Stand: 15.04.2018 08:36 Uhr

Verstörend! "Hänsel & Gretel" mit Rammstein-Musik

von Katja Weise

Es gehört zum Bildungskanon und ist eines der gruseligsten und bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm: "Hänsel und Gretel". Zwei verhungernde, im Wald ausgesetzte Geschwister müssen der bösen Hexe entfliehen, die sie auffressen will. Die estnischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo adaptieren in Hamburg das Märchen mindestens ebenso verstörend ins Heute.

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Der Rammstein-Musiker Till Lindemann (hier bei einem Auftritt in Wacken) hat die Musik zum Theaterstück mit komponiert - und spielt mit.

Müsste Hänsel am Ende nicht eigentlich total fett sein? Diese Frage ihres Sohnes brachte das estnische Regieduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo dazu, sich näher mit dem Grimmschen Märchen von "Hänsel und Gretel" zu beschäftigen. Als sie dann auch noch auf Till Lindemann trafen, den Sänger der Band Rammstein, nahm das Projekt einer Rockoper-Variante von "Hänsel und Gretel" Gestalt an. Er lieferte gemeinsam mit Peter Tägtren, Jakob Juhkam, Clemens Wijers den morbiden Soundtrack zum Grauen. Bei der Uraufführung am Thalia Theater am Samstagabend war der Sänger allerdings nur im Video zu sehen.

Wohlstandsverwahrlosung statt Armut

Können Menschen hässlich sein? Die Familie, die da in scheinbarer Glückseligkeit in einem langgestreckten Bungalow wohnt, sieht aus, als hätten sich alle schlechten Gedanken niedergeschlagen in Äußerlichkeiten: dicke Tränensäcke, verschorfte Haut, geschwollene Hälse. Dabei herrscht, anders als im Märchen, keineswegs Hunger. Es wird gegessen und gebetet, zum Schlafen liest die Mutter Hänsel und Gretel sogar vor. Trotzdem mangelt es an Geld: "Ich geb' mein Auto nicht auf, wir brauchen beide Autos", heißt es im Stück. "Dann fällt halt der Urlaub ins Wasser" - "Nein, ich möchte Ski fahren."

Und so kommen die durch die Maskenbildner arg zugerichteten Eltern zum gleichen Schluss wie die im Märchen: Die Kinder müssen weg. Statt Armut also Wohlstandsverwahrlosung. Till Lindemann singt dazu auf eingespielten Videos düster vom Herz, das auf und davon will, vom Leben, das die Menschen mit Füßen tritt. Aufgenommen werden darf das allerdings nicht, die Stücke sollen 2019 auf dem zweiten Soloalbum des Sängers herauskommen.

Ein Kind mit Plastikmaske über Gesicht und Kopf streichelt einen Erwachsenen mit Schleife - Szene von "Hänsel & Gretel" am Thalia Theater Hamburg © Matthias Matthies

"Hänsel und Gretel": Gruselige Neuinszenierung

NDR Kultur -

Das estnisches Regieduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo haben das Märchen von "Hänsel und Gretel" neu interpretiert - mit einem gruseligen Soundtrack von Rammstein-Sänger Till Lindemann.

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Fressen bis zum Brechreiz

Formal kommen die Songtexte harmlos wie Kinderreime daher, doch den, der genau hinhört, schaudert es. Das Regieduo aus Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo setzt dagegen vor allem Bilder - von beeindruckender, wenngleich oft plakativer Wucht. So wird auch das Spiel der Schauspieler auf eine riesige Leinwand übertragen. Die Berge von Burgern und Sahnetorten, die hier im Hexenhaus nicht geknuspert, sondern verschlungen werden, verschwinden in Großaufnahme im Mund der dicken Hexe. "Ich weiß, ich hab zugenommen, aber das ist mir ganz egal. Ich bin lieber fett, als auf den Genuss zu verzichten", sagt sie. Die Hexe mästet Hänsel märchengerecht und auch Lindemann frisst und trinkt im Video bis zum Brechreiz.

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Das Regieduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo lässt das Publikum schaudern.

Platt ist das, und sehr viel mehr Inhalt gibt es vor der Pause auch nicht. Danach schickt das Regieduo den fett gewordenen Hänsel auf eine Art Odyssee und spielt dabei mit Motiven aus anderen Märchen.

Beifall nicht nur von Rammstein-Fans

Doch um Gretel, die inzwischen in einen Stein verwandelt wurde, tut es Hänsel leid. "Es wäre so einfach, wenn es so einfach wär", singt Lindemann. Aber Semper und Ojasoo tun so, als wäre es einfach. Bei ihnen herrscht schlicht Gier. Und der Versuch, aus "Hänsel und Gretel" im zweiten Teil eine Art Entwicklungsgeschichte zu machen, verwirrt eher. Die Idee, Hänsel fett und fies werden zu lassen, trägt nicht besonders weit. Viel Beifall gab es trotzdem, und das nicht nur von den schwarz gekleideten Lindemann-Fans.

Verstörend! "Hänsel & Gretel" mit Rammstein-Musik

Das Grimmsche Märchen "Hänsel und Gretel" lehrt das Fürchten. Nicht minder gruselig feierte seine Neuinterpretation am Thalia Theater nun Uraufführung - mit Musik eines Rammstein-Musikers.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Preis:
Von 74 bis 15 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Sonnabend von 10 bis 19 Uhr
Sonn- und Feiertage von 16 bis 18 Uhr
Kartentelefon (040) 32 81 44 44

Die Abendkasse ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet, Reservierungen werden 30 Minuten vor Beginn frei gegeben.
Hinweis:
Hänsel & Gretel
nach den Brüdern Grimm
Uraufführung

Regie, Bühne, Kostüme und Video: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo
Songtexte/Gesang: Till Lindemann
Musikalische Leitung: Jakob Juhkam
Komposiition: Jakob Juhkam, Till Lindemann, Peter Tägtgren, Clemens Wijers
Dramaturgie: Sandra Küpper

Es spielen: Kristof Van Boven, Marie Jung, Till Lindemann, Björn Meyer, Tim Porath, Gabriela Maria Schmeide, Rafael Stachowiak
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 15.04.2018 | 14:20 Uhr

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