Jörg Steckelberg zeigt den Schülern Fionn und Matthes den toten Winkel an einem Lkw. © NDR Foto: Martina Witt

Der Lkw-Fahrlehrer, der Grundschüler vorm toten Winkel warnt

Stand: 23.11.2020 00:01 Uhr

In der Reihe "Nicht meckern, machen" stellt NDR Info Menschen im Norden vor, die sich auf besondere Weise für andere einsetzen und sich engagieren. Die Vorschläge dazu kamen im Oktober von Ihnen, unseren Hörern. Zum Auftakt geht es um einen Lkw-Fahrlehrer aus Hannover.

von Martina Witt

Fionn und Matthes sitzen abwechselnd auf dem Fahrersitz eines Lkw. Die beiden Drittklässler erfahren auf diese Weise, was ein Lkw-Fahrer sieht und was nicht, wenn er in seine Außenspiegel schaut.

"Ich kann nicht direkt hinter den Lkw gucken und auch nicht direkt vorne ran an den Lkw", sagt der achtjährige Fionn. "Wenn das Fenster jetzt auf wäre, würde ich rausgucken und dann würde ich das Kind sehen und ihm sagen, dass es mehr Abstand halten soll, dass ich es sehen kann", meint Matthes.

Von der Fahrschule zur Grundschule

Fahrlehrer Jörg Steckelberg hat einen großen Lkw auf dem Parkplatz vor der Grundschule Groß Munzel in der Region Hannover geparkt. Normalerweise kommt er seit 2017 jedes Jahr mit drei Lastwagen und mindestens zwei Fahrschülern. Dann ist die ganze Schule auf den Beinen - doch in diesem Jahr hat die Corona-Krise das Projekt durchkreuzt. Deshalb zeigen der Fahrlehrer und die beiden Drittklässler, worum es geht. 

Die Idee zu dem Präventions-Projekt sei ihm gekommen, als er gerade den Sohn der Schul-Sekretärin ausgebildet habe, sagt Steckelberg. "Die Problematik war eigentlich immer, dass wir das auf der einen Seite im Fahrschulunterricht trainiert hatten. Dann gab es auf der anderen Seite in der Schule Aktionen. Aber tatsächlich ist es ja so, dass der Straßenverkehr wie so ein riesiger Spielplan ist, auf dem wir uns alle wiedertreffen." Daher sei ihm die Idee gekommen, die Ausbildungsinhalte zu verbinden. "Das heißt, dass die angehenden Berufskraftfahrer zusammen mit den Grundschülern die Thematik toter Winkel erarbeiten."  

Das Ziel: Weniger tödliche Verkehrsunfälle mit Lastwagen

Steckelbergs Motivation: Er will einen Beitrag dazu leisten, dass es bis 2050 keine Verkehrstoten mehr auf Europas Straßen gibt. Seine Strategie: die Beteiligten zusammenbringen und das gegenseitige Verständnis stärken; denn normalerweise sitzen ein Fahrschüler und ein Grundschüler gemeinsam im Führerhaus, ein weiterer steht mit Kindern vor dem Fahrzeug.

Steckelberg will, dass vor allem seine Berufskraftfahrer Gesichter vor Augen haben. "Dass sie wissen, das Kind, dem ich das gezeigt habe, das könnte sich tatsächlich auch im toten Winkel befinden", sagt der Fahrlehrer. Genauso solle das Kind lernen, dass es Situationen gibt, in denen der Lkw-Fahrer das Kind nicht sieht. "Es soll dann notfalls einfach zurückbleiben und warten, bis der Lkw-Fahrer abgebogen ist, um die Situation zu entschärfen."

Schulleiterin schätzt die Regelmäßigkeit des Projekts

Der achtjährige Fionn sitzt in einem Lkw. © HAZ Foto: Tim Schaarschmidt
Selbst auf dem Lkw-Fahrersitz Platz zu nehmen, ist für die Kinder natürlich spannend. Doch sie nehmen auch wichtige Lektionen mit.

Elke Jasper leitet die Grundschule in Groß Munzel. An dem Projekt schätzt sie vor allem die Regelmäßigkeit: "Unsere Erstklässler wissen auch was von einem toten Winkel. Aber wenn die einen Lkw erleben, dann würden sie trotzdem nicht zurückgehen, weil sie den immer noch spannend finden. Aber wenn sie das im zweiten, dritten und vierten Schuljahr noch mal machen, dann erinnern sie sich auch nach einem Jahr daran, was sie gemacht haben."

Steckelberg will auch andere Schulen anfahren

Jörg Steckelberg will das Projekt künftig noch ausweiten. So war er vor Corona auch mit anderen Schulen im Gespräch, um dort mit seinen Lastwagen hinzufahren. Er hofft, dass das im kommenden Jahr wieder geht.

Bei Fionn und Matthes ist auf jeden Fall schon eine ganze Menge hängengeblieben: "Vorher dachte ich immer, ein Lkw wäre wie ein Auto. Ich verhalte mich halt besser, halte mehr Abstand", sagt Fionn. Und Matthes fasst einen wichtigen Lerninhalt zusammen: "Wenn man den Fahrer nicht sieht, dann sieht der Fahrer das Kind oder die Person auch nicht."

Die Drittklässler Matthes (links) und Fionn im Führerhaus eines Lkw. © NDR Foto: Martina Witt

AUDIO: "Nicht meckern, machen": "Lkw-Fahrstunde" für Grundschüler (4 Min)

 

Weitere Informationen
Ein Mann hält eine Kette aus Papiermänchen. © photocase.de Foto: complize

Höreraktion: Nicht meckern, machen!

Eine Aktion in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Abendblatt, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und den Kieler Nachrichten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 23.11.2020 | 07:48 Uhr

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