist, dass wir so viel Glück hatten!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.09.2019 | 19:00 Uhr