Die menschenleere Große Freiheit auf St. Pauli bei Nacht. © NDR Foto: Mathias Heller

Tot, toter, Reeperbahn: das verlorene Nachtleben auf St. Pauli

Stand: 26.04.2021 11:58 Uhr

Das neue Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung legt Ausgangsbeschränkungen nun gesetzlich fest. Hamburgs Nachtleben mit seinen Theatern, Kneipen und Musikclubs liegt schon lange brach. Wie sieht es auf St. Pauli aus?

Die menschenleere Reeperbahn vor dem Schmidts Tivoli auf St. Pauli. © NDR Foto: Mathias Heller
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von Mathias Heller

Es ist Samstagabend, Schanzenviertel. Es ist 22.33 Uhr. Schräg gegenüber von der Roten Flora befindet sich "Die Katze", eine Kneipe mit lauter Musik, vielen jungen Leuten und solchen, die es noch sein wollen - normalerweise. In Zeiten von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen nach 21 Uhr ist es ruhig. Zwei junge Mädchen stehen auf einem Balkon im dritten Stock und singen Popsongs. Ein leeres Taxi holpert vorbei. Ein Pizzakurier auf dem Fahrrad tritt in die Pedale.

Ein paar Minuten später auf der Reeperbahn: Über dem Imperial-Theater gegenüber der Tanzenden Türme leuchtet nur noch der Schriftzug "Imperial", das Wort "Theater" nicht. Schieben sich an einem Samstagabend normalerweise kleine und größere Gruppen von Junggesellinnenabschieden oder Touristen über den breiten, grauen Fußweg der Reeperbahn, so ist er nun menschenleer. Niemand. Auch die getunten Sportwagen fehlen auf der Straße und den Parkstreifen. Testosterongesteuertes Balz- und Reviergehabe - Fehlanzeige.

Reeperbahn ruhig und verlassen

Kneipen, Bars, Imbiss-Buden, Kioske, Theater und Clubs reihen sich auf der Reeperbahn aneinander, gewöhnlich mit Trauben von Menschen davor: Das Mojo, das Operettenhaus, Docks, Klubhaus, Schmidt's Tivoli und das St. Pauli Theater. Kultur brummt am Wochenende auf St. Pauli. Lautstärke, oft ein Wohlfühl-Indikator. Und nun: Busse fahren ruhig ihre Strecken, zwei Fußgänger gehen mit schnellem Schritt Richtung S-Bahn, sonst ist es ruhig.

Hamburgs schrillste Straße ist tot

Die pulsierende Leuchtreklame gibt normalerweise den Herzschlag der Nacht auf St. Pauli vor. Jetzt ist sie überwiegend aus, nichts blinkt. Hamburgs schrillste Straße ist heute Abend dunkel, leblos wie in einem dystopischen Film. Man versteht den Ärger, die Sorgen und den Frust der Clubbetreiber und Barbesitzer. Diese Ruhe an einem Samstagabend auf St. Pauli ist traurig. Der Beatles-Platz, sonst Treffpunkt für viele Nachtschwärmer, könnte an diesem Samstagabend auch ein abendlicher Marktplatz in Büsum, Buchholz oder Bad Doberan sein.

Ein Mannschaftsbus der Polizei parkt in der Nähe, ein SUV mit Wohnwagen fährt langsam stadtauswärts. Mittlerweile ist es 23.40 Uhr, angekommen beim Park Fiction am Fuße der St. Pauli Kirche, einen Steinwurf von der Elbe entfernt.

Das Herz von St. Pauli schlägt nicht mehr

Hier befindet sich auch der "Golden Pudel Club", wo nicht nur samstagnachts DJs auflegen und getanzt, getrunken und gelacht wird - auch hier ist es ruhig und still, das Licht ist aus. Ein Kirschbaum strahlt mit seinen weißen Blütenblättern aus der Dunkelheit. Nur der Hafen gegenüber surrt und knattert noch leise vor sich hin. Das Herz von St. Pauli, an diesem Samstagabend schlägt es nicht mehr.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 26.04.2021 | 19:00 Uhr

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