Stand: 04.08.2020 17:23 Uhr

Chorprobe trotz Corona: So kann es gehen

von Marcus Stäbler
Schwalben sitzen auf Stromkabeln © imago images / Panthermedia
So könnte gemeinsames Singen funktionieren: mit viel frischer Luft und ausreichend Abstand.

Wie lässt sich das Chorleben trotz Corona aufrechterhalten? Wie können Sängerinnen und Sänger am besten vor einer Ansteckung geschützt werden? Diese Frage beschäftigt Millionen Menschen alleine in Deutschland. Nach einigen fehlerhaften Versuchen und entsprechend widersprüchlichen Aussagen von verschiedenen Medizinern und Wissenschaftlern gibt es jetzt zuverlässige Rahmendaten aus seriösen Studien.

Abstand beim Singen in Corona-Zeiten: eineinhalb Meter zu wenig

Der Stimmfacharzt Matthias Echternach, Professor am LMU Klinikum München, hat untersucht, wie weit die Tröpfchen und die kleineren Schwebeteilchen, die sogenannten Aerosole, beim Singen fliegen können. Sein Ergebnis: "Hier lagen die Ergebnisse bei einem Mittelwert von ungefähr einem Meter. Man muss aber in der Risikobeurteilung sagen, dass es auch Sängerinnen und Sänger gab, die darüber gekommen sind, bis zu eineinhalb Metern. Das bedeutet, der klassische Abstand, wie wir ihn aus dem Alltag kennen, ist nach vorne hin beim Singen zu gering."

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Eine Sängerin atmet beim Singen eine sichtbare Wolke E-Zigaretten-Dampf aus. Eine Messlattenkonstruktion zeigt dabei die Ausbreitung der Aerosole an. © Bayerischer Rundfunk

Neue Studie zum Sicherheitsabstand beim Singen

Unter welchen Bedingungen ist gemeinsames Singen möglich? Der Stimmexperte Prof. Matthias Echternach erklärt die Erkenntnisse der neuen Studie zur Aerosolverbreitung. mehr

Deshalb empfiehlt Matthias Echternach für das Singen eine etwas größere Distanz: "Wenn wir jetzt über Abstandsregeln nachdenken, können wir sagen: Zwei bis zweieinhalb Meter nach vorne sollten sehr wahrscheinlich ausreichend sein, zur Seite sollten eineinhalb Meter reichen - sofern die Aerosole immer wieder entfernt werden."

Damit spricht Echternach einen weiteren wichtigen Punkt an. Die von ihm empfohlenen Abstandsregeln schützen vor dem Luft- und Tröpfchenausstoß im kurzen Moment des Singens selbst. Was aber über einen längeren Zeitraum mit den Schwebeteilchen passiert, ist eine andere Frage.

Aerosolmengen beim Singen und Sprechen unterschiedlich

Martin Kriegel, Professor für Energietechnik an der TU Berlin, hat mit seinem Team gemessen, wie viele Aerosole Menschen beim normalen Atmen, beim Sprechen und beim Singen ausstoßen. Das Resultat: "Beim Singen werden generell deutlich mehr Partikel emittiert als beim Atmen und Sprechen. Da gibt es eine große Streuung von Person zu Person, aus der man aber einen Mittelwert ableiten kann. Der Faktor ist mindestens zehnmal mehr beim Singen als beim Sprechen, das geht aber hoch bis zu fünfzig- bis sechzigmal mehr Partikel, die beim Singen ausgestoßen werden."

Da diese kleinen, unsichtbaren Schwebeteilchen potenziell Viren tragen und sich im Raum anreichern können, ist es beim gemeinsamen Singen ganz besonders wichtig, die Aerosolkonzentration möglichst niedrig zu halten.

Richtig lüften und häufiger Pausen machen

Beim Singen im Freien löst sich die Aerosolkonzentration von selbst buchstäblich in Luft auf. Maschinell belüftete Räume sind laut Martin Kriegel auch kein Problem. Aber bei der normalen Fensterlüftung muss man aufpassen, dass überhaupt ein ausreichender Luftaustausch zwischen drinnen und draußen stattfindet. Um das zu kontrollieren, empfiehlt er ein Hilfsmittel: "Es gibt sogenannte CO2-Ampeln, die zeigen Grün, Gelb und Rot, und immer wenn sie Grün zeigen, ist die Luftqualität bezogen auf das CO2 in Ordnung, sobald sie Gelb zeigen, muss man mehr lüften."

Chorsingen: Was ist wo erlaubt?

Die Regelungen zum Singen in Gruppen sind in den jeweiligen Landesverordnungen der Bundesländer festgehalten und werden regelmäßig angepasst. Hier geht's zu den jeweiligen Verordnungen:

Auch in gut belüfteten Räumen können sich Aerosole mit der Zeit ansammeln. Die Menge hängt von der Größe des Raumes und der Anzahl der Personen ab, sagt Kriegel - aber wenn alle die Abstandsregeln einhalten, ergeben sich neue Möglichkeiten: "Unter diesen Umständen kann man sich durchaus eine Stunde lang zusammen in einem Raum aufhalten - und dann muss man eben rausgehen und die Lüftung durch Fenster aufrecht erhalten. Danach kann man wieder eine zweite Runde mit einer Stunde Chorprobe machen."

Die behördlichen Vorgaben zum gemeinsamen Singen sind von Bundesland zu Bundesland verschieden und können sich auch mit neuen Sicherheitsverodnungen jederzeit ändern.

Rückblick
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.08.2020 | 07:40 Uhr