Stand: 12.01.2019 22:20 Uhr

Murakami - Meister der literarischen Gelassenheit

Der etwas rätselhafte, ziemlich öffentlichkeitsscheue, aber weltweit bekannte japanische Autor Haruki Murakami ist am 12. Januar 2019 70 Jahre alt geworden. Seine Beliebtheit hierzulande verdankt er zu einem großen Teil Ursula Gräfe. Sie ist seit Jahren seine Übersetzerin ins Deutsche.

Haruki Murakami - Stationen des Autors

Frau Gräfe, ein Teil des "Mythos Murakami" dürfte darin bestehen, dass er sich so rar macht, kaum Interviews gibt, selten öffentlich auftritt. Sind Sie dem Meister mal begegnet? Ist das Scheu oder Attitüde?

Ursula Gräfe: Ja, ich bin ihm schon zweimal begegnet, und ich bin ganz sicher, dass es echte Scheu ist. Inzwischen habe ich einen ganz guten Eindruck von ihm, und er wirkt wie ein Mensch, der es überhaupt nicht genießt, im Mittelpunkt zu stehen, sondern schüchtern ist und sich vielleicht sogar etwas geniert.

Die Legende besagt, dass er vor seiner Schriftstellerkarriere Barbesitzer in Tokio war. Wie wurde dann aus dem Einen der Andere?

Gräfe: In verschiedenen Vorworten erzählt er selbst immer die Geschichte, als er eines Tages in einem Stadion saß und sich ein Baseballspiel anschaute und plötzlich die Idee bekam: Ja, ich möchte einen Roman schreiben. Er kaufte sich schnurstracks einen Füllfederhalter und fing an. Das war sein erster Roman, "Wenn der Wind singt". Und damit bekam er einen sehr gewichtigen Nachwuchspreis in Japan, der seine Karriere einleitete.

Sie sind sowohl Japanologin als auch Amerikanistin und können das ganz gut beurteilen: Wie viel des Japanischen hat er in die amerikanische und damit auch in die internationale Literatur eingebracht? Und umgekehrt, wie viel von dem amerikanischen Hintergrund in die japanische Literatur?

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Gräfe: Das ist eine sehr kompliziert zu beantwortende Frage, weil diese Angelegenheit so vielschichtig ist. Zum einen würde ich hervorheben, dass Murakami ein neuerer Innovator der japanischen Literatur ist. Und zwar, weil er vor dem Hintergrund der vielen amerikanischen Literatur, die er rezipiert hat, seine Einstellung zur Literatur gebildet hat. Dass also die Literatur - nicht wie es im Japan der Vorkriegszeit üblich war - etwas Hehres sein muss, dass nur eine gebildete Schicht versteht, in der möglichst poetische, vielleicht sogar kryptische Themen angesprochen werden. Wir kennen das aus Deutschland auch ein bisschen, dass gewisse Dinge ernste Literatur, Hochliteratur sind und andere Unterhaltungsliteratur. Diese Grenze wollte er bewusst durchbrechen, und da liegt auch bei ihm der Einfluss, den die amerikanische Literatur auf sein Schaffen hat. Er hat das Ansprechende in der Erzählung in den Vordergrund seiner Werke gebracht, was in der japanischen Literatur vorher überhaupt kein Thema war.

So wie sie es beschreiben, treffen sich da eine fernöstliche Archaik und eine eher westlich geprägte Moderne. Ist das eine Stilfrage, eine rein literarische - oder liegt dem auch ein Denkmuster zugrunde?

Gräfe: Sie haben völlig Recht: Da scheidet sich etwas in seinem Werk, und zwar dieses Etwas zwischen Altertum und Moderne. Es ist zum einen eine stilistische Sache: Er schreibt in einer Weise, dass man sehr gut folgen kann. Er schreibt sehr flüssig und auf den Inhalt bezogen. Es gibt immer mal wieder ein paar sprachliche Experimente, aber das steht für ihn absolut nicht im Vordergrund.

Das Japanische liegt in dieser ganz besonderen Wirklichkeitsauffassung, die sich in seinen Geschichten ausdrückt: dass die Charaktere oder Situationen die Ebene der physikalischen Realität häufiger überschreiten. Das ist ein durchaus japanisches Moment.

Es hat um die früheren Übersetzungen der Werke von Haruki Murakami viel Streit gegeben. Die waren nämlich nicht aus dem Japanischen übersetzt, sondern waren Übersetzungen der amerikanischen Übersetzungen. Seitdem sind Sie diejenige, die das Ganze direkt aus dem Japanischen übersetzt. Was macht da den Unterschied?

Gräfe: Das waren insgesamt nur zwei Bücher, die über das Amerikanische ins Deutsche gekommen sind. Alles andere wurde direkt aus dem Japanischen übersetzt. Aber bei den beiden Werken "Die gefährliche Geliebte" und "Mister Aufziehvogel" ist es tatsächlich passiert und dadurch hat so eine Art Missinterpretation im Deutschen stattgefunden. Viele amerikanische Übersetzer übersetzen oft in einer umgangssprachlichen Weise, die dem amerikanischen Leser eher das Gefühl des Vertrauten vermitteln. Das wirkt sich ein bisschen fatal beim Japanischen aus, weil die gesellschaftlichen Umstände so unterschiedlich sind: Japanische Charaktere kommunizieren weitaus förmlicher miteinander, als es Amerikaner tun würden. So entsteht bei einer Übersetzung aus dem Amerikanischen ins Deutschen diese allzu umgangssprachliche Atmosphäre, es gibt so viele idiomatischer Ausdrücke und dergleichen, dass man das Gefühl hat, man hat so ein Hybrid vor sich.

Murakami wird seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt. Wann ist er endlich fällig? Warum hat er ihn bis jetzt nicht bekommen?

Gräfe: Das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich nehme an, dass ihm tatsächlich dieser Ruch des Unterhaltungsautors anhaftet und es damit etwas zu tun haben könnte.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Haruki Murakami im Jahre 2010 © imago/Christian Thiel Foto: Christian Thiel

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Der japanische Autor Haruki Murakami wird am Sonnabend 70 Jahre alt. Seine Beliebtheit hierzulande verdankt er zu einem großen Teil seiner Übersetzerin Ursula Gräfe. Ein Gespräch.

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