Stand: 25.04.2020 13:57 Uhr

Ohne geht's nicht: Gesellschaft braucht Kultur

von Christiane Peitz

Keine Ausstellungen und keine Konzerte, keine Theaterstücke und keine Opern - jedenfalls nicht auf Bühnen und mit Menschen im Saal: Das kulturelle Leben ist weitgehend lahmgelegt - und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Die Kunst erobert in der Corona-Pandemie zwar das Netz, wo sich neue Plattformen bilden, die ihr Publikum finden. Aber so spontan und schön all diese Aktivitäten auch sind: Sind sie wirklich ein Ersatz für das Betrachten eines echten Gemäldes, für das leibhaftige Aufführen eines Stücks, für die Begegnung mit einem Autor an einem literarischen Abend? Wohl kaum. Die Kultur fehlt - auch für eine Verständigung der Gesellschaft über ihre Gegenwart und ihre Zukunft.

Christiane Peitz © imago
Christiane Peitz leitet das Kulturressort des "Tagesspiegel" in Berlin.

Der leere Saal ist zum Sinnbild dieser Tage geworden. Ein paar Geisterkonzerte gab es noch vor dem harten Lockdown, seitdem findet die Kultur nicht mehr statt, jedenfalls nicht analog. Die Bühnensaison ist beendet, so wurde es in vielen Bundesländern beschlossen. Auch Philharmonien bleiben zu, bei Kinos und Clubs sieht es kaum besser aus. Erste Museen und Galerien können im Mai wieder öffnen, unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen. Der größte Teil der Kultur macht sich jedoch auf eine lange Durststrecke gefasst. Die "neue Normalität" mit strikten Kontaktbeschränkungen und ohne Großveranstaltungen wird noch lange nicht vorbei sein.

Festivals, Open-Air-Konzerte, Theaterpremieren - alles vorerst passé. Berlins Kultursenator Klaus Lederer meinte dieser Tage, man brauche keine hellseherischen Fähigkeiten, um davon auszugehen, dass wir auch im Herbst kein vollbesetztes Orchester im Graben eines Opernhauses oder auf einer Konzertbühne erleben werden. Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler gibt zu bedenken, das Publikum könne ja vielleicht mit Mundschutz im Saal sitzen. Für Sänger und Schauspieler ist das keine Option.

Harte Aussichten, trotz viel Kreativität

Nicht dass gar nichts mehr ginge wegen der Virus-Pandemie: Das Autokino erlebt ein Revival, die Bundesnetzagentur hat seit März mehr als 40 Rundfunkfrequenzen dafür vergeben. Die Bayerische Staatsoper präsentiert bei ihren gestreamten Montags-Kammerkonzerten auch Ballettnummern, Pas de deux‘ mit Tänzern, die auch im wirklichen Leben ein Paar sind. Der Schauspieler Edin Hasanovic moderierte am Freitag den Deutschen Filmpreis als TV-Gala, mit von zu Hause zugeschalteten Laudatoren und Lola-Gewinnern. Und das Theater Gütersloh zeigt im Netz das 30-Minuten-Stück "Corona zu zweit", eine tragikomische Nachbarschaftsromanze unter den Bedingungen der Quarantäne. Noch konsequenter: In Hamburg ist für den Mai das erste Nicht-Festival annonciert, ein virtuelles Solidaritäts-Event unter dem Hashtag "Keiner kommt. Alle machen mit".

Viele Ideen, viel Engagement, viel Kreativität. Und trotzdem: harte Aussichten. Schrumpft die Kultur auf lange Zeit zur Kleinstbesetzung, zum Keller-Gig, zum Wohnzimmertheater? Ob Solo-Videoperformance, die Live-Aktivitäten der Berliner Philharmoniker in der Digital Concert Hall oder das globale Popkonzert "One World. Together at Home" mit Lady Gaga, den Stones und Elton John: So fantastisch all die digitalen Ersatzinitiativen auch sein mögen, so sehr nähren sie die Sehnsucht nach dem, was vorerst nicht stattfinden kann. Was schmerzlich fehlt, ist die reale Zusammenkunft vieler Menschen, die physische Nähe zur Kunst. Bruckner-Symphonien und Chorgesänge dürfen ebenso wie der Theaterkuss nicht mehr live über die Bühne gehen, nur noch als Konserve. Romeo und Julia über viele Monate ausschließlich als Mitschnitt aus früheren Jahren, und sonst finden Shakespeare-Tragödien nur noch mit eineinhalb Meter Abstand statt? Rockstars ohne Bad in der Menge? Einstündige Konzertpausen, wegen der Toilettenschlange? Da versagt selbst das Kopfkino.

Die Systemrelevanz der Kultur

"Kultur ist lebenswichtig, das merken wir gerade sehr deutlich", sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Die CDU-Politikerin betont, Corona ändere nichts daran, dass Deutschland eine Kulturnation sei, mit seiner international einmaligen Theaterlandschaft und der vielfältig ausdifferenzierten Szene von hoch subventionierten Häusern bis zu den freien Gruppen.

Interview
Regisseur Edgar Reitz ist diesjähriger Ehrenpreisträger des Deutschen Filmpreises 2020 © Christoph Hellhake, Edgar Reitz Filmproduktion Foto: Christoph Hellhake

Deutscher Filmpreis: Edgar Reitz erhält Ehren-Lola

Mit seiner "Heimat"-Trilogie hat der Filmemacher Edgar Reitz Filmgeschichte geschrieben. Nun wurde er mit dem Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie geehrt. Ein Interview. mehr

Die Systemrelevanz der Kultur lässt sich gerade an zweierlei festmachen. Zum einen, so formuliert es der Regisseur Edgar Reitz, der bei der Lola-Gala gerade den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie erhielt, weil "wir soziale Wesen sind und diesen Zustand der höheren Gestimmtheit in der Gesellschaft mit anderen suchen". Diese höhere Gestimmtheit: Sie vermittelt das Gefühl, etwas Großes zu erleben, sie löst ein anderes Berührt-Sein aus, eine andere Intensität, ein anderes Glück, als es allein möglich wäre. Die Künste sind Kraftwerke der Gefühle, der Wahrnehmung, der Erkenntnis, und diese Kraftwerke brauchen den realen Raum, mit Ausnahme der Literatur vielleicht. Deshalb haben die Menschen Arenen und Stadien, Kirchen und Musentempel gebaut.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 26.04.2020 | 19:05 Uhr