Stand: 11.06.2018 13:54 Uhr

Sind Ostdeutsche auch Migranten?

von Yasemin Ergin

Sie verdienen weniger Geld und haben seltener Erfolg im Beruf. Sie sind benachteiligt, gelten als unzufrieden und wählen aus Protest oft undemokratische Parteien. Sie sind schon lange hier - und doch nicht so ganz integriert. Die Rede ist von Ostdeutschen. Probleme und Vorurteile, die auch Migranten gut kennen. Viele von ihnen leben seit Generationen hier und werden dennoch oft diskriminiert und angefeindet. Über solche Parallelen ging es kürzlich in einem viel beachteten taz-Interview mit der Migrationsforscherin Naika Foroutan: "Ostdeutsche sind auch Migranten".

Bild einer rechtsradikalen Demonstration

Was verbindet Ostdeutsche und Migranten?

Kulturjournal -

Heimatverlust, Fremdheitsgefühle und Benachteiligung: Viele Ostdeutsche haben nach der Wende die gleichen Erfahrungen gemacht wie Migranten, sagt Forscherin Naika Foroutan.

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"Die einen haben ihr Land verlassen, die anderen wurden von ihrem Land verlassen", so die Migrationsforscherin Naika Foroutan, die an einer Studie zu dem Thema arbeitet. "Diese Vorstellung, dass etwas, was sehr stark einmal Heimat gegeben hat, plötzlich nicht mehr da ist - das ist etwas, wo wir sehr starke Analogien gesehen haben", sagt sie. "Aber auch in den Stereotypen, die die Menschen genannt haben, haben wir Analogien gesehen. Nämlich Momente, in denen artikuliert wurde: Die Menschen machen sich über meine Sprache lustig oder es werden Witze gemacht über meine Herkunftsgruppe, über die ich nicht lachen kann."

Vergleich nicht neu, trifft aber Nerv

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Ist in der DDR aufgewachsen: Der Schriftsteller Ingo Schulze.

Der Vergleich ist nicht ganz neu - und trifft doch einen Nerv. Auf das Interview folgten viele Reaktionen - von Autoren mit ostdeutschen und migrantischen Wurzeln. Wie aber sehen das Vertreter beider Gruppen? Der in Dresden geborene Schriftsteller Ingo Schulze sagt: "Ich fand das ja eigentlich sogar ganz einleuchtend, dass man sagte, das sind die neuen Türken. Ich bin jemand, der nicht im Westen sozialisiert worden ist. Ich komme von außen hinzu, und das, finde ich, ist schon ein gewisses Merkmal, bei allen Unterschieden, die es da auch gibt, was ich für etwas Prägendes halte."

Autorin Fatma Aydemir kann den Vergleich nicht in Gänze nachvollziehen: "Heimatverlust mag bestimmt eine große Rolle spielen für viele Ostdeutsche, und mir sind auch die strukturellen Benachteiligungen bewusst, die Ostdeutsche erfahren, aber es ist nicht dasselbe wie die Ausgrenzung, die Migranten erfahren. Denn Rassismus ist noch mal eine andere Sache."

Die Enttäuschung der Ostdeutschen und ihr Rassismus-Problem

Ein besonders großes Rassismus-Problem hat ausgerechnet der Osten. Hängt das womöglich mit der Enttäuschung der Ostdeutschen zusammen? Die Freude über Mauerfall und Wiedervereinigung währte auf beiden Seiten nicht lange. Der Jubel kippte schnell in westdeutsche Häme um. Ostdeutsche seien dumm und faul und würden immer nur jammern - gängige Vorurteile, die bleibende Kränkungen hinterließen.

Die westliche Arroganz hat Schulz "wie von so einer Position der Stärke aus" wahrgenommen: "Mir ist das oft gesagt worden: 'Na klar haben wir euch verachtet, ohne das vielleicht wirklich zu wollen.' Da gibt es schon so ein westliches Überlegenheitsgefühl und daraus folgt dann viel."

Erfahrungen Ostdeutscher nicht vergleichbar mit denen von Migranten

Dass solche Abwertungserfahrungen nicht ganz vergleichbar sind mit dem, was Migranten erleben, sieht auch er. "Man muss natürlich sagen, dass es für Migranten sehr viel härter ist, mit der Sprache und auch die Hautfarbe, Haarfarbe spielt eine gewisse Rolle. Es ist furchtbar, dass es so ist, aber es ist leider so, immer noch, schon wieder."

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Was Ostdeutsche erfahren, sei nicht dasselbe was Migranten erfahren, sagt Autorin Fatma Aydemir.

"Die Sache ist halt, dass ein Ostdeutscher niemals um seinen Aufenthaltsstatus in diesem Land fürchten muss", so Aydemir. "Eine ostdeutsche Person müsste sich nicht so sehr Gedanken machen um ihre körperliche Unversehrtheit, wenn sie an bestimmte Orte reist, wo Menschen einfach grundlos oder aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund ihres Aussehens angegangen werden."

Ähnliche Verhaltensmuster von Ostdeutschen und Migranten

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Naika Foroutan arbeitet am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung.

Solche Erfahrungen will Naika Foroutan mit ihrer Studie auf keinen Fall verharmlosen. Sie erforscht auch, was es mit Ostdeutschen macht, wenn sie immer wieder pauschal mit Rassismus in Verbindung gebracht werden. "Wir reden seit Pegida sehr viel stärker über Ostdeutschland, als wir es die knapp 30 Jahre vorher getan haben und zwar mit einem sehr stark negativen Framing", sagt sie. "Und dazu können Menschen sich positionieren. Entweder sie sagen, diese Identität hat mit mir nichts zu tun oder durch Bekenntnis, auch negativer Natur: Also, wenn Ostdeutschland rassistisch ist, dann bin ich als Ostdeutscher auch Rassist."

Ähnliche Verhaltensmuster gibt es insbesondere bei muslimischen Migranten auch. Je stärker der Islam kritisiert wird, desto mehr wenden sich viele erst dieser Religion zu - auch wenn sie vorher keine große Rolle spielte.

Die Frage, die bleibt: Wie bringen solche Erkenntnisse unsere Gesellschaft weiter? Vielleicht ist es Zeit für neue Allianzen zwischen Migranten, Ostdeutschen und anderen marginalisierten Gruppen - und allen, die sich ein gerechteres Deutschland wünschen.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 11.06.2018 | 22:45 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Sind-Ostdeutsche-auch-Migranten,migranten150.html

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