Stand: 21.02.2018 15:11 Uhr

Kirche und Geld - was läuft schief?

Seit dem Skandal um Protz-Bischof Tebartz-van Elst ist die katholische Kirche bemüht, ihre Finanzen offenzulegen. Eine Transparenzoffensive, die nicht ganz so gelaufen sei, wie man sich das vorgestellt habe, räumt inzwischen - fünf Jahre ist der Fall her - der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx ein. Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Bundes Katholischer Unternehmer Ulrich Hemel.

Herr Hemel, vor fünf Jahren Limburg; im Bistum Eichstätt hat man sich um rund 60 Millionen Euro bei Immobiliengeschäften in den USA verzockt; während in Hamburg katholische Schulen schließen sollen, weil zu wenig Geld da ist. Sie sind Theologe und Wirtschaftsexperte - was würden Sie als Unternehmensberater sagen: Macht die katholische Kirche da nicht etwas falsch?

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Ulrich Hemel ist Präsident des Bundes Katholischer Unternehmer.

Ulrich Hemel: Zuallererst kann man es ja begrüßen, dass wir eine kritische Öffentlichkeit haben, die Transparenz sehen möchte. Es hat schon eine Zeit lang gedauert, bis innerhalb der Kirche klar war, dass das Beichtgeheimnis zwar weiterhin wichtig ist und Diskretion in Gelddingen ebenfalls von Bedeutung ist, dass aber in der heutigen Zeit die Offenlegung von Finanzen ein Gebot der Stunde ist, speziell in einer demokratischen Gesellschaft, wo ja letzten Endes eine ganze Menge an Kirchengeld vom Kirchensteuerzahler herkommt. Die Einstellung auf diese neuen Anforderungen hat Zeit gedauert. Und es ist völlig klar: Wenn die Systeme da nicht stimmen, dann kommen auch solche Skandale ans Tageslicht. Man muss diese Systeme verbessern.

Aber ist da ein Bischof, der für die Finanzen zeichnet, vielleicht auch überfordert? Generalvikare sind zwar auch noch da, aber ist das wirklich unabhängig genug? Braucht die Kirche nicht ein viel stärkeres Finanz- und Kontrollsystem?

Hemel: Erstens gibt es das in der außerkirchlichen Welt schon lange, und zweitens: Ja, genau das ist die Anforderung der Stunde. Bischöfe sind ja als Priester der Seelsorge verpflichtet, und das ist in aller Regel auch ihr hauptsächliches Interesse. Wir haben aber ein System in der Kirche in Deutschland, bei dem in vielen Fällen unabhängiger und damit auch kritischer Rat eher mit Skepsis beäugt wurde. Das muss sich ändern. Ich glaube, dass wir gut daran tun, neu über Finanzstrukturen in der Kirche in Deutschland nachzudenken. Auch solche, bei denen Finanzgremien von unabhängigen Menschen besetzt sind. Damit meine ich Menschen, die nicht von Vornherein nur auf die Zuneigung und Zustimmung des Bischofs und seiner engsten Vertrauten zielen.

Über Limburg und Eichstädt haben wir schon gesprochen. Das Bistum Hamburg ist mit 80 Millionen Euro verschuldet. Das sind ja nur die Spitzen des Eisbergs und nur die Fälle, die bekannt geworden sind. Haben Sie eine Ahnung, was sonst noch unter der Oberfläche schlummert?

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Hemel: Wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen - aber ich weiß es tatsächlich nicht. Ich glaube, dass wir offenlegen müssen, was Sache ist. Das gibt es bereits: Wir haben zwei Bistümer in Deutschland, die bereits Bilanzen vorlegen wie andere Organisationen auch. Mit allen Schwierigkeiten, aber auch mit der notwendigen Offenheit. Und das Zweite sollte man auch nicht vergessen: Wofür ich Geld ausgebe, ist Frage meiner eigenen Priorität. Mache ich eine Urlaubsreise, oder spare ich für ein neues Auto? Das ist im privaten Bereich so, das ist im kirchlichen Bereich auch so. Andersrum gefragt: Wollen wir in Schulen investieren und damit in die Zukunft der Gesellschaft? Oder wollen wir in den sauren Apfel beißen und beispielsweise das ein oder andere Krankenhaus in eine andere Trägerschaft überführen? Das sind Fragen, die man sich stellen muss. Ich finde aber, es sind Fragen, die auch viel stärker von den Gläubigen selbst mitbeantwortet werden sollten. Hier wünsche ich mir, gerade im finanziellen und organisatorischen Bereich, eine viel stärkere demokratische Mitwirkung der Gläubigen.

Es kommt ja bei solchen Gefällen schnell die Frage nach Gerechtigkeit auf: Die "ärmeren" Bistümer schauen auf die "reicheren". Das ist die Kirchenperspektive. Die Gläubigen fragen sich natürlich auch: Was macht die Kirche mit den Kirchensteuern? Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Hemel: Die Gläubigen haben auch das gute Recht, das zu fragen. Selbstverständlich gibt es auch Kirchenvermögen aus anderen Jahrhunderten, von Zustiftungen, von kircheneigenen Organisationen - da gibt es ein ganz großes Feld. Die Kirche ist ja insgesamt deutlich dezentraler, als das von außen meistens wahrgenommen wird. Trotzdem gilt, speziell wenn es um die Verwaltung von Kirchensteuergeldern geht: Hier ist der Bischof so etwas wie ein Treuhänder, und ein Treuhänder muss auch Rechenschaft abgeben - das ist seine Pflicht und Schuldigkeit. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang in der Tat überlegen, ob Bischöfe dafür willens und geeignet sind, denn ihre Grundaufgabe ist eine andere. Hier haben wir also vielleicht die Chance, grundsätzliche Fragen neu zu stellen.

Würden Sie da einspringen?

Hemel: Als Person gerne. In Verbindung mit dem Mitgliedsunternehmen des Bundes Katholischer Unternehmen ebenfalls sehr gerne. Aber auch hier muss man sagen: Jede Beauftragung, gerade wenn es um Beratung geht, lebt vom Vertrauen und von der klaren Absprache von vielen. Und niemand wird einen Klienten beraten, der gar nicht willens ist, sich zu verändern. Umgekehrt wird ein Klient, der nicht willens ist, sich zu verändern, niemanden suchen, der darauf drängt, dass große Veränderungen nötig sind. Man muss sich also zusammensetzen und überlegen: Was kann und soll denn wirklich das Ziel sein? Und wie weit können und wollen wir denn gehen? Dass diese Frage gestellt wird, das begrüße ich ausdrücklich.

Bis morgen noch tagen die katholischen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Ingolstadt. Kardinal Marx ist entschlossen, mehr Transparenz und Offenheit in Finanzfragen zu bringen. Reicht das aus?

Hemel: Naja, eine Ankündigung ist immer erst einmal eine Ankündigung. Da wird jeder Kundige abwarten, was an Taten tatsächlich folgt. Wie weit die deutschen Bischöfe in einer Kultur eines gewissen Zentralismus auf Ebene der Diözesen willens sind, hier ein Stück eigener Macht abzugeben, das sei dahingestellt. Das wäre aber die Chance. Es wäre schade, wenn man die Chance verstreichen lassen würde. Es wäre großartig, wenn wir das alle interpretieren würden - im gläubigen Sinne - als Weckruf des Heiligen Geistes.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.02.2018 | 19:00 Uhr

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