Matthias Politicki posiert © picture alliance / Horst Galuschka/dpa/Horst Galuschka dpa | Horst Galuschka

Podiumsdiskussion auf St. Pauli: Meinungsfreiheit in Gefahr?

Stand: 10.03.2022 11:08 Uhr

Über das Thema Meinungsfreiheit haben die Autoren Tina Uebel, Matthias Politycki und Ralf Nestmeyer im Nochtspeicher auf St. Pauli diskutiert.

von Danny Marques Marcalo

Natürlich geht es an diesem Abend auch viel um die Ukraine. Es gibt Institutionen, die fordern: Boykottiert die russische Kultur. Zum Beispiel an der Universität in Mailand sollen nun russische Klassiker wie Dostojevski von der Leseliste gestrichen werden. Das ist der falsche Weg, sagt Reiseautor Ralf Nestmeyer, der sich auch im Schriftstellerverband PEN engagiert: "Der Aggressor heißt eben Putin und nicht Puschkin. Man kann jetzt nicht die russische Literatur und die russische Musik dafür verantwortlich machen, dass der Herr Putin einen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat."

Forderungen nach einem Boykott von allem, was russisch ist, sind engstirnig, sagt Tina Uebel. Auch die hier und da aufkommende Forderung, dass das russische Volk sich nun gegen Putin und seine Schergen erheben muss, findet sie viel zu einfach: "Es ist natürlich auch sehr wohlfeil. Wir, die hier nichts riskieren, die wir gerade mal als mutige Tat blau-gelbe Hemden tragen, das zu verlangen von Leuten, die einfach mal 15 Jahre Knast riskieren. Selbst wenn die das in Kauf nehmen, machen sie sich vielleicht Sorgen um Frau und Kinder oder sonst was. Ich finde man sollte sehr vorsichtig sein, wenn man so da sitzt, wo man seinen gerechten Zorn hinwallen lässt."

Meinungen überdenken

Es wird dann aber doch noch auch über das eigentlich lange angesetzte Thema des Abends gesprochen: die Meinungsfreiheit. Matthias Politycki ist vor kurzer Zeit erst von Hamburg nach Wien ausgewandert. Er habe sich nicht mehr frei in Deutschland gefühlt. Andere Meinungen würden nicht akzeptiert werden: "Nun ist es so geworden, dass das andere in Deutschland suspekt geworden ist im Laufe der Jahre. Ich sag das ganz klar aus der linken Ecke heraus, in der ich immer noch stehe, dass ich auch von links kritisch beäugt werde, weil ich andere Meinungen mitbringe und sie vertrete, das geht mir die eine Spur zu weit. Die mir den Alltag hier so verleidet hat."

Was genau er meint, bleibt leider ein wenig unklar. Er ist sich mit den anderen auf der Bühne aber einig: Wir alle sollten unsere Meinungen überdenken. Alle haben Bücher über lange Reisen geschrieben. Und wie sie in anderen Ländern mit ihren eigenen klischeehaften Vorstellungen konfrontiert wurden. So schwarz und weiß, wie wir über unfreie Länder wie zum Beispiel China denken, sei es aber nicht. Tina Uebel meint: "Du musst damit klarkommen, in wie vielen Grauschattierungen die Welt existiert. Das macht dich zu einem sehr schlechten Aktivisten. Ich bin froh, dass es Aktivisten gibt, als Schriftsteller tauge ich da glaube ich nicht wirklich zu."

Differenziertes Weltbild braucht mehr Zeit

Ein differenziertes Weltbild brauche vor allem auch mehr Zeit, sagt Matthias Politycki. Durch soziale Medien und überhaupt immer weniger Zeit für ausführliche Berichte. Die Welt ist komplexer, als es 80 Sekunden in der Tagesschau darstellen können. Andere Sichtweisen und Diskussionen auszulösen sei immer schwieriger. Menschen werden schnell in eine Ecke gedrängt. Tina Uebel, die überhaupt sehr differenziert, sehr klug an diesem Abend argumentiert: "Es gibt Umfragen, in denen über die Hälfte der Leute sagen, sie trauen sich nicht mehr öffentlich ihre Meinung zu sagen. Es kann mir keiner erzählen, dass die Mehrheit der Leute alles finstere Nazis sind, sondern dass die Leute vorsichtiger werden müssen, dass die Akzeptanz geringer wird."

Im Grunde ist das auch eine Art der Zensur, der Selbstzensur, sagt Matthias Politycki. In Deutschland darf man alles sagen, man tut es nur oft nicht mehr. Das ist ein Gedanke, der an diesem Abend besonders hängen bleibt.

 

Autorin Tina Uebel lacht in die Kamera © picture alliance / dpa | Georg Wendt Foto: Georg Wendt
AUDIO: Tina Uebel über die Veranstaltung "Reisen und Meinungsfreiheit" (5 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.03.2022 | 19:00 Uhr

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