Eine Frau hält ein Mikrofon in der Hand und spricht © Sven Wied Foto: Sven Wied

Regina Back: Stiftungsarbeit für mehr Gemeinsinn in der Gesellschaft

Stand: 15.01.2023 06:00 Uhr

Regina Back hat das Profil der Claussen-Simon-Stiftung in den vergangenen acht Jahren maßgeblich geprägt und weiterentwickelt. Als Geschäftsführender Vorstand ist sie auf der Suche nach Gemeinsinn und hat besonders die Herausforderungen von Frauen im Blick.

von Anina Pommerenke

Für die Kulturwelt sind Stiftungen nach wie vor extrem wichtig. Gerade für die freie Szene, die weniger auf staatliche Gelder zählen kann, sind private Fördergelder unverzichtbar. Ebenso für viele Kunst- und Kulturschaffende, die kleine und neuartige Projekte voranbringen wollen. Und auch etablierte Institutionen und Festivals etwa sind stets auf der Suche nach starken Partnern und begeisterten Menschen, die sich mit Leidenschaft der Kultur widmen. Als Regina Back die Leitung der in Hamburg ansässigen Claussen-Simon-Stiftung übernahm, hatte sie kaum Kolleginnen in vergleichbaren Positionen im Stiftungswesen. Das ändere sich zunehmend: Mittlerweile gebe es immer mehr Frauen in der Vorstandsebene oder in den Aufsichtsgremien, so ihre Beobachtung. Eine wichtige Entwicklung, denn Frauen bringen eigene und andere Erfahrungen in die wichtige Arbeit mit ein.

Regina Back hat selbst einen Lebensweg mit "manchem Umweg"

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einer Bühne © Timo Wilke Foto: Timo Wilke
Aus der Wissenschaft auf die Geldgeberseite: Der Perspektivenwechsel brachte für Back viele neue Aufgaben mit sich.

So sieht Regina Back es vor allem als ihre Aufgabe an, junge Menschen zu ermutigen, eine werteorientierte Haltung zur Welt zu entwickeln und einzunehmen. Das hat sie in ihrem Profil auf der Internetseite der Claussen-Simon-Stiftung vermerkt. Auf dem kleinen Foto daneben ist der traumhafte Ausblick aus ihrem gläsernen Büro zu erahnen: direkt auf die mächtigen Stahlkräne des Hamburger Hafens. Von ihrem Heimatort, einem kleinen Dorf in der Nähe der hessischen Stadt Erbach im Odenwald, an die Waterkant. Größer können die Gegensätze wohl kaum sein. "Ein Lebensweg, der manchen Umweg genommen hat", blickt Back zurück. Denn zunächst stand sie vor der Herausforderung, viele unterschiedliche Interessen zu haben - so habe sie zunächst Mathematik studiert, die Wahl aber als zu einseitig empfunden und dann auf Musikwissenschaft und Romanistik umgesattelt. Heute hätte sie auch einen Studiengang wie Kulturwissenschaften interessant gefunden, weil sie nach vielen Jahren in der Wissenschaft nun in eine Position gekommen sei, in der sie unterschiedliche Kenntnisse und Kompetenzen brauche: Jura, Managementthemen, Personalführung, Finanzen und natürlich fachliche Expertise.

Angebote der Claussen-Simon-Stiftung deutlich ausgebaut

Als Geschäftsführender Vorstand ist Back für die Ausrichtung der Stiftungsarbeit zuständig, und die hat sie von Beginn an stark ausgebaut: "Vor acht Jahren waren wir zwei Personen im Team, und es gab wenige Förderprogramme. Inzwischen sind wir sechzehn Mitarbeitende hier in der Stiftung, haben ein breites Stipendien-Portfolio und vergeben Projektförderungen in den Bereichen Wissenschaft, Bildung und Kultur." Dabei sei sehr hilfreich gewesen, dass sie selbst lange in der Wissenschaft tätig war - gerade als Frau, fügt Back hinzu. Das habe ihr geholfen, jetzt wo sie auf der Geldgeberseite sitze, zu wissen, wo es denn eigentlich hapert im wissenschaftlichen Ausbildungssystem. So gesehen ist viel Lebenserfahrung in ihre konzeptuelle Arbeit in der Stiftung geflossen.

Frauen haben es in der Wissenschaft nach wie vor schwer

Eine Frau blickt in die Kamera, im Hintergrund der Hamburger Hafen © Sven Wied Foto: Sven Wied
Vom Dorf in die Stadt. Regina Back kennt sehr unterschiedliche Welten.

Es sei keine Neuigkeit, dass Frauen und erst recht Frauen mit kleinen Kindern in der Wissenschaft einen schweren Stand haben. Ab einem bestimmten Punkt können viele nicht mehr mit den männlichen Kollegen mithalten, die weiter Fulltime arbeiten, flexibel bleiben, familiär weniger stark eingespannt sind, führt Back aus: "Irgendwann fallen Frauen dann aus dem System raus, fliegen einfach aus der Kurve." Die prekären finanziellen Zustände, das Weiterhangeln von Stelle zu Stelle aus Drittmittelfinanzierungen, unter dem "schönen" Begriff Nachwuchswissenschaftler für Menschen über 40. "Das sind alles Umstände, die man gerne verändern möchte, wenn man da mal drin gesteckt hat." Es erstaune sie manchmal, wie groß das Beharrungsvermögen letztlich sei. Gerade in der Wissenschaft habe sie einen viel schnelleren Wandel erwartet.

Nicht nur Geld - auch persönliche Begleitung zählt

Konkret setzt die Claussen-Simon-Stiftung dort an, indem sie begabte junge Menschen auf ihrem Ausbildungsweg fördert. Beginnend in der Mittelstufe über Studienstipendien bis hin zu Postdoc-Förderungen und Stiftungsprofessuren. Es gehe aber nie darum, nur Geld zu geben, betont Back, sondern auch eine menschliche und persönliche Begleitung zu gewährleisten, um die Persönlichkeitsbildung zu unterstützen und Kompetenzen zu vermitteln. Zum Beispiel wie strukturiertes oder wissenschaftliches Arbeiten funktioniere. Wie man als Frau die sogenannte gläserne Decke durchbrechen könne, oder aber auch welche Spielregeln und Verhaltensweisen in akademischen Kreisen zählen. Dies sei wichtig für Stipendiatinnen und Stipendiaten, die nicht aus einem Akademiker-Elternhaus kommen.

Claussen-Simon-Stiftung setzt auf ausgefeiltes Workshop-Programm

Eine Frau hält ein Mikrofon in der Hand und spricht zu einer Gruppe Menschen © Sarah Conrad Foto: Sarah Conrad
In ihre Stiftungsarbeit sind viele persönliche Erfahrungen eingeflossen.

Ihrer Erfahrung nach bleiben die praktischen Aspekte in der künstlerischen Ausbildung oft auf der Strecke. An den Musikhochschulen werde weiter viele Stunden am Tag Klavier gespielt, um die notwendige Exzellenz zu erreichen. Doch wie man durchs Leben komme, Akquise betreibe oder Buchhaltung führe, das werde nicht vermittelt. "Wenn man in der Kultur eine selbständige Existenz aufbauen will, muss man das aber unbedingt lernen.", ist Back überzeugt. Solche Inhalte vermittle die Stiftung mit einem ausgefeilten Workshop-Programm.

Mehr Gemeinsinn und grundsätzliches Vertrauen

Auch dabei ist sicherlich Backs persönliche Lebenserfahrung eingeflossen. Vom Land, einer recht archaischen Welt, in die Großstadt, wo es schon immer Kulturangebote gab. "Es sind weite Wege, die man als Wanderin zwischen diesen Welten zurücklegt." Sie stelle immer wieder fest, dass die Menschen in ganz unterschiedlichen Bubbles unterwegs seien und kaum noch miteinander kommunizieren können. Genau daran möchte sie arbeiten: an einer Offenheit, mit Menschen zu sprechen, die andere Erfahrungen als man selbst gemacht haben: "Das vermeiden wir zu stark. Die Gesellschaft fällt auseinander, driftet auseinander.", so ihre Sorge. Gemeinsinn und ein grundsätzliches Vertrauen ineinander - das brauche es. Und genau da möchte sie mit ihrer Arbeit ansetzen. Zum Beispiel indem sie interdisziplinäres Arbeiten fördert und Stipendiatinnen und Stipendiaten fächerübergreifend zusammenbringt.

Es kommen immer noch neue Programme und Projekte hinzu

Eigentlich habe sie die vergangenen Jahre schon gedacht, dass die Stiftung nicht weiterwachsen werde, doch dann sei doch immer noch ein Programm oder Projekt hinzugekommen. Besonders gut gefallen habe ihr zuletzt ein Workspace für die Geförderten der Stiftung. Als kreative Zwischennutzung einer sonst leerstehenden Fläche in der Hamburger Innenstadt: "Das war ein ungeheuer befruchtender Ort für alle, die sich da begegnet sind, die gemeinsam Workshops abgehalten haben, Vortragsreihen, Klavierabende - oder auch mal Formate ausprobieren konnten." Denn Back glaubt daran, dass es nicht viel bringt, immer nur zu reden, sondern dass man vor allem handeln muss, nach den Werten, die einem wichtig sind. Deswegen könnte sie sich so einen Workspace noch als zukunftsträchtiges Projekt der Stiftung vorstellen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 07.01.2023 | 12:40 Uhr

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