Stand: 23.01.2020 16:41 Uhr

Auschwitz-Orchester rettet Hilde Simcha das Leben

von Maria Ossowski

Hilde Simcha verlor im Holocaust ihre Elten. Sie selbst überlebte das Konzentrationslager Auschwitz, weil sie Mitglied des Musikorchesters war und für die SS-Wachmänner musizierte.

Hilde Simcha © privat
Hilde Simcha überlebte das Konzentrationslager Auschwitz, heute lebt sie in Israel.

Hilde Simcha lebt im Kibbuz Netzer Sereni bei Tel Aviv. Sie hat ihn mit anderen KZ-Überlebenden nach dem Krieg aufgebaut. Hilde Simcha ist über 90 und hat ein phänomenales Gedächtnis. An jede Ecke ihrer Heimatstadt Berlin scheint sie sich zu erinnern, jede Straße in Mitte kennt sie aus jener Zeit, als sie noch Hilde Grünbaum hieß und eine behütete Kindheit hatte: "Meine Mutti hat mich in alle Museen mitgenommen. Jeden Sonntagvormittag ist sie mit mir Unter den Linden spazieren gegangen und wir sind dann an der Oper stehen geblieben und haben im Vorverkauf Karten gekauft."

Ein Herr Schlesinger, der neben der Synagoge Oranienburger Straße lebte, gab ihr Geigenunterricht. Ihren Vater sah sie 1938 zum letzten Mal, er verschwand bei der sogenannten Polenaktion, als die Nazis polnische Juden an die Grenze verfrachteten. Ihre Mutter wurde in Ravensbrück ermordet. Und Hilde kam am 20. April 1943 nach Auschwitz. "Nach einigen Tagen hat man gefragt: Ist hier jemand, der ein Instrument spielt? Und da habe ich gedacht, das sei ein Witz. Und dann sagten sie, dass hier ein Orchester zum Aus- und Einmarsch gegründet würde. Ich habe damals ein Abszess gehabt und konnte nicht mehr Violine spielen und so habe ich dann Klaviernoten geschrieben. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das gemacht habe. Klaviernoten sind anders als Geigennoten - nach Anweisungen von Alma Rosé."

Nichte von Gustav Mahler beschützte sie

Alma Rosé war die Nichte von Gustav Mahler. Sie leitete das berühmte Mädchenorchester und hielt ihre Hand schützend über Hilde. Auch Anita Lasker-Walfisch spielte dort Cello und sagte später einmal über die Dirigentin: "An ihrer Wiege stand Gustav Mahler, an ihrer Bahre Josef Mengele". Mit einer Legende räumt Hilde auf. Das Orchester habe zwar in einer Baracke in Birkenau geübt, die in der Nähe der Gaskammern stand, aber nie die Opfer musikalisch dorthin begleitet. Sie hat für die SS spielen müssen und für Ein- und Ausmärsche.

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Orchestermitglieder durfte Haare wachsen lassen

Hilde verdankt nicht nur Alma ihr Leben, sondern auch einem Jungen, der ihre Ballerinaschuhe sah und wusste, dass niemand mit solchen Schühchen lange lebt. Er schenkte ihr Skischuhe, mit denen sie Auschwitz und Bergen-Belsen sommers wie winters überstand. Zu Beginn wurden ihr die Haare geschoren, aber als Orchestermitglied durfte sie sie wachsen lassen. Aus den Leisten der Betten hat sie sich Lockenwickler geschnitzt.

So besaß Hilde Grünbaum eine Ausgabe von Goethes Faust, einen Rilke, die Lockenwickler, einen Füllfederhalter, den ein Lagerkommandant ihr zum Transkribieren überlassen hatte, und ein Samtkästchen. Und dann stand sie 1945 vor dem Viehwaggon, der sie nach Bergen-Belsen bringen sollte. Ihre Sachen waren noch im Lager. Sie rannte zurück und holte alles. "Man hat mich später einmal gefragt, wie ich so mutig sein und zurück zum Block laufen konnte. Und meine Antwort ist darauf immer gewesen, dass das Leben nichts wert war dort. Ich habe immer gesagt, dass ich mir mein Niveau nicht nehmen lasse", so Simcha. Und zum Niveau gehört Faust, Rilke, die kleine Dose, die Lockenwickler? "Ja."

Habseligkeiten sind nun in Yad Vashem

In der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem liegen jetzt Hildes Habseligkeiten. Hilde ist nach der Befreiung nach Israel gegangen, hat geheiratet und zwei Söhne großgezogen. Ihr Enkel leitet heut den Kibbuz. Sie wollte immer Architektin werden, hatte sogar ein Stipendium für London, aber ihre Kinder brauchten sie. Aus Hilde Grünbaum wurde Hilde Simcha. Simcha bedeutet Freude. Zum Abschied sage ich ihr, welch ein Glück sie mit diesem wunderschönen Kibbuz habe, wo alle sich um sie kümmern. Sie schaut mich streng an und antwortet mit ihrer Berliner Schlagfertigkeit: "Was heißt hier Glück? Ich habe ihn aufgebaut!"

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Dieses Thema im Programm:

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