Das Banner der Veranstaltung "Vyre" © SV Szlachta

"Vyre": Labor-Thriller als Mitmachtheater

Stand: 28.06.2021 11:01 Uhr

Wann geht der Mensch in der Cloud auf? Die Hamburger Performancegruppe SV Szlachta hat in Zusammenarbeit mit dem Lichthof Theater mit "Vyre" einen interaktiven Theaterabend über das Verhältnis von Mensch und Technologie entwickelt.

von Daniel Kaiser

Das Publikum wird sofort eingebunden. Am Eingang werden die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem Staubsauger "dekontaminiert". In Dreiergruppen werden sie durch das "Labor" in einem Hinterhofgebäude im Stadtteil Hohenfelde geführt, in dem gerade ein hochdramatisches Experiment beginnt: Clemens liegt wie Schneewittchen fast nackt und bewusstlos in einem Glaskasten, denn sein Bewusstsein wird gleich digitalisiert. Jeder und jede bekommt eine kleine Aufgabe für diesen unübersichtlichen Moment: Reagenzgläser müssen auf Zeichen exakt in einen Trichter gefüllt, oder ein USB-Stick in einem ganz bestimmten Moment eingestöpselt werden. Das Publikum wird vom ersten Moment an zu scheinbar wissenschaftlicher Exaktheit verdonnert.

Schräge Wissenschaftler erschaffen den neuen Menschen

In diesem Biohacker-Labor verständigt man sich über kleine Funkgeräte. Es klingt alles konspirativ. Die ganze Zeit brodelt es geheimnisvoll im Raum. Der intersexuelle Pi sediert mit wissenschaftlichem Geschwafel. Mit Hilfe von VR-Brillen wird man minutenlang Animationen der Cloud angesichtig. Man kann sogar Gespräche mit dem Avatar des in die Cloud hochgeladenen Clemens führen. Besonders spooky ist die subversive Punker-Wissenschaftlerin mit Nieten-Mundschutz, die an Pilzen rumschnippelt und sie mit Magneten behandelt. Das Verhältnis der schrägen Wissenschaftler-Charaktere untereinander wird leider nur ganz am Rande thematisiert. Einige Halbsätze lassen ahnen, dass der Idealismus der Bio-Hacker nur Fassade ist und jeder eine eigene abgründige Geschichte hat.

Intensiv und übergriffig

Das große Vorbild dieses zweistündigen Abends sind die überdimensionalen Arbeiten der Gruppe SIGNA, die zuletzt für das Schauspielhaus Hamburg in einer zwölfstündigen Installation in einem alten Fabrikgebäude eine Nacht in einer Obdachlosenunterkunft simuliert haben. Tatsächlich hatten dort auch einige Mitglieder der Gruppe SV Szlachta mitgewirkt. Genau wie bei SIGNA ist auch dieser Abend immer ein bisschen übergriffig und lockt das Publikum im direkten Gespräch aus der Resserve: Fühlst Du Dich in Deinem Körper wohl? Wärst Du selbst gerne in der "Cloud" hochgeladen - körperlos und grenzenlos? Hat Dich schon mal jemand "widernatürlich" genannt? Je offener die Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Fragen antworten, desto offener der Ausgang des Abends.

Sprechen mit irischem Moos

Irgendwann knetet, massiert und liebkost man gedankenverloren eine Handvoll Kuchenteig, weil man so angeblich Kontakt zu einer aussterbenden Moosart in Island aufnehmen kann. Das hat jedenfalls Wissenschaftler-Aktivist Luca versprochen. Plötzlich klopft es. Man massiert weiter. Man will es in diesem Moment glauben. Neben all den Dingen, die Künstliche Intelligenz möglich machen, scheint Sprechen mit Pflanzen fast nur noch eine Fingerübung. Spätestens da wird der Abend zu einem interessanten, abgefahrenen Stück Theater, das einen buchstäblich aus dem roten Samtsessel eines Theatersaals ins Geschehen beamt und zur Stellungnahme zwingt, was das Menschsein einem wirklich bedeutet.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 28.06.2021 | 19:00 Uhr

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