Grauer Wolken über der Hafencity. © NDR Foto: Thomas Knobloch

Neue Oper für Hamburg - Kulturförderung oder Eigeninteresse?

Stand: 30.05.2022 14:33 Uhr

Der Milliardär Klaus-Michael Kühne will in Hamburg einen neue Oper bauen lassen. Wie gönnerhaft ist dieses Vorhaben? Geht es um Kulturförderung oder Eigeninteresse? Fragen an den Hamburger Architekturkritiker Claas Gefroi.

Grauer Wolken über der Hafencity. © NDR Foto: Thomas Knobloch
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Herr Gefroi, kann man in diesem Fall überhaupt von Mäzenatentum sprechen?

Claas Gefroi: So, wie er das vorgeschlagen hat, hat das mit Mäzenatentum gar nichts zu tun. Ich denke, sein Vorstoß hat vor allem ein wirtschaftliches Kalkül: Er kann zum einen durch den Abriss der alten Staatsoper und durch die Übereignung des großen Grundstückes - das hat er ja schon angedeutet - dort ein großes Immobilienprojekt realisieren. Er möchte den Zugriff auf das Grundstück, um dort bauen zu können. Zum zweiten schlägt er einen Neubau in der Hafencity vor, und dafür schlägt er das sogenannte Mietkaufmodell vor. Das bedeutet, dass die Stadt dieses Gebäude anmietet, und nach Ablauf einer vereinbarten Frist muss die Stadt die Immobilie zu einem vorher festgelegten Preis kaufen. Auch dort profitiert dann Herr Kühne wirtschaftlich über einen längeren Zeitraum.

Wobei dieses Modell schon abgelehnt ist, oder?

Gefroi: Die Stadt hat es - zumindest über ihren Senatssprecher - abgelehnt, das würde sie auf keinen Fall tun. Aber wenn Herr Kühne als Mäzen der Stadt ein neues Gebäude auf eigene Kosten bauen wolle, dann würde die Stadt dafür kostenlos das Grundstück zur Verfügung stellen und den Umzug auch aus eigener Tasche bezahlen.

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Sie haben angedeutet, dass Sie überrascht waren, dass das an die Öffentlichkeit kommt. Haben Sie mittlerweile etwas über die Gespräche erfahren, die da vielleicht schon seit längerem im Hintergrund laufen?

Gefroi: Nein, das wären dann auch Gespräche zwischen Senat und Herrn Kühne, die vertraulich laufen - da wird man von außen nichts erfahren. Ich war auch ein bisschen überrascht über die Aussage des Senatssprechers, dass man von diesen Plänen bereits Kenntnis hätte. Das heißt, es hat offensichtlich schon im Vorfeld Gespräche gegeben. Die Frage ist, ob das ein guter demokratischer Stil ist, dass die Öffentlichkeit von solchen Gesprächen und Plänen immer erst relativ spät erfährt. Und dann auch nur, weil Herr Kühne es selbst öffentlich gemacht hat.

Auch zu einem pikanten Zeitpunkt, zu einer großen Premiere. War das vielleicht ganz bewusst, um das zu lancieren und Druck aufzubauen?

Gefroi: Das kann ja nur das einzige Motiv sein. Er möchte jetzt einen gewissen Druck auf die Stadt aufbauen, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Ich glaube, das ist ein bisschen nach hinten losgegangen, weil alle in Hamburg und außerhalb Hamburgs ziemlich überrascht sind, auch über diese Kritik am bisherigen Gebäude. Ich denke, so, wie es Herr Kühne sich vorstellt, wird es hoffentlich nicht kommen. Aber selbst wenn es so kommt, dass er einen Neubau baut, hätte ich große Bedenken und Fragen. Ich denke, es ist nicht der richtige Weg, wenn Mäzene oder private Spender einer Stadt eine kulturpolitische Agenda verordnen.

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Was finden Sie problematisch daran?

Gefroi: Ich denke, dass die Kulturpolitik selber die Agenda setzen muss und sagen muss, wo Investitionen notwendig und sinnvoll sind. Dass wir ein neues Operngebäude brauchen, ist gerade nicht das drängendste Problem der Hamburger Kulturpolitik. Ich sehe da ganz andere Sachen, wenn man schon Geld für Gebäude ausgeben will: Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob es nicht ein naturwissenschaftliches Museum für Hamburg geben sollte, wo die naturwissenschaftlichen Sammlungen unterkommen und gezeigt werden könnten. Oder ich erinnere an die Zentralbibliothek, die einer Stadt wie Hamburg in dem Zustand, in dem sie ist, auch nicht würdig ist. Das wäre ein sinnvolles Projekt. Von daher denke ich, dass die Stadt als demokratisch legitimierte Institution selber entscheiden soll, wofür man Geld ausgibt und wo man Schwerpunkte setzt.

Man hat auch mal geplant, kostendeckend ein Konzerthaus an der Elbe zu bauen. Auch da waren private Spender und Spenderinnen ganz groß mit im Spiel. Verlässt man sich in Hamburg sehr stark auf solche Geldgeber?

Gefroi: Ich denke schon - das sehen wir gerade in der Kulturpolitik. Hamburg ist ja eine der Städte, die im Vergleich mit den geringsten Kulturetat haben. Es läuft in der Stadt wahnsinnig viel über Sponsoring, über Spenden, über Mäzenatentum. Das ist sicherlich auch gut, aber es kann nicht sein, dass eine Stadt sich darauf allzusehr verlässt. Auch wenn ich selber kein Kulturexperte bin, sondern Architekturexperte, würde ich doch sagen, dass es eigentlich eine generelle Trendumkehr in Hamburg geben müsste.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.05.2022 | 17:15 Uhr

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