Stand: 11.10.2019 18:40 Uhr

Sind soziale Netzwerke sozial?

von Daniel Bouhs

Manch eine Boulevardzeitung hatte die Entscheidung schon für sich getroffen. "Facebook, das asoziale Netzwerk", titelte die "B.Z." in Berlin, ein Schwesterblatt der "Bild"-Zeitung. Das war vor vier Jahren. Die "Hamburger Morgenpost" druckte damals auf ihrem Titel die mit blauen Strichen gezeichnete Hand, die sonst bei Facebook mit nach oben gerecktem Daumen für den schon Kult gewordenen Ausspruch "Gefällt mir!" steht. Allerdings hatte sie die Hand anders geformt. Sie zeigte einen Mittelfinger. Darauf stand die Schlagzeile: "Das Hass-Netz".

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Daniel Bouhs ist Autor beim ZAPP-Magazin.

Ja, Facebook stand vor einigen Jahren ordentlich im Feuer. Hassbotschaften, dazu Gewaltvideos schienen sich auf der Plattform ungezügelt zu verbreiten. Das Management von Facebook tat offenbar wenig dagegen. Jedenfalls war kaum etwas zu spüren. Radikale nutzten die Effekte der Netzwerke für ihre Zwecke aus. Donald Trump profitierte. Auch die AfD. Politikerinnen und Politiker gemäßigter Parteien fühlten sich indes ohnmächtig. Aber auch viele normale Nutzerinnen und Nutzer bekamen auf der Plattform beklemmende Gefühle. Facebook wirkte oft nur noch wie ein sogenanntes "soziales Netzwerk". Aber asozial?

Asozial sind natürlich allen voran die, die das Netz mit Hass füttern, oft feige versteckt hinter der Maske der Anonymität. Sie nutzen Plattformen wie Facebook, das mit seiner Marktmacht stellvertretend für soziale Netzwerke steht - so wie "Tempo" für das Papiertaschentuch oder früher mal der Brockhaus für das Lexikon. All diese Facebooks sind erst mal nur ein Marktplatz, auf dem sich jeder äußern kann, wenn er nicht gerade einen Baseballschläger schwingt, Passanten bedroht oder beleidigt.

Moral und Geschäft sind schwer unter einen Hut zu bringen

Doch dann stellt sich durchaus die Frage, wie viel - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes - es den Betreibern der Plattformen wert ist, für die Party, die sie da im Digitalen veranstalten, auch Türsteher zu engagieren, die dafür sorgen, dass es nicht zu Schlägereien kommt und dass sich die Besucherinnen und Besucher gut aufgehoben fühlen. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, indem der Diskurs sich entfalten kann. Dieses Engagement macht den Unterschied aus zwischen einer sozialen und einer asozialen Plattform. Pflegt sie das Gemeinwohl oder ist es ihr egal?

Auf einem Smartphone sind verschiedene Logos von Apps zu sehen. In der Mitte befindet sich das Logo von der Onlinplattform Youtube. © dpa picture alliance Foto: xim.gs

Die Zukunft von Social Media (2/4)

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Sind soziale Medien sozial ... & sind es eigentlich Medien? Von Daniel Bouhs

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Das Problem: Moral und Geschäft sind schwer unter einen Hut zu bringen. Und Facebook ist profitgetrieben. Facebook ist an der Börse notiert, also allen voran seinen Aktionären verpflichtet. Wachpersonal und Hausmeister kosten aber. Deshalb hat Facebook seine Abteilungen, die Hassbotschaften und Gewaltvideos im Blick behalten und eingreifen, nur zögerlich aufgebaut. Aber: Es gibt sie inzwischen. Der Druck der Politik - in Deutschland mit dem Netzwerk-Durchsetzungs-Gesetz, so umstritten es auch sein mag - hat tatsächlich Eindruck hinterlassen.

Bundesweite Razzien

Das Problem ist dabei aber die schiere Masse. Die Zahl der gelöschten unangemessenen Inhalte geht nach oben - es bleiben allerdings immer noch zu viele stehen. Das sieht jeder, der sich auf der Plattform bewegt - genauso etwa in den Kommentarfeldern von Googles Video-Dienst Youtube. Deshalb ist es gut, dass die Gesellschaft die Digitalkonzerne nicht alleine lässt: Neuerdings - auch hier mit Verspätung - gehen Staat und Justiz gegen Hasseinträge im Netz konsequenter vor. Bundesweit gab es bereits Razzien, empfindliche Geld- und sogar Haftstrafen. Es braucht diese Abschreckung.

Auch wenn gewiss noch viel zu tun ist: Die Netzwerke werden allmählich sozialer. Doch was sind sie eigentlich? Sind sie wirklich nur Netzwerke, neutrale Plattformen für den Informationsaustausch? Mitnichten! Bleiben wir bei Facebook, dem "blauen Planeten", wie der Dienst in Anlehnung an sein Ozean-blaues Logo und mit seinen längst weit mehr als zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzern auch genannt wird. Weil Facebook sich seiner Verantwortung bewusst wird und Inhalte kontrolliert, ist es längst mehr als ein bloßes Netzwerk.

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Dabei greift ein Regelwerk: die "Community Guidelines". Anders als es der Name suggeriert, stellt sie allerdings nicht die Community auf, also die Gemeinschaft der Nutzerinnen oder Nutzer, sondern der Konzern, seine Manager und letztlich sein Gründer: Mark Zuckerberg. Und wenn das Schwarz-Weiß-Foto des nackten vietnamesischen Mädchens, das vor dem Napalm-Angriff flüchtet, versehentlich verschwindet - Zuckerberg persönlich entscheidet, dass ein Foto doch stehen bleiben darf. Da entscheidet jemand an der Spitze, ein Chef, über Inhalte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.10.2019 | 19:00 Uhr

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