Ein Mann mit einer Prothese spielt Klavier © picture alliance / Zoonar | Max

Zu viele Barrieren für Menschen mit Behinderung im Kultursektor

Stand: 04.12.2021 07:46 Uhr

Am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung ist der Forschungsbericht "Time to Act" vorgestellt worden, in dem beschrieben wird, "wie mangelndes Wissen im Kultursektor Barrieren für Künstler*innen und Zuschauer*innen mit Behinderung schafft". Ein Gespräch mit der Theaterpädagogin Sophia Neises.

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Frau Neises, die Studie trägt den Titel "Time to Act", also "Zeit zu handeln". Das müsste sehr in Ihrem Sinne sein - Sie bezeichnen sich selbst als Behindertenrechtsaktivistin. Worin besteht der Handlungsbedarf?

Sophia Neises: Diese "Zeit zu handeln" war für mich schon vor 20 Jahren. Und der Handlungsbedarf liegt darin, diese Barrieren abzubauen. Wir müssen aufhören, Entschuldigungen dafür zu suchen, die Barrierefreiheit nicht abzubauen, sondern wirklich handeln. Diese Entschuldigungen, das sind immer finanzielle Gründe oder "man wusste es nicht", wie es auch in der Studie herausgekommen ist. Da frage ich mich: Aber was wisst ihr nicht? Ihr wisst nicht, dass es behinderte Menschen gibt? Oder ihr wisst nicht, dass sie interessante Kunst machen? Wo fehlt das Wissen? Ich verstehe es wirklich nicht, weil viele behinderte Menschen Podcasts haben oder auf YouTube aktiv sind. Es ist doch eine Entscheidung, was man im Leben weiß und was nicht.

Sie sind Tänzerin und selbst sehbehindert. Wie funktioniert das für Sie auf der Bühne mit Sehenden und Nichtsehenden?

Neises: Für mich ist es hauptsächlich Kommunikation mit dem Team. Das ist nicht immer so einfach, weil alle Tänzer*innen, mit denen ich meistens tanze, sehr in ihrer Tanz-Bubble sind. Die kommen von Tanzschulen, wo sie nur nicht-behinderte Menschen kennen. Das heißt, ich muss am Anfang super viel Kommunikationsarbeit leisten und super viel Aufmerksamkeit schaffen. Ich müsste eigentlich doppelt bezahlt werden, weil ich im Grunde Aufklärungsarbeit mache und als Performerin arbeite. Mein Ziel ist es immer, das ganze Wissen aus meiner Kraft heraus zu etablieren und dass wir alle gemeinsam die Behinderung vergessen, um in einen Schaffensprozess zu kommen. Es müssen also Grundregeln etabliert werden.

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Eine Grundregel ist zum Beispiel, dass, wenn wir über Richtungen sprechen, nicht zu sagen: da oder dort - sondern: auf der Fensterseite, oder rechts und links, damit ich auch weiß, wo es hingeht. Lasst uns auf eine Sprache einigen, die nicht so vage ist, und die Informationen, die rein visuell sind, nicht benutzen. Ich benutze oft das "Sounding" und das "Tracking" - so habe ich das selber benannt. Beim "Sounding" bitte ich die anderen das auch zu tun: Wenn sie eine bestimmte Bewegung machen, auch immer ein Geräusch dazu zu machen, damit ich immer genau weiß, was gerade im Raum passiert und ich einsteigen und mittanzen kann. Beim "Tracking" schaue ich mir einen Körper mit meinen Händen an und übertrage dann die Bewegungen auf meinen Körper. Das kostet am Anfang ganz viel Vorbereitungszeit.

Bei Kulturinstitutionen geht es bei Barrierefreiheit dann meist in erster Linie um die Barrierefreiheit für das Publikum, etwa um Rollstuhlrampen. Barrieren können aber auch etwas ganz anderes sein. Sie betreiben da Aufklärungsarbeit. Wie reißen Sie Mauern ein? Und wie reagieren Veranstalter auf Sie?

Neises: Das ist ein total wichtiger Punkt. Der Workshop, den meine Kolleg*innen und ich machen, heißt auch "More than ramps", also "Mehr als Rampen". Es geht um die Barrieren, die in den Köpfen der Menschen noch existieren und dadurch Menschen mit Behinderungen gesellschaftlich absolut ausgegrenzt werden. Dadurch entsteht ein bestimmtes Bild von Behinderung, und daraus folgt auch, dass wir uns nicht für sie interessieren, dass wir sie nicht lebenswert finden, wenn wir jede Menge Bluttests entwickeln, damit sie gar nicht erst geboren werden. Diese ganzen Stigmen, das ist das, wo wir erstmal ansetzen müssen. Weil man dann auch priorisieren kann, und dann gibt es plötzlich doch Gelder. Es gibt Gelder für die krassesten Bühnenbilder, für die krassesten Regisseur*innen weltweit - aber wenn es um Barrierefreiheit geht, gibt es die Gelder plötzlich nicht mehr. Das ist der ganze erste Teil des Workshops, wo wir nur darüber sprechen, was das Stigma von Menschen mit Behinderung ist. Das ist ein unheimlich langsamer Prozess. Deutschland hat 2009 die Behindertenrechtskonvention ratifiziert, und immer noch hat sich so wenig getan. Es hat sich zum Beispiel nichts daran geändert, wie Kinder und Jugendliche tatsächlich beschult werden. Es gibt nicht viele geschulte Tanzlehrer*innen, die auch behinderten Kindern ermöglichen, bei ihnen zu tanzen, die dann wiederum auf der Bühne stehen, wo sie als Vorbild für andere behinderte Kinder gelten. All diese Dinge passieren nicht. Wie sollen sich Barrieren im Kopf abbauen, wenn wir behinderte Menschen auf Bühne oder im ganz normalen Alltag nicht als vollwertige Menschen erleben?

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.12.2021 | 18:00 Uhr

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