Eine Frau sitzt hält sich die Hände vor das Gesicht. © picture alliance / photothek Foto: Thomas Trutschel

Volkskrankheit Depression: "Das ist eine stille Katastrophe"

Stand: 13.01.2022 14:00 Uhr

Der neue Roman "Ende in Sicht" von Ronja von Rönne rückt das Thema Depression wieder in den Mittelpunkt. Ein Gespräch mit Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Herr Hegerl, so sehr die Krankheit Depression öffentlich auch tabuisiert wird, ist immer wieder auch von der "Volkskrankheit Depression" die Rede. Ist sie das wirklich?

Ulrich Hegerl: Eine Depression ist zunächst einmal eine schwere Erkrankung. Wenn man die Diagnose hat, dann lebt man im Schnitt um zehn Jahre weniger. Das hat mit einer Befindlichkeitsstörung nichts zu tun, sondern es ist eine schwere, auch Gehirnfunktionen betreffende Erkrankung. Und sie ist häufig - das war früher so, das ist jetzt so. Wir haben keine massive Häufigkeitszunahme im Vergleich zu vor 40 Jahren. Was wir aber haben, ist, dass viel mehr Menschen sich heute Hilfe holen und eine Diagnose bekommen, weil die Ärzte das besser erkennen, weil sie auch die Diagnose Depression nicht mehr so oft hinter anderen Ausweichdiagnosen verstecken. Da hat sich also viel gebessert, was das Stigma angeht, sodass man heute besser erkennt als früher, wie häufig diese Erkrankung wirklich ist. Das bedeutet auch, dass viele Menschen mit Depressionen heute leichter aus der Isolation rauskommen und Hilfe kriegen. Das dürfte auch erklären, warum wir diesen wunderbaren Rückgang der Suizide in Deutschland in den letzten 40 Jahren haben. Wir hatten vor 40 Jahren 18.000 Suizide - jetzt sind wir bei etwas mehr als 9.000 Suiziden jedes Jahr in Deutschland. Das ist immer noch eine grauenhafte Zahl, aber trotzdem eine Halbierung. Das dürfte eine Folge davon sein, dass Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen heute häufiger eine Diagnose und Hilfe bekommen.

Depression: Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung, Tel. 116 111. Elterntelefon: (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Wie äußert sich Depression? Wie erkennt ein Betroffener, dass das eine ernstzunehmende Krankheit ist und eben nicht eine Befindlichkeitsstörung?

Hegerl: Die Menschen haben den Eindruck, sich selber gar nicht mehr richtig wiederzuerkennen. Sie sind permanent innerlich angespannt, so als ob sie vor einer Prüfung wären. Sie neigen zu Schuldgefühlen, haben keinen Appetit, verlieren mehrere Kilogramm an Gewicht, haben Schlafstörungen, weil sie einfach nicht zur Ruhe kommen und auch nicht durchschlafen können. Schuldgefühle sind ganz typisch, Hoffnungslosigkeit: Da komme ich nie wieder raus aus diesem Zustand. Deswegen gibt es auch sehr oft Suizidgedanken und suizidale Impulse. Es ist ein Zustand mit extrem hohem Leidensdruck.

Studien legen nahe, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Corona und den Einschränkungen, die durch die Pandemie kommen, und der Depression. Sehen Sie das auch so?

Hegerl: Wir, die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, haben selber eine Serie von repräsentativen Befragungen gemacht - mit jeweils etwa 5.000 Menschen, die zum Thema Depression befragt worden sind, auch in der Corona-Zeit. Sehr beunruhigend ist, dass fast die Hälfte der Menschen, bei denen schon mal die Diagnose Depression gestellt worden ist, angegeben haben, dass sich ihre Erkrankung durch die Maßnahmen gegen Corona verschlechtert hat. Die Menschen geben an, dass sie Suizidgedanken entwickelt haben, dass sie einen Rückfall erlitten haben, dass die Schwere zugenommen hat. Auch von Suizidversuchen wurden berichtet in den letzten sechs Monaten der Befragung. Die letzte Befragung war im September 2021, aber ganz ähnlich waren die Ergebnisse im Februar letzten Jahres. Das ist eine stille Katastrophe, die hier stattfindet.

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Dass das etwas mit den Maßnahmen zu tun hat, dafür spricht, dass die Menschen, die über eine Verschlechterung berichtet hatten, auch die Menschen waren, deren medizinische Versorgung sich verschlechtert hat, da stationäre Behandlungen abgesagt und ambulante Angebote heruntergefahren wurden. Dass Selbsthilfegruppen ausgefallen sind, dass sie selbst so verschüchtert waren, dass sie sich nicht getraut haben, Hilfe zu holen. Und auch, dass sie durch die Maßnahmen weniger Sport gemacht, sich mehr ins Bett zurückgezogen haben und generell mehr Zeit zum Grübeln zu Hause hatten. Die vermehrte Bettzeit ist deswegen ganz schlecht für Menschen mit Depressionen, weil Schlafentzug ein Behandlungsverfahren ist, das in Kliniken angewandt wird. Anders als man zunächst glauben würde, ist es so, dass 60 Prozent der Menschen, die die zweite Nachthälfte wach bleiben, plötzlich eine deutliche Besserung ihrer Krankheit spüren und denen das erste Mal seit vielen Wochen das Frühstück wieder schmeckt und die Hoffnung zurückkommt. Deswegen ist es für diese Menschen schlecht, wenn sie früher ins Bett gehen, länger liegen bleiben oder sich tagsüber hinlegen. Das ist tatsächlich eine stille Katastrophe, die mir ganz große Sorgen macht.

Das A und O ist professionelle Hilfe. Als eine Hilfe bei Depressionen wird immer mal wieder auch Kultur genannt: Selbst zu musizieren oder zu malen soll sehr gut sein. Die neue geschäftsführende Direktorin des Bühnenvereins Claudia Schmidt rückt auch den heilsamen Aspekt von Kultur in den Fokus: Theater und Orchester hätten eine "fundamentale heilsame Wirkkraft". Wird da der Kultur vielleicht doch ein bisschen zu viel Gutes zugeschrieben?

Hegerl: Ich weiß nicht, auf welche Erkrankung sie das bezieht, aber für Depressionen gilt das jedenfalls nicht. Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, und Musik hören, Entspannungstechniken oder Yoga - das sind alles Verfahren, die keine Wirksamkeitsbelege haben. Die beiden Hautbehandlungssäulen bei der Depression sind die Behandlungen mit Antidepressiva und mit Psychotherapie, und hier speziell die kognitive Verhaltenstherapie. Das ist eine ernsthafte Erkrankung, und da ist davon abzuraten, dass man sich allein auf alternative Behandlungsangebote verlässt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.01.2022 | 18:00 Uhr

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