Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, im Porträt. © picture alliance Foto: Christian Charisius

Joachim Lux: "Neue Corona-Regeln müssen für alle gelten"

Stand: 28.10.2020 21:40 Uhr

Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux, kritisiert die neuen Corona-Regeln als unfair. Zu viele Widersprüchlichkeiten führen zu Zorn und Verbitterung, sagte er im Gespräch mit NDR 90,3.

Herr Lux, was denken Sie über die neuen Corona-Maßnahmen?

Joachim Lux: Das sind nicht ganz unerwartete, aber schreckliche Nachrichten. Im Frühjahr war die Situation eine andere: Das war damals erstmalig, und alle haben sich am Riemen gerissen. Da hatte man Kraft, und die Kraft ist jetzt in der Gesellschaft und in unseren Betrieben deutlich schwächer, weil es so demoralisierend ist. Man kann machen, was man will, man ist am Ende doch auf der Verlierer-Strecke. Das ist für uns alle anstrengend, auch psychisch anstrengend.

Haben Sie denn Verständnis für die Maßnahmen?

Zuschauer in einem Theaterraum mit coronabedingtem Abstand im Zuschauerraum. © picture alliance/XAMAX/dpa Foto: -
Theater gelten mit ihren Hygienekonzepten als sicher. Warum also schließen?

Lux: Ja, und nein. Wenn man in eine unkontrollierbare Pandemie reinrutscht, was möglicherweise derzeit so ist, dann müssen alle ihren Beitrag leisten. Allerdings - und das ist jetzt das große Aber- müssen es dann wirklich alle tun. Dann dürfen keine Fußballspiele mehr stattfinden, dann darf auch die Deutsche Bahn nicht so tun, als ob die Abstandsregeln nicht für sie gelten. Es gibt in dem ganzen Mechanismus einfach zu viele Widersprüchlichkeiten, und die führen zu Zorn und Verbitterung. Wenn alle in einem Boot sitzen, ist das in Ordnung, aber wenn die Kultur, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen, als allererste bluten muss, dann ist das schon emotional schwer verständlich - auch wenn es rational eine notwendige, wenn auch schmerzhafte Maßnahme ist.

Brodelt es jetzt in der Kulturbranche?

Lux: Ja, das würde ich schon so sagen. Aber wie gesagt nicht wegen der Maßnahmen an sich, wir sind ja keine Corona-Leugner, sondern die Lasten müssen gesellschaftlich fair verteilt werden. Und wenn man das Gefühl hat, dass das nicht der Fall ist, dann wird es schwierig. Das ist dann auch ganz schwer zu legitimeren. Es gibt ja auch schon Länder, in denen Aufruhr herrscht, weil man das nicht mehr begreift. Dieses gemeinsame Begreifen wird immer schwerer, wenn man merkt, dass die Regeln nur für einige gelten und nicht für alle.

Was muss geschehen, damit wir nach Corona noch ein Kulturleben haben?

Lux: Bei den finanziellen Hilfen geben sich die Bundesregierung und Hamburg viel Mühe und machen das richtig gut. Ohne Geld geht es nicht, aber am Ende ist es nicht das Geld allein, sondern das soziale Leben verwahrlost. Es wird sehr lange dauern, bis wir wieder da sind, wo wir aufgehört haben, bis die Menschen sich wieder trauen, ins Theater zu gehen, bis sich das alles auch wieder ökonomisch rechnet. Außerdem muss den Gesamtschaden ja irgendwann irgendwer bezahlen, und ‚irgendwer‘ sind wir alle, so dass es perspektivisch wahrscheinlich Kürzungen geben wird und wir auch die alten Zuschauer-Zahlen nicht mehr erreichen. Die Durststrecke wird überbrückt mit Ad-hoc-Maßnahmen, die großartig sind. Aber die eigentliche Durststrecke wird noch kommen, und zwar in einer Härte, die wir uns noch gar nicht ausmalen können, fürchte ich.  

Das Interview führte Stefanie Wittgenstein.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 28.10.2020 | 19:20 Uhr

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