Der Kinobetreiber Tobias Roßmann am Tresen des Programmkinos Casablanca in Oldenburg. © NDR Foto: Helgard Füchsel

Novemberhilfen: Viel Unsicherheit bei Kulturschaffenden

Stand: 11.11.2020 08:41 Uhr

Mit den sogenannten Novemberhilfen will der Bund die Kulturszene im Lockdown unterstützen - schnell und unbürokratisch. Doch was kommt bei den Künstlern an?

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von Helgard Füchsel

Christian Jakober ist verunsichert. Der Gitarrist aus dem Ammerland lebt normalerweise von Auftritten mit seinen Bands und von Theaterprojekten mit Jugendlichen. Die meisten Konzerte fallen bereits seit März weg. Er habe im Frühjahr trotzdem keine Hilfen bekommen. Die gab es nur für Selbständige mit Betriebsausgaben. Jetzt im November hätte er eine Projektwoche und einen Workshop geleitet. Die sind ausgefallen. Die Einnahmen für den November: gleich null.

Hoffen auf unbürokratisches Verfahren

Deshalb sucht der Gitarrist jetzt täglich auf der Website des Bundesministeriums Neues zur sogenannten Novemberhilfe. Schnell und unbürokratisch sollen Künstlerinnen und Künstler 75 Prozent von dem bekommen, was sie im November 2019 oder durchschnittlich im Jahr 2019 eingenommen haben. "Ich freue mich sehr, dass der befürchtete bürokratische Aufwand, sprich über einen Notar oder einen Vermögens- und Steuerberater zu beantragen, wegfällt, oder wegzufallen scheint. Man muss es ja noch vorsichtig formulieren", sagt Jakober. "Ich versuche, Euphorie zu vermeiden aufgrund der Erfahrungen aus dem März und bin vorsichtig optimistisch."

Existentielle Sorgen

Tim Schikoré aus Bremen ist dagegen pessimistisch. Der studierte Flamenco-Gitarrist lebt seit mehr als 25 Jahren von der Musik. Seit März wurde bereits das meiste abgesagt. Auch von der Zwangspause für die Kultur im November ist er betroffen. Dennoch glaubt der Gitarrist nicht, dass er etwas bekommen wird. "Ich war aufgrund einer schweren Erkrankung, die sich auf einen längeren Zeitraum mit vielen Krankenhausaufenthalten erstreckte, in 2019 ein halbes Jahr nicht arbeitsfähig. Da werde ich als Referenz nicht viel nachweisen können." Tim Schikoré fürchtet, dass er deshalb durch das Raster fällt: "Es wird Zeit, dass man da was tut. Nur es sollte eben auch ein bisschen individuell berücksichtigt werden und nicht wieder alle über einen Kamm scheren."

Antragsverfahren noch unklar

Der Schauspieler und Regissseur, Ulf Georges, im leeren Foyer der Oldenburger Kulturetage. © NDR Foto: Helgard Füchsel
Der Schauspieler und Regissseur Ulf Georges im leeren Foyer der Oldenburger Kulturetage.

Auch Ulf Goerges aus Oldenburg weiß nicht, ob er Hilfen bekommt. Er hätte eigentlich mehrere Engagements als Schauspieler und Regisseur an verschiedenen Bühnen im Nordwesten gehabt, zum Beispiel im Zimmertheater Orlando in Rastede. Das ist eine der kleinsten Spielstätten Niedersachsens und deshalb bis auf Weiteres geschlossen. Der Zuschauerraum ist zu klein zum Abstandhalten. Der Schauspieler will sich nicht beklagen. Schließlich arbeite er auch noch als Dozent an der Uni und verdiene immerhin noch etwa halb so viel wie sonst. Eines aber bereite ihm Sorgen: "Dass irgendwann gesagt werden muss: Es haben 20, 30 Prozent der kleinen Theater oder Kulturbetriebe, Kinos usw. schließen müssen, weil auf einen längeren Zeitraum hin keine Einnahmen mehr gekommen sind. Davor habe ich wirklich Angst."

Der Kinobetreiber Tobias Roßmann befürchtet jetzt noch nicht, dass er schließen muss. Er geht davon aus, dass er die Novemberhilfen für das Programmkino Casablanca in Oldenburg bekommt. Die vier fest angestellten Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Und dann hat er noch 35 Minijobber im Team. Die gingen immer leer aus, sagt Tobias Roßmann. Er würde ihnen gern wenigstens etwas Geld zahlen. Noch sei aber nicht absehbar, wann das Kino wieder öffnen könne: "Ich persönlich glaube nicht, dass es da im Dezember schon wieder Lockerungen geben wird. Schon gar nicht hier im Kultur- und Veranstaltungsbereich. Von daher ist die Frage, ob die Hilfen dann nochmal verlängert werden. Also, wie geht es dann weiter? Es ist die unklare Perspektive, die uns im Moment zu schaffen macht."

Bei allen Unterschieden, in einem sind sich alle einig: Sie wüssten gern ab wann und wie sie die Novemberhilfen beantragen können, denn das ist bis jetzt immer noch nicht klar.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.11.2020 | 07:40 Uhr