Wladimir Kaminer © picture alliance / Frank May Foto: Frank May

"Putin sucht die Schwäche des Gegners und schleicht sich da rein"

Stand: 23.02.2022 18:32 Uhr

Was geht in Putins Kopf vor? Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, in dessen Romanen es um Russlanddeutsche oder Russen in Deutschland geht, versucht im Interview, diese Frage zu beantworten.

Herr Kaminer, am Montagabend war im Fernsehen Putin in seinem Büro vor den alten Telefonen zu sehen. Wann haben Sie gedacht, dass das schlimmer wird, als wir erwartet haben?

Wladimir Kaminer: Er hatte drei Telefone an seinem Schreibtisch. Ich habe mir diese Rede genau angehört und es war schon nach dem ersten Satz klar, dass das sehr spannend wird, als er gesagt hat: "Um den Sinn meiner Handlungen zu erklären, muss ich sehr weit ausholen." Damals, vor hundert Jahren, die ganze Geschichte mit Lenin, der große Fehler gemacht habe, und Stalin, der diese Fehler nicht wieder wettmachen konnte. Aber Putin, als Nachfolger, sieht sich, als würde er ein Büro teilen mit diesen Menschen, und er kann das Rad der Geschichte zurückdrehen.

Diese Position, die er da lang und ausführlich aufgemacht hat, ist quasi nicht zu verhandeln. Wie war Ihnen dabei zumute?

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Kaminer: Mir wurde klar, dass wir ein riesengroßes Problem haben. Die Menschheit ist in zwei Lager geteilt, die sehr schwer miteinander ins Gespräch kommen können. Die eine Seite, so wie Putin in seiner Rede, bastelt an der Vergangenheit. Das sind Menschen, die 100 Jahre rückwärts schauen. Gleichzeitig sagen deutsche Politiker, Karl Lauterbach zum Beispiel, dass die nächsten 80 Jahre im Arsch sind, wenn wir jetzt die Temperaturen nicht um 1,5 Grad senken können - aber dann, nach 80 Jahren... Das heißt, sie leben in der Zukunft. Auch von Frau Baerbock und von Herrn Scholz habe ich gehört: Putin möchte uns eine Tagesordnung aufdrängen, die gar nicht unsere ist. Was ist das für ein Zeug, vor hundert Jahren, Ukrainer, Russland? Warum steht das überhaupt auf der europäischen Tagesordnung? Sie wollen diese Geschichten gar nicht haben, sie wollen Klimawandel stoppen, CO2 reduzieren und nichts mit irgendwelchen archaischen Armeen zu tun haben.

Diesen Konflikt erleben wir alle tagtäglich: Sei es wir als öffentlich-rechtliche Medien, denen man vorwirft, Russland-feindlich zu sein, oder im Alltag. Ich hab gerade mit einer Hörerin gesprochen, die eine Bekannte hat, die Putin-Fan ist. Woran liegt das?

Kaminer: Es gibt auch Menschen, die James-Bond-Filme sehr aktuell finden und daraus politische Schlüsse ziehen. Putin ist ein russischer James Bond, ein Geheimdienstler. Das ist auch ein Teil dieses Problems. Wäre er ein Bäcker in seinem frühen Leben gewesen, hätten wir jetzt ganz viele neue Brotsorten und tolle Bäckereien in Russland. Aber er ist halt nicht Bäcker, sondern Spion gewesen - deswegen leben wir jetzt in einem schlechten James-Bond-Film.

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Sie sind in Russland aufgewachsen und sprechen diese Sprache: Mit welchem Russland können Sie sich identifizieren in dieser aktuellen Situation?

Kaminer: Sie sollten jetzt nicht die Bevölkerung und die politische Führung auf einen Teller tun. Man sollte schon die Buletten und die Fliegen auseinander halten. Die Politiker kommen und gehen - das Land bleibt. Das ist ein europäisches Land, vielleicht ein bisschen zu groß und vorbelastet durch die komplizierte Vergangenheit. Aber die Russen sind Europäer. Das sind keine Aggressiven, Betrunkenen, die alle Nachbarn bedrohen wollen, überhaupt nicht. Das ist ein wunderbares Land, das zurzeit Probleme hat mit der politischen Führung, die es nicht abwählen kann, die sich aber irgendwann aus biologischen Gründen verabschiedet. Und dann haben wir eine Chance.

Sie haben gesagt, dass das, was die NATO und die EU entschieden haben, zu wenig sei. Was müsste passieren Ihrer Ansicht nach?

Kaminer: Ist es nicht die Aufgabe der NATO, für die Sicherheit in Europa zu sorgen? Ich glaube, wenn die NATO die Ukrainer unter ihren Schutz genommen hätte, wäre dieses Problem nicht so scharf gestellt. Putin ist kein General, er ist ein Geheimdienstler, er ist nicht auf eine Schlacht aus. Er sucht die Schwäche des Gegners und schleicht sich da rein. Der Westen schwächelt - das hat man spätestens in Afghanistan gesehen, als die Amerikaner abzogen. Der Westen kann und will auch nicht mehr das Oberhaupt, die Weltmacht sein - und schon haben wir Herrn Putin auf dem Schirm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.02.2022 | 16:20 Uhr

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