Eckart Altenmüller © picture alliance/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich

Schlaganfall: Was kann eine Musiktherapie leisten?

Stand: 10.05.2021 13:35 Uhr


Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Inwieweit diese rückgängig gemacht werden können und welche Rolle hier die Musik spielen kann, das erklärt der Mediziner und Musikphysiologe Eckart Altenmüller.

Ein Mann mit Kopfhörern hört Musik © picture alliance / Zoonar Foto: Patrick Daxenbichler
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Herr Altenmüller, was ist ein Schlaganfall eigentlich genau? Man spricht oft vom "Gewitter im Kopf" - wie verheerend ist dieses Gewitter?

Eckart Altenmüller: Ein Schlaganfall ist wirklich ein Gewitter im Kopf. Es gibt zwei große Ursachen für Schlaganfälle: Es ist entweder eine Durchblutungsstörung, bei der zu wenig Sauerstoff an die sehr Sauerstoff-bedürftigen Nervenzellen kommt und die dann absterben können. Oder es gibt manchmal Blutungen, wenn eine Ader im Kopf platzt und das Blut die Nervenzellen schädigt. Es kommt darauf an, wie viele Millionen von Nervenzellen geschädigt werden und an welcher Stelle der Schlaganfall im Gehirn stattfindet, um zu sagen, ob es ein schlimmer Schlaganfall ist oder ein weniger schlimmer.

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Altenmüller: Die Patientinnen und Patienten müssen noch ansprechbar sein, sie müssen noch eine Kooperationsfähigkeit haben, und sie sollten noch über ein nennenswertes Defizit verfügen, sie sollten also nicht wieder ganz gesund sein. Sie sollten schon hilfsbedürftig sein, aber auch eine gewisse eigene Autonomie wieder haben. Es gibt zwei ganz große Bereiche, wo die neurologische Musiktherapie Schlaganfallpatienten tatsächlich helfen kann. Das eine ist das Bewegungstraining mit Hilfe von einer Verklanglichung der Bewegungen bei Menschen, die Bewegungsdefizite haben, bei denen zum Beispiel ein Arm schwächer ist oder die Finger nicht mehr feinmotorisch koordiniert sind. Das ist eine Motoriktherapie für die Arme und die Hände. Die Hände werden mit kleinen Sensoren bestückt, und man bewegt dann die Hände oder die Unterarme. Dann werden über Lautsprecher oder Kopfhörer Klänge zurückgemeldet, und man kann dann Melodien bewegen. Der Sensor ist so programmiert, dass das Anheben des betroffenen Armes dazu führt, dass eine Tonleiter gespielt wird. Damit können die Betroffenen Lieder "heben". Das nennt man Verklanglichung von Bewegungen.

Ein viel einfacheres Prinzip ist: Wenn die Finger einen Grundbeweglichkeit haben, kann man versuchen, ganz leichte Lieder am Klavier zu beginnen und nach und nach aufzubauen, um so die Feinmotorik zu trainieren.

Es geht also bei diesen Therapieformen in erster Linie um das Musikmachen. Kann Musikhören bei einem Heilungsprozess auch eine Rolle spielen?

Altenmüller: Ja, das spielt sogar eine ganz wichtige Rolle. Da gibt es sehr gute wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn die Patientinnen und Patienten nach dem Schlaganfall ihre Lieblingsmusik etwa zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag hören, dann haben sie deutlich bessere Heilungschancen, was Störungen der Beweglichkeit, aber auch Sprachdefizite angeht.

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Spielt es eine Rolle, ob man Mozart oder Heavy Metal hört?

Altenmüller: Nein. Entscheidend ist dabei, dass es Musik ist, die anregt, motiviert und die mit guten Erinnerungen verbunden ist. Es muss eine Musik sein, die die Patientinnen und Patienten schon kennen und die mit guten Zeiten, mit guten Aktivitäten verbunden ist. Das ist das sogenannte assoziative Netzwerk im Gehirn, wenn Erinnerungen helfen, schneller wieder gesund zu werden.

Wie viel kann Musiktherapie bei der Genesung leisten?

Altenmüller: Die Musiktherapie kann stark unterstützen, vor allem bei motorischen Störungen, und kann zu einer Verbesserung um etwa 20 bis 25 Prozent beitragen. Aber das Nervensystem heilt zum Glück auch ohne Musiktherapie - das nennt man Neuroplastizität: Nach einem Schlaganfall reorganisiert sich die Nervenzellenvernetzung neu, und es werden Funktionen in anderen Hirnarealen übernommen, die noch gesund sind.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.05.2021 | 18:00 Uhr