Peter Wawerzinek © picture alliance / SvenSimon Foto: Elmar Kremser

Peter Wawerzinek über seinen Film "Lievalleen"

Stand: 26.11.2021 14:19 Uhr

"Lievalleen" meint "mutterseelenallein" - und ist der Titel einer filmdokumentarischen Spurensuche des Schriftstellers Peter Wawerzinek. Was er gesucht und gefunden hat, verrät er im Gespräch.

Peter Wawerzinek © picture alliance / SvenSimon Foto: Elmar Kremser
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Herr Wawerzinek, Sie haben 2010 den autobiografisch geprägten Roman "Rabenliebe" veröffentlicht - über das Großwerden in verschiedenen Kinderheimen der DDR, Adoption, die lange Suche nach der leiblichen Mutter. Jetzt, fast zehn Jahre später, haben Sie eine Doku veröffentlicht, wieder über ihr eigenes Leben. Wie kam es dazu?

Peter Wawerzinek: Durch die Lesung, die ich mit "Rabenliebe" hatte. Da sind immer wieder Heimkinder auf mich zugekommen. Und eines Tages stand die Heimerzieherin Gisela Gilde vor mir und fragte, ob ich nicht meine erste Heimerzieherin kennenlernen wolle. Ich war damals in Ostseebad Nienhagen. Ich habe gesagt: Klar möchte ich sie kennenlernen. Die war schon über 80, und ich dachte: Bevor das alles verloren geht, was die zu erzählen hat, was die damals mit den Nachkriegskindern alles durchgemacht hat, mit dem Herzen am rechten Fleck, mache ich einen Film über sie.

Können Sie erzählen, wie Sie groß geworden sind?

Wawerzinek: Meine Eltern sind 1957 in den Westen abgehauen, und meine ein Jahr jüngere Schwester und ich sind zurückgelassen und dann getrennt worden. Das war das große Drama, was es nicht so oft gab - heute gar nicht mehr, da werden Geschwister zusammengelassen. Ich bin relativ glücklich unter den Umständen als Heimkind aufgewachsen und Beate hatte das volle Pech-Programm: Sie hat die ganzen Schicksalsschläge ernten müssen. Ich bin dann als elfjähriger Knabe adoptiert worden und habe erst im Alter von 19 erfahren, dass ich eine Schwester habe. Und das war der Grund, weshalb wir für zwei Jahre zusammengekommen sind. Dann haben wir uns aber wieder auseinandergelebt - sie ging wieder nach Stralsund und ich auf Wanderschaft, um meinem Studium und meinem Beruf nachzugehen.

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Der Schriftsteller Wawerzinek auf den Spuren der eigenen Geschichte. © NDR/Peter Wawerzinek

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Ihre Schwester spielt auch eine signifikante Rolle in dem Dokumentarfilm. Wie hat sie die Idee aufgefasst, das Ganze filmisch anzugehen? War sie gleich an Bord?

Wawerzinek: Nein, auf keinen Fall. Ich hab es erst nach vielen Jahren erfahren, dass sie zurückhaltend war, weil es ihr peinlich war, sagen zu müssen, dass sie aus der "Klapper" kommt. Es war ihr nicht angenehm, daran erinnert zu werden. Sie wollte es wegstecken, erledigt haben. Deswegen hat sie sich sehr lange geweigert und erst 2016 gesagt, dass sie da mitmacht. Wir haben dann im Krankenhaus, an dem Ort, zu dem sie eigentlich nie wieder hingehen wollte, gefilmt. Wir waren begeistert, rein vom Filmtechnischen her -, wie kurz, wie knapp, wie brutal verkürzt sie das darstellen kann, was in ihrem Leben blöd gelaufen ist. Beate wurde immer wichtiger, aber auch mein Verhältnis zu ihr. Wie werden wir wieder richtige Geschwister? Wie können wir die Zeit wieder ein bisschen einholen?

Welche Momente, Orte, Begegnungen haben Sie ansonsten besonders bewegt?

Wawerzinek: Mich hat generell erst mal der Gespensterwald bewegt. Der war für mich als knapp vierjähriges Kind mein erstes Naturerlebnis. Ich habe mich immer wieder reinsimuliert: Wie könnte ich das als Kind gesehen haben, diese großen Bäume, die ganz weit oben erst Blätter haben und so komisch verbogen sind?

Meine erste Heimerzieherin ist mir auch richtig nahe gekommen. Ich hätte am liebsten acht, neun Stunden Film mit ihr gemacht. Das ist eine richtige Freundschaft geworden, von null auf hundert. Ihr Leid wird mich bis zum Lebensende begleiten.

Dieser Wald ist ein zentrales Motiv. Es gibt nachgestellte Szenen, auch sehr viel Poetisches, surreal Anmutendes zu sehen. Wie haben Sie die Form dieses Films erarbeitet?

Wawerzinek: Das sind alles Restbestände. Zusammen mit der Volksbühne in Berlin hatten wir da schon Pläne. Ich wollte die ganze Geschichte im Gespensterwald erzählen und alle dort hineinholen. Die, die nicht mehr am Leben waren oder kein Interesse hatten, dort mitzumachen, wollte ich von Schauspielern spielen lassen. Aber das war dann zu riesengroß. Es hat ja auch mehr mit meiner Vergangenheit zu tun, und davon bin ich dann abgekommen. Aber als noch ein bisschen Geld übrig war, haben wir beschlossen, auf jeden Fall fünf, sechs Tage Schauspiel im Gespensterwald zu machen. Diese Abschluss-Tage waren unvergesslich.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Das Cover von Peter Wawerzineks Roman "Liebestölpel" © Verlag Galiani Berlin

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.11.2021 | 18:00 Uhr

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