Leere Ränge im Theater. © NDR

Kommentar: "Kultur ist existenzielle Seelennahrung"

Stand: 29.10.2020 11:28 Uhr

Bis zum Ende des Monats werden Theater, Opern, Museen, Konzertsäle und Kinos geschlossen. Was bedeutet das für die Kultur?

Ein Kommentar von NDR Kultur-Reporter Marcus Stäbler

Marcus Stäbler © Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Marcus Stäbler berichtet auf NDR Kultur über Konzerte.

Als die Infektionszahlen im März nach oben schossen, wussten wir noch nicht viel über das neue Virus namens SARS-CoV-2 und dessen Übertragungswege. Deshalb war es nachvollziehbar, dass vorsichtshalber alle Veranstaltungen, an denen viele Menschen zusammenkommen, untersagt wurden. Auch in der Kultur. Sieben Monate später ist die Situation anders. Es gibt längst detaillierte Sicherheitskonzepte und Erfahrungswerte. Und die sind eindeutig: In Hunderten Veranstaltungen in Theatern und Opern, Konzerthäusern und Kinos mit insgesamt mehreren Millionen Besuchern in ganz Deutschland ist seit dem Neustart keine einzige Ansteckung im Publikum bekannt geworden, keine einzige Infektionskette nachgewiesen worden.

Kultur-Veranstaltungen treiben nicht das Infektionsgeschehen

"Man müsste fast sagen: Gehen Sie in die Oper, oder gehen Sie in die Elbphilharmonie - da sind Sie sicherer als zu Hause", hat Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda auf einer Pressekonferenz am Dienstag gesagt. Weil sich die meisten Menschen im privaten Umfeld mit Corona anstecken. Und eben nicht, wenn sie mit viel Abstand zueinander in einem Raum mit festen Plätzen und maschineller Belüftung sitzen, wo sie in Ruhe etwas hören oder anschauen, ohne dabei viel zu reden oder Alkohol zu trinken. So wie alleine 85.000 Besucherinnen und Besucher in Elbphilharmonie und Laeiszhalle seit September.

Die Entscheidung, ab kommenden Montag wieder ausnahmslos alle sogenannten Unterhaltungsveranstaltungen zu verbieten und dabei Konzerte und Theater mit Bordellen und Spielhallen in einen Topf zu werfen, wirkt darum für viele Menschen wie ein Schlag ins Gesicht. Natürlich muss der Schutz der Gesundheit an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Natürlich sind die Infektionszahlen derzeit alarmierend, und sie rechtfertigen wohl auch drastische Schutzmaßnahmen. Aber die sollten trotzdem mit kühlem Kopf und anhand der Faktenlage getroffen werden, sie sollten zielgerichtet und verhältnismäßig sein.

Corona-Pandemie: Kultur kann Trost und Hoffnung spenden

Durch eine wiederholte vorübergehende Schließung von Konzerthäusern, Opern, Kinos, Museen und Theatern wird nach jetzigem Wissensstand womöglich kein einziges Infektionsgeschehen verhindert. Dafür wird eine Branche mit rund 1,2 Millionen Erwerbstätigen und einem Gesamtumsatz von knapp 170 Milliarden Euro jährlich unverschuldet noch weiter an den Rand des Ruins oder darüber hinaus getrieben. Außerdem nimmt das Verbot uns die Möglichkeit, in der realen Begegnung mit Musik, Film, Kunst und Theater neue Kraft zu schöpfen.

Kultur ist ja nicht einfach netter Zeitvertreib und Nebensache, sondern viel mehr als das. Sie kann uns berühren, sie kann auch Hoffnung, Trost und neuen Lebensmut spenden und ist für viele Menschen existenzielle Seelennahrung, gerade in einer so schwierigen und dunklen Zeit wie jetzt. Die generelle Absage von Kulturveranstaltung zerstört womöglich mehr als sie rettet. Das kann nicht Sinn der Sache sein.

Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 29.10.2020 | 06:20 Uhr

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