Stand: 18.03.2019 17:43 Uhr

Nina George plädiert für gendergerechte Sprache

Schluss mit dem "Gender-Unfug", fordern Prominente in einem Aufruf - aber auch Professorinnen und Professoren für Germanistik und Sprachwissenschaften. Über 44.000 Personen haben den Aufruf des Vereins Deutsche Sprache bisher unterschrieben. Zu "Gender-Unfug" zählen sie zum Beispiel das Gender-Sternchen. Sie warnen vor "lächerlichen Sprachgebilden", davor, dass eine gendergerechte Sprache nicht konsequent angewendet werden kann - kurz: Sie wehren sich gegen die "zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache". Die Schriftstellerin Nina George stellt sich gegen diese Erklärung.

Frau George, mir fällt gerade das Wort "Mitglied" auf. Ein schwieriges Wort, wenn es um gendergerechte Sprache geht - oder sehen Sie das anders?

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Nina George ist Mitglied des PEN-Präsidiums und macht sich für eine "gendergerechte Sprache" stark.

Nina George: Das sehe ich komplett anders. Wir müssen jetzt nicht anfangen, von "Mitgliederinnen" und "Mitgliedern" und von "Gästen" und "Gästinnen" zu sprechen. Das sieht ja eigentlich auch die Sichtbarmachung von Frauen, als auch von nonbinären Personen überhaupt nicht in der Form für diese Wörter vor.

Ich habe gelesen, dass Sie selbst das Gendersternchen in ihren Texten nicht gern benutzen, welches auch für anders genderartige Personen steht. Wieso denn nicht?

George: Wir müssen da unterscheiden. Zum einen geht es um die Arbeit, Frauen in der deutschen Sprache grundsätzlich sichtbar zu machen. Wir möchten auch - das hat sich in den letzten Jahren entwickelt -, dass sogenannte nonbinäre Personen abgebildet werden. Nonbinäre Personen zählen sich weder zu dem einen noch zu dem anderen Geschlecht, sodass wir zu kurz springen würden, wenn wir immer nur die weiblichen Formen verteidigen.

Das Gendersternchen als solches habe ich persönlich ganz selten in meinen Texten - ich ziehe es vor, auszuschreiben. In Reden schreibe ich zum Beispiel: "Guten Abend, werte Autoren, werte Autorinnen und nonbinäre Persönlichkeiten." Das kann man durchaus auch in Sachtexten machen. In einer langen Stellungnahme kann man innerhalb des Textes auch mischen: Man spricht einmal von Autoren, einmal von Autorinnen, und man kann auch von nonbinären Schreibenden sprechen.

Würden Sie das auch Schriftstellerinnen und Schriftstellern empfehlen, die Angst davor haben, dass ihre fiktiven Texte unleserlich, unpoetisch werden? Oder was wäre Ihre Empfehlung für diese Kolleginnen und Kollegen?

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George: Das Schöne ist ja, dass wir in Prosatexten etwas Bestimmtes erzählen, etwas Bestimmtes herausheben möchten. Wenn nonbinäre Figuren Thema eines Romans sind, dann fällt es uns überhaupt nicht schwer, die Personen auch als solche zu bezeichnen. In der Prosa gibt es sehr selten Aufzählungen. Wenn man ein bisschen geschickt formuliert, dann kommt man sowieso um Aufzählungen von Berufen oder von Menschenmengen herum. Ich weiß also gar nicht, warum sich auch erfahrene Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die diesen seltsamen "Unfugs"-Aufruf unterzeichnet haben, sich so schwer damit tun, ihr eigenes Handwerk zu beherrschen.

Vielleicht geht es darum, dass die Sprache für uns so etwas wie ein Heiliger Gral ist. Diese Unterstützerinnen und Unterstützer des Aufrufs sind ja auch auf das Bewahren bedacht und outen sich damit als wenig experimentierfreudig. Sind wir in Bezug auf unsere Sprache womöglich besonders konservativ?

George: Ich denke, das liegt in der deutschen Sprache an sich verankert. Wenn man sich anschaut, wie zum Beispiel das Wort "Leserin" gebildet wird, dann ist das ein bisschen biblisch: Wir schnitzen aus Adams Rippe, aus dem "Leser" eine "Leserin" - und dann baumelt da auf einmal so ein "in" dran. Anders zum Beispiel im Französischen: Da sind ganz andere Wortstämme vorhanden. Beim Wort "Schauspieler" gibt es im Französischen "l'act" - "die Handlung, das Spiel" - und den "acteur" oder die "actrice". Der Wortstamm ist also ein und derselbe. Deutsch ist eine sehr stark maskulin orientierte Sprache, die sich entwickeln muss, genauso wie sich alles auf der Welt entwickelt. Wenn man ein bisschen Angst hat, ist das auch normal, aber Angst ist eine schlechte Ratgeberin.

Heißt das, wir müssen uns auch vor diesem Anhängsel "in" verabschieden und die Sprache komplett neu denken?

George: So weit würde ich vermutlich nicht gehen, denn wir haben ja alle Wörter zur Verfügung, auch in einer sehr durchmaskulinierten deutschen Sprache. Wir haben alle Möglichkeiten. Ich denke nicht, dass wir anfangen müssen, die deutsche Sprache von Grund auf neu zu bauen.

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Sie sprechen von dieser maskulinen Sprache. Woran denken wir denn, wenn wir zum Beispiel sagen: Ich gehe zum Bäcker? Denken wir da nicht automatisch auch die Bäckerin mit?

George: Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber wenn ich das Wort "Bäcker" höre, sehe ich dort einen von oben bis unten sympathisch mehlverstaubten Herren - vielleicht auch ein bisschen kräftiger. Die Sprache ist ja dazu da, um Dinge sichtbar zu machen. Wenn man es poetisch betrachten möchte, gibt es eine wunderbare Legende, in der es heißt: Die Dinge entstehen erst in der Welt, weil sie genannt worden sind, weil sie poetisch gedichtet worden sind, weil sie ersungen worden sind. Ich finde diese poetische Herangehensweise bei einem Blick auf die Sprache, wie sie die Gesellschaft prägt, sehr hilfreich. Erst wenn wir anfangen, die Dinge präzise zu benennen, wie sie sind, entstehen sie auch vor dem inneren Auge. Das innere Auge - das ist Emotion, Neurologie, und Emotionen werden dann gebildet, wenn die Bilder korrekt entstehen. Der Bäcker ist männlich, die Bäckerin ist weiblich. Wir sollten auf jeden Fall für die Sichtbarkeit sorgen.

In der Erklärung des Vereins Deutsche Sprache wird sarkastisch von "Bürgerinnen- und Bürgermeister", "Einwohnerinnen- und Einwohnermeldeamt" und "Christinnentum" gesprochen. Wo gibt es in der geschlechtsneutralen Sprache Grenzen?

George: Ungefähr dort, wo die sogenannte Unfugs-Erklärung anfängt, sich lustig zu machen. Auf mich wirkt dieser Text, der auch nicht sonderlich gut geschrieben ist, wie ein Text, der bei etwas zu viel Alkohol entstanden ist: Wir gehen vom alten Sack aus und machen daraus die alte Säckin, vom Salzstreuer zur Salzstreuerin. Dort hat jemand definitiv übertrieben. Das hat die Sachebene verlassen und ignoriert sämtliche Studien, die wir alle rauf und runter kennen: inwieweit Sprache prägt, inwieweit Sprache auch Kinder prägt in dem, was sie denken, wie die Welt ist. Wir müssen uns eigentlich überhaupt keine Sorgen machen, wo wir die Grenzen setzen, weil sie ganz klar sind: Macht Frauen sichtbar, macht Männer sichtbar, macht nonbinäre Persönlichkeiten sichtbar. Das wäre alles.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Nina George © Knaur Droemer Verlag Foto: Marion Losse

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