Sylvia Jaki © Daniel Kunzfeld / Uni Hildesheim Foto: Daniel Kunzfeld

Wie wird Wissenschaft in der Corona-Pandemie kommuniziert?

Stand: 02.07.2021 12:27 Uhr

"Wissenschaftskommunikation und Informationsverhalten in der Corona-Pandemie" - so lautet der etwas trocken daher kommende Titel einer Tagung an der Uni Hildesheim. Die Vorträge sind aber keinesfalls lebensfern. Zum gastgebenden Forschungsteam gehörte die Medienlinguistin Sylvia Jaki.

Sylvia Jaki © Daniel Kunzfeld / Uni Hildesheim Foto: Daniel Kunzfeld
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Frau Jaki, die wissenschaftsbezogene Berichterstattung ist eines Ihrer Kernforschungsgebiete. Was sind die prägnantesten Veränderungen in der Darstellung wissenschaftlicher Inhalte im Zuge der Pandemie?

Sylvia Jaki: Der prägnanteste Unterschied ist, dass der digitale Bereich wahnsinnig an Bedeutung gewonnen hat. Die Qualitätsmedien sind immer noch sehr wichtig. Viele Leute besinnen sich auf diese Qualitätsmedien zurück, gerade weil sie sie vielleicht aus der Kindheit kennen. Aber diese klassischen Medien sind ja nicht mehr so, wie sie früher waren, sondern es sind jetzt häufig Medienverbünde. Es gibt viele Online-Angebote: Wir können eine Zeitung zum Beispiel auch online lesen und nicht nur in Printform. Und das führt dazu, dass wir alleine dadurch schon ein ganz großes Informationsangebot haben. Da muss man ein bisschen aufpassen, denn das führt zu einer Art "Information Overload", und da haben wir die Gefahr, dass das den Leuten zu viel wird. Und dann haben wir auch die Sozialen Medien, wir werden also von allen Seiten mit Informationen beschallt.

Inwiefern haben sich die Bedürfnisse geändert? Wie zufrieden oder unzufrieden sind die Menschen mit der Informationsvermittlung?

Jaki: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt viele Leute, die generell sehr zufrieden sind mit der Informationsvermittlung, gerade weil sie auch die Vermittlungsqualität der Qualitätsmedien im Auge haben. Aber es gibt auch bestimmte Bevölkerungsgruppen, die man verliert, die sehr unzufrieden sind, die sich von Informationen eher abwenden. Es gibt also einerseits die Leute, die auf diese klassischen Medien und auf ihre eigenen Fähigkeiten, Informationen auszuwählen, vertrauen. Und auf der anderen Seite solche, die sich ein bisschen abgehängt fühlen und die dann auch dazu neigen, in diesen Bereich der Fake-News abzudriften oder Informationen vollständig zu vermeiden.

Soziale Medien, allen voran Twitter, spielen bei der politischen Kommunikation eine große Rolle. Wie sieht es bei der Wissenschaftskommunikation aus? Sind die da auch so wichtig?

Jaki: Klassischerweise eigentlich nicht so sehr. Bis vor kurzem hatte man noch stark den Eindruck, dass Deutschland im internationalen Vergleich, was Internetformate betrifft, noch stark zurück liegt - zum Beispiel was Wissenschaftsblogs oder was die Nutzung von Twitter betrifft. Das hat sich meiner Meinung nach in der Corona-Krise ein bisschen geändert. Hier hat Twitter auch eine größere Bedeutung bekommen. Und ich denke schon, dass man hier einen längerfristigen Einfluss sehen kann, dass man begriffen hat, dass die Sozialen Medien auch ein wichtiges Kommunikationsmittel für uns sind. Aber man muss sehen, wie sich das längerfristig entwickelt.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Hatespeech im Internet? Hat sich diese Entwicklung weiter verschärft? Inwiefern haben sich die Inhalte und Feindbilder geändert?

Jaki: Sachen, die wir momentan beobachten können, sind zum Teil der Corona-Pandemie geschuldet - zum Teil bin ich mir nicht sicher, ob es sich um eine natürliche Entwicklung handelt. Wir haben in den letzten Jahren eine verstärkte Polarisierung gesehen: Jeder bezeichnet die andere Seite als Faschisten, Linksfaschisten, Nazis und so weiter. Aber ich habe den Eindruck, dass solche Nachrichten in der Corona-Pandemie besonders überhandgenommen haben, weil sich gerade die, die relativ stark mit diesen Maßnahmen einhergehen und die, die gar nicht damit einhergehen, sich ein bisschen mit bestimmten politischen Lagern assoziieren lassen. Ich habe den Eindruck, dass das diese Kluft noch mal verstärkt. Wir haben de facto noch mal einen Anstieg an Hatespeech gesehen - von daher sieht man schon, das die Corona-Pandemie einen deutlich negativen Einfluss hat.

Gegen wen oder was richtet sich denn der Hass im Netz besonders stark? Oder ist das einfach ein gegenseitiges Beschießen?

Jaki: Ein bisschen von allem. Im Prinzip kann jeder zum Opfer von Hassrede werden. Jedes Thema ist potenziell politisch aufgeladen, oder es wird potenziell politisch aufgeladen. Auch bei der Wissenschaftskommunikation: Wissenschaft ist in gewisser Form politischer denn je und ist dadurch auch politisch aufgeladen und polarisiert. Aber auch ganz banale Themen polarisieren heute. Und so wird jeder potenziell zur Zielscheibe von Hass - entweder weil man eine Minorität ist, weil man anders aussieht als die anderen oder weil man einfach eine andere Meinung hat. Man sieht auch immer wieder eine Rückbesinnung auf diesen Migrationsdiskurs - diese Gruppen werden auch weiterhin zur Zielscheibe. Dem Hass sind leider keine Grenzen gesetzt.

Im Zuge der Pandemie ist das Thema Wissenschaft deutlich in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Niemals zuvor war die Bereitschaft so groß, Forscherinnen und Wissenschaftler anzuhören und auch von der anderen Seite her Wissenschaft anschaulich zu vermitteln. Bedeutet die Pandemie insofern auch eine positive Entwicklung für die Wissenschaftskommunikation?

Jaki: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Pandemie - so schlimm sie auch ist - für die Wissenschaftskommunikation positive Konsequenzen haben wird. Wir haben auch vorher schon eine Entwicklung gesehen, dass Wissenschaftskommunikation immer wichtiger wurde - gerade im Bereich der Klimakrise. Aber es haben sich auch neue Entwicklungen ergeben. Leute, wie zum Beispiel die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim oder der Wissenschaftler Christian Drosten, haben eine wahnsinnige Plattform bekommen. Das heißt, dass selbst Wissenschaftler*innen, die es vorher als nicht so wichtig erachtet haben, es verstanden haben, wie wichtig gute Wissenschaftskommunikation ist. Es werden immer mehr Stimmen laut, dass Wissenschaftler*innen in der Wissenschaftskommunikation trainiert werden müssen. Es wird aus den Universitäten kommuniziert, es wird sehr stark von verschiedenen Medien über Wissenschaft kommuniziert. Ich glaube, dass wir hier einen positiven Trend sehen, gepaart mit der Möglichkeit, dass man auch verschiedenste digitale Formate nutzen kann.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.07.2021 | 18:00 Uhr