Ein Junge hängt zu Hause über Schulbüchern © IMAGO / Petra Schneider Foto: Petra Schneider

Sprachwandel auch in Schulbüchern

Stand: 16.02.2021 08:02 Uhr

Sprachwandel spielt bei der Konzeption von Schulbüchern eine wichtige Rolle. Ein Aspekt ist etwa die Frage, wie gendergerecht oder diskriminierungsfrei formuliert werden kann.

von Janek Wiechers

Wie in allen Lebensbereichen spiegelt sich auch in Schulbüchern der Wandel von Sprache wider. Eine Tatsache, um die man auch bei der Westermann-Gruppe mit Sitz in Braunschweig weiß. Es ist eines der größten Verlagshäuser für Bildungsmedien in Deutschland.

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Das Wort "Schüler*innen" ist in einem Text hervorgehoben © picture alliance/dpa | Gregor Bauernfeind Foto: Gregor Bauernfeind

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Sprachwandel ist für die Autorinnen und Autoren in den Redaktionen der Verlagsgruppe ein wichtiges Thema bei der Konzeption von Schulbüchern, sagt Sprecherin Regine Meyer-Arlt. Ein Aspekt dabei ist etwa die Frage, wie gendergerecht und diskriminierungsfrei formuliert werden kann: "Das sind die beiden großen Entwicklungen, die wir im Moment sehen. Und das kann man schon bemerken, wenn man sich nur Bücher aus der Jahrtausendwende ansieht. Da war gendergerechte Sprache noch kaum oder so gut wie gar nicht Thema. Da hat man ganz klar von Schülern und Lehrern gesprochen oder von Partnerarbeit. Das sind alles Begriffe, die wir jetzt immer hinterfragen müssen. Genauso so Begriffe wie Indianer und Schwarze."

Unterschiedliche Sprache für unterschiedliche Schulformen

Weil der "Indianer" ein kolonialistischer Begriff ist, wird er etwa in Anlauttabellen für Grundschülerinnen und Grundschüler jetzt nicht mehr benutzt, sondern stattdessen das Wort "Insel". Gesellschaftlicher Bewusstseinswandel schlägt sich also in der Sprache nieder, die in Schulbüchern verwendet wird. Die Verlage müssen permanent ihre Sensoren offenhalten, um aktuelle gesellschaftliche Trends auch sprachlich anzupassen.

Wichtig dabei ist aber, sagt die Westermann-Sprecherin, für welche Schulform und für welches Alter die Bildungsmedien jeweils gemacht werden. Lehrbücher für Grundschulen werden anders formuliert als für die der weiterführenden Schulen: "Wir können einem Leseanfänger keine Schrägstrichworte in einen Text setzen, wo gerade noch Silben eingefärbt werden, um den Kindern Stützen zu geben, wie sie lernen nach Silben zu lesen. Das ist viel zu komplex oder zu kompliziert. Da müssen wir immer gucken, dass wir dann genderneutrale Begriffe wie 'Kind', statt 'Schüler' oder 'Schülerin' verwenden, um es den Kindern eben einfacher zu machen."

Breiter Wortschatz ohne Überforderung

Ein großes Thema bei der Konzeption der Schulbücher ist für die Redaktionen der Westermann-Gruppe auch die Frage danach, wie differenziert der Wortschatz sein soll. Einerseits darf die Sprache nicht zu komplex sein, andererseits aber auch nicht zu simpel. Kinder und Jugendliche sollen einen möglichst breiten Wortschatz erlernen, zugleich aber nicht überfordert werden: "Wir müssen also immer Rücksicht nehmen. Das betrifft vor allem die mittleren Schulformen, wo lernschwächere Kinder sind, oder Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Und da stellen wir dann fest, dass bestimmte Begriffe bei den Kindern auch nicht mehr so geläufig sind. Und nicht mehr vorausgesetzt werden können."

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Wörter wie "Rinde", oder "Saum" kennen viele Kinder schlicht nicht mehr, so Verlagssprecherin Meyer-Arlt. Sprachwandel bedeutet hier ganz konkret, dass bestimmte Begriffe mehr und mehr aus dem allgemeinen Gebrauch verschwinden und auch nicht mehr in den Schulbüchern auftauchen. 

Wie sich Sprache wandelt, das zeigt sich nicht nur an den Schulbuchtexten selbst, sondern wird darin auch inhaltlich thematisiert, besonders in Büchern für  Gymnasien, so die Sprecherin der Westermann-Gruppe, Meyer-Arlt: "Also einmal die ganze Internetsprache als eigenen Bereich, dann Wortneuschöpfungen und die Uminterpretationen. Zum Beispiel diese Begriffe wie 'Opfer'. Heute ist das einfach eine Beleidigung für jemanden, der irgendwie dumm ist oder uncool. Oder, so ein klassisches Beispiel ist das Wort 'geil', was natürlich althochdeutsch ein ganz positiver oder neutraler Begriff war, dann ins Negative abdriftete und dann im 20. Jahrhundert in den 90er Jahren ein Modebegriff wurde. Und sowas wird dann behandelt."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.02.2021 | 07:20 Uhr