Stand: 12.03.2018 16:44 Uhr

"Tiny House": Wohnen auf wenigen Quadratmetern

von Laura Borchardt und Lisa Hagen

Sie sehen aus wie Puppenstuben für Erwachsene - schlafen, kochen, essen auf wenigen Quadratmetern. Winzige Häuser, sogenannte Tiny Houses, sollen jetzt die Lösung für das Wohnungsproblem in unseren Städten sein. Denn teure Mieten oder sogar Eigentum können sich immer weniger Menschen leisten - trotzdem müssen sie in der Stadt leben können. Ein Problem, das Stadtplaner schon lange umtreibt.

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Erfolgreich mit ihrem "Tiny-House"-Projekt: Julia Wehdeking.

Klein, kleiner - das ist das Konzept von Julia Wehdekings "Tiny House". Gemeinsam mit einer Kommilitonin entwarf sie ein Minihaus auf Rädern und gewann dafür gleich einen Preis: 2.000 Euro. Genug, um ihr erstes Bauprojekt anzugehen. "Die Herausforderung ist, dass alles auf so kleinem Raum ist. Man muss sich überlegen: Was brauche ich? Man ist dort, um zu schlafen, zu essen und sonst geht man raus. Warum sollte man dann riesige Wohnräume haben, die man gar nicht bezahlen kann oder will, wenn man einen so kleinen Anteil seines Lebens dort verbringt", erklärt Wehdeking. Vorbilder gibt es weltweit: Ausgefallene "Tiny Houses" füllen bereits ganze Fotobände.

Derzeit baut Wehdeking in der Lüneburger Heide an ihrem "Tiny House". Das Besondere: Alles soll nachhaltig sein. Statt Isolierwolle verwendet sie getrocknetes Seegras. Später soll das Minihaus Solarzellen auf dem Dach haben und eine Komposttoilette. 3,80 Meter hoch, 2,50 Meter breit und 6 Meter lang - so ist das "Tiny House" tauglich für den Straßenverkehr, um es an den richtigen Standort zu bringen. Im April soll das Haus fertig sein. Danach können Interessierte probewohnen.

Wohnflächen pro Kopf reduzieren

Überall entstehen in Norddeutschland Minihäuser. Das Konzept, sich auf das Wesentliche zu reduzieren, fasziniert immer mehr Menschen - auch Familien. Doch das Problem von preiswertem Wohnraum in Ballungsräumen bleibt: Trotz hoher Mieten wachsen unsere Städte immer weiter. Es muss sich etwas ändern, sagt auch Bernd Kniess. Er erforscht Wohn- und Lebensformen der Zukunft an der Hafencity Universität: "Es stellt sich natürlich die Frage, wie werden wir zukünftig in Städten unter diesen beengten Umständen leben können? Ich denke, es ist zwangsläufig, dass wir unsere Wohnfläche pro Kopf reduzieren müssen." Fast 70 Quadratmeter bewohnt jeder Deutsche, der alleine lebt, im Durchschnitt. In Hamburg wohnt schon jetzt fast jeder Zweite allein. Nimmt man Zwei-Personen-Haushalte dazu, macht das fast 80 Prozent der Haushalte in der Hansestadt aus.

"Tiny House" für die Großstadt ungeeignet?

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Bernd Kniess erforscht Wohn- und Lebensformen der Zukunft.

Die Mietpreise steigen seit Jahren, gerade in Großstädten wie Hamburg: 2001 kostete hier der Quadratmeter 5,83 Euro, 2017 waren es schon 8,44 Euro. Dazu kommen noch Nebenkosten. Neu vermietete Wohnungen sind noch teurer. Kniess fordert zum Umdenken auf: "Wenn wir nicht weiter ausufernd in diese grünen Außenbereiche wachsen wollen, müssen wir unsere bestehenden Städte qualifizieren und nachverdichten. Das kann ich mit dem "Tiny House" gar nicht machen. Kniess schlägt zum Beispiel vor, leer stehende Büroräume in Wohnungen umzuwandeln. Allein in Hamburg gibt es davon rund 700.000 Quadratmeter. Denn es wird immer schwieriger, für Studierende und Geringverdiener eine bezahlbare Wohnung zu finden.

 

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Von der Idee zum gemütlichen Tiny House

Das muss man erst einmal schaffen, noch dazu im Alter von 18 Jahren. Schritt für Schritt hat Leopold Tomaschek aus dem Wendland sein eigenes Tiny House gebaut. Bildergalerie

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Tiny Houses – wohnen to go

Tiny Häuser sind definitiv nichts für Leute mit Platzangst – doch sind sie wahre Raumwunder. Die Kleinstdomizile gelten als ökologische Wohnform der Zukunft. ([W] wie Wissen vom 30.09.2017) extern

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