Juli Zeh © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Soeren Stache Foto: Soeren Stache

Offener Brief zum Ukraine-Krieg: "Es geht darum, fatale Schäden zu vermeiden"

Stand: 02.07.2022 09:13 Uhr

Wieder ein offener Brief, wieder stellen deutsche Prominente Forderungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg an die Politik: "Waffenstillstand jetzt!", lautet der Appell.

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Auch die Schriftstellerin Juli Zeh hat den Brief unterschrieben. Der Westen müsse jetzt alles daran setzen, dass die Parteien im Ukraine-Krieg zu einer zeitnahen Verhandlungslösung kommen. Viele der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner hatten sich schon an dem Brief an Kanzler Scholz im April beteiligt, so auch Juli Zeh. Ein Gespräch.

Frau Zeh, warum jetzt dieser Brief?

Juli Zeh: So ist es, auch mein Name ist wieder dabei. Das liegt daran, dass sich die Lage seit unserem letzten Appell überhaupt nicht gebessert hat. Wir interpretierten das etwas anders als manche anderen Beobachter, nämlich nicht so, dass die Entwicklung zeigen, dass das eine gute Idee war, immer weiter mit Unterstützungsleistungen den Krieg voranzutreiben. Sondern dass es immer dringender wird, den Krieg nach Möglichkeit auf dem Verhandlungsweg zu beenden, um weitere Eskalationen zu vermeiden.

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Es hat ja schon Anläufe für Waffenstillstände gegeben, aber das hat nie geklappt. Wie könnten solche Verhandlungen konkret aussehen? Wer sollte wo, wie, mit wem verhandeln?

Zeh: Ich verstehe, dass der Eindruck entsteht, wenn man oberflächlich schaut. Aber wenn man etwas genauer hinguckt, wie die Verläufe der Gespräche bislang waren, dann gab es tatsächlich Ende März eine Situation, wo sich die jeweiligen Forderungen der Seiten eigentlich ganz schön weit angenähert hatten und wo es für einen Moment aussah, als wäre das tatsächlich möglich. Allerdings braucht es, um solche Verhandlungen effektiv einzuleiten, Unterstützung von außen. Man kann in einem Konflikt, der so rabiat und brutal geführt wird, nicht erwarten, dass die Parteien sich freiwillig an den Tisch setzen und alle ihre Ambitionen fallen lassen. Sondern man muss das international begleiten - da ist die internationale Gemeinschaft gefragt, vor allem unter Führung der USA. Solange das nicht passiert, solange kein konzertierter, ernst gemeinter Vorstoß in diese Richtung erfolgt, können wir auch gar nicht wissen, ob es möglich ist oder nicht. Denn wir haben es schlicht und ergreifend noch gar nicht mit ganzer Macht versucht.

Verhandlungen bedeuten aber, dass es am Ende im besten Fall einen Kompromiss gibt - und Kompromiss würde ja heißen, dass Sie damit auch in Kauf nehmen würden, dass Russland als Aggressor in diesem ungerechtfertigten Angriffskrieg mit mehr geht, als es gekommen ist. Das ist das, was viele vermeiden wollen, die gegen diesen Weg sind. Was sagen Sie dazu?

Zeh: Ich bin natürlich moralisch, vom Gerechtigkeitsempfinden her betrachtet absolut auf der Seite derer, die sagen, das kann und darf eigentlich nicht sein. Es kann ja nicht derjenige, der auf aggressive und völkerrechtswidrige Weise so etwas Infames tut, hinterher belohnt werden. Ich verstehe absolut dieses Gefühl. Aber wenn man es versucht, nur durch die Ratio zu betrachten, muss man fragen, was denn überhaupt möglich ist, was die Alternativen sind. Ist es denn wirklich wahrscheinlich, dass man Russland militärisch so besiegen kann, dass am Ende die Ukraine in ihren alten Grenzen wieder zum Bestehen kommt?

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Es wird auf etwas hinauslaufen müssen, was ein bitterer Apfel zu schlucken ist, was aber am Ende aus unserer Sicht nicht nur für Europa und die ganze Welt der bessere Weg sein wird, sondern wahrscheinlich auch für die Ukraine selbst. Denn ein Zermürbungskrieg, der Monate oder sogar Jahre andauert, das Land immer weiter zerstört, immer mehr Leid über die Zivilbevölkerung bringt, kann auf Dauer auch nicht im Interesse sein. Es geht also an der Stelle nicht darum, einen gerechten Zustand herzustellen - es geht vor allem darum, fatale Schäden zu vermeiden. Das ist der Anlass für diesen Aufruf.

Nach Ihrem ersten Aufruf hat es viel Kritik gegeben, und die gibt es auch diesmal wieder: Militärexperte Carlo Masala twittert zum Beispiel: "Der nächste Versuch von Menschen, die sich bislang nicht mit internationaler Politik beschäftigt haben (mit zwei Ausnahmen), Dinge zu fordern, ohne Lösungen zu präsentieren." Haben Sie sich selber noch einmal kritisch die Frage gestellt, ob Sie überhaupt die Richtigen sind, etwas dazu zu sagen?

Zeh: Es gibt schon einige unter uns, die sich mit internationalem Krisenmanagement, mit Völkerrecht und so weiter auskennen. Und es gibt Militärexperten, die genau diesen Weg vorschlagen. Wir können hier nicht Expertise gegeneinander ausspielen und sagen: Die einen sind klüger und die anderen nicht, und deswegen dürfen die gar nichts sagen. Sondern es geht schlicht darum, dass wir auf Augenhöhe einen Diskurs beginnen müssen, indem wir uns fragen, was die europäischen Interessen in diesem Konflikt sind und was gangbare Wege sind. Solange das Narrativ gilt, dass Verhandlungen unmöglich sind und uns nichts anderes übrig bleibt, als die militärische Auseinandersetzung immer weiter voranzutreiben, kommen wir gar nicht an den Punkt, mal gemeinsam zu überlegen, was ein Weg sein könnte. Es sind Krisenmanagementlösungen skizzierbar, auf die das hinauslaufen könnte - die haben wir in unserem Brief natürlich nicht aufgeschrieben, sonst wäre der 50 Seiten lang geworden. Aber das liegt nicht außerhalb des Vorstellbaren, und das ist auch keine Frage der Expertise, sondern das ist eine Frage des politischen Willens.

Einer, der das auch anders sieht, ist der ukrainische Botschafter in Deutschland, Melnyk - einer, der nicht gerade dafür bekannt ist, dezent zurückhaltend zu sein. Und so äußert er sich auch diesmal bei Twitter: "Nicht schon wieder, was für ein Haufen pseudo-intellektueller Versager. Sie sollten sich endlich mit ihren defätistischen Ratschlägen zum Teufel scheren. Tut das weh, so etwas zu lesen, wenn man doch eigentlich nur das Beste für die Menschen in der Ukraine im Sinn hat?

Zeh: Mir persönlich hat es nicht wehgetan. Ich bin eher sehr verwundert darüber, wie sich ein Mann in Melnyks Position äußert, mit welchem Vokabular und auf welchem Niveau. Das ist ziemlich ungewöhnlich für einen Botschafter. Wir haben Stimmen aus anderen Ländern bekommen, die uns für den Appell gedankt haben und die fragen, warum die deutsche Bundesregierung Melnyk nicht einbestellt und ihn zur Mäßigung aufruft, was seinen Tonfall betrifft. Er hat absolut das Recht, Interessen und eine andere Meinung zu vertreten, aber es sollte sachlich passieren und es sollte ermöglichen, ein Gespräch zu führen - und nicht versuchen, jeden, der anderer Auffassung ist, einfach mundtot zu machen, indem man vorwirft, das seien Geisteskranke, die sich so äußern. Denn wenn man sich unsere Namensliste mal anschaut, wer da alles dabei ist, ist der Vorwurf, dass wir alle blöd sind und keine Ahnung haben, ziemlich lächerlich.

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Es gab schon einige offene Briefe, es gab immer viel Wirbel, aber oft in der Sache wenig Konkretes. Was lässt Sie jetzt glauben und hoffen, dass dieser Brief etwas bewirken könnte?

Zeh: Es ist eigentlich eher so eine Verzweiflungstat. Wir bilden uns nicht ein, dass wir mit einem kleinen Appell das große Rad neu drehen können. Ich glaube aber, dass steter Tropfen den Stein weiter höhlen muss. Denn es ist unheimlich wichtig, dass die öffentliche Meinung in Deutschland zu ihrem Recht kommt. Die Meinung in der Bevölkerung ist nämlich nicht so eindeutig, wie das zum Teil in der medialen Berichterstattung widergespiegelt wird.

Es gibt sehr, sehr viele Menschen im Land, manchmal denkt man, mehr als die Hälfte, die auch der Auffassung sind, dass dieser Krieg so schnell wie möglich zu beenden ist. Wir brauchen diese Debatte, auch um unseren Politikern, die selber häufig eine eher zögerliche, sorgenvolle und bedenkliche Haltung äußern, weiter den Rücken zu stärken, und sie nicht durch eine öffentliche Meinung in eine eskalative Situation weiter voranzutreiben, die wir vielleicht alle miteinander eines Tages zutiefst bedauern werden. Wir dürfen nicht blind voranstolpern, wir müssen uns offen, transparent und ohne gegenseitige verbale Vernichtungsattacken miteinander unterhalten können. Das ist ein Baustein beim Konfliktmanagement, dass es eine sachliche Debatte gibt.

Das Interview führte Jan Wiedemann.

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NDR Kultur | Journal | 01.07.2022 | 16:45 Uhr