Karin Prien © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt

"2022 wird der Präsenzunterricht absolut im Vordergrund stehen"

Stand: 04.01.2022 16:58 Uhr

Mit Jahresbeginn hat Karin Prien offiziell den Vorsitz der Kultusministerkonferenz übernommen. In der aktuellen Situation mit den permanenten Gezerre um die richtige Beschulung in Pandemiezeiten wahrlich keine leichte Aufgabe.

Frau Prien, in welche Richtung geht es im Jahr 2022? Präsenz-, Distanz-, Wechselunterricht, Homeschooling? Oder gibt es weiterhin dieses unkalkulierbare "hü" und "hott"?

Karin Prien: Wir haben in dieser Pandemie insgesamt viel gelernt, und dazu gehört unter anderem auch, dass wir die Bedeutung von Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als sozialen Ort für Kinder und Jugendliche sehr deutlich erfahren haben. Deshalb wird im Jahr 2022 der Präsenzunterricht absolut im Vordergrund stehen. Alle anderen Modelle werden allenfalls dort, wo es unvermeidbar ist, weil das Infektionsgeschehen es gar nicht mehr anders zulassen würde, als Ultima Ratio in Betracht kommen.

Ist das die Empfehlung, die Sie am Freitag in das Bund-Länder-Treffen einspeisen werden?

Prien: Das ist ja in Wahrheit der politische Konsens über alle Regierungsparteien hinweg, den ich beschrieben habe. Das sehen Sie auch an der Regelung im Infektionsschutzgesetz des Bundes in seiner letzten Fassung, in der flächendeckende Schulschließungen als Maßnahme der Pandemiebekämpfung ausgeschlossen sind. Wir werden die Ministerpräsidenten natürlich darin bestärken, weiter so zu verfahren und auch zu überlegen, was wir noch zusätzlich tun müssen, damit wir das auch möglich machen können.

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Was wäre da zu tun? Es heißt zum Beispiel, es sei ganz viel Geld, um Lüftungseinrichtungen in Klassenzimmern anzubringen, nicht abgerufen worden. Es sei auch ganz viel Geld vom Digitalpakt noch nicht abgerufen worden. Wo ist da ein Hebel anzusetzen?

Prien: Ich spreche hier über die Frage, wie wir den Schulbetrieb aufrechterhalten können, und da geht es im Wesentlichen darum, auch über das schulische Personal, über ihre Quarantäne- und Isolierungsregelungen nachzudenken. Lehrkräfte und Sozialarbeiter gehören aus unserer Sicht zur kritischen Infrastruktur, und das muss entsprechend Berücksichtigung finden. Wenn Sie das Thema mobile Luftfilter ansprechen, dann ist es so, dass der Bund einen sehr engen Rahmen gesteckt hat, in dem diese Geräte förderfähig sind. Dieser Rahmen ist natürlich voll ausgeschöpft worden. Aber es geht hier nur um Räume, die nicht gut belüftbar sind, und das sind die wenigsten in unseren Schulen.

Es ist in den vergangenen fast zwei Jahren kaum häufiger vom "Flickenteppich" gesprochen worden, als im Zusammenhang mit dem Schulsystem. Wäre es nicht gerade im Bildungsbereich jetzt an der Zeit zu sagen: Wir müssen mehr Kompetenz an den Bund abgeben?

Prien: Dem würde ich ganz grundsätzlich widersprechen wollen. Das ist ja so ein bisschen das Bedürfnis nach der einfachen Lösung, was es hier aber - wie in vielen Politikbereichen - nicht gibt. Wir haben über das föderale System die Chance gehabt, sehr konkret auf die Verhältnisse in den einzelnen Bundesländern reagieren zu können. Wir hatten in Schleswig-Holstein über eine sehr lange Zeit sehr niedrige Inzidenzen und konnten ganz anders mit dem Präsenzunterricht in Schulen umgehen. In anderen Regionen unseres Landes war das anders. Auch bei einer Bundeskompetenz müsste man solche regionalen Unterschiede berücksichtigen können. Ich glaube aber, dass die Pandemie uns vor Augen geführt hat, dass eine deutlich engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern, aber auch zwischen Bund, Ländern und Kommunen als Schulträger nötig ist.

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Karin Prien, CDU, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein.  Foto: Gino Laib

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In den vergangenen Monaten galt das Augenmerk dem Schulsystem. Das Hochschulsystem, die Universitäten wurden dabei aus dem Blick verloren. Wie müssen die sich jetzt aufstellen? Und täuscht nicht ein "Biontech" darüber hinweg, dass es um die Spitzenforschung hierzulande möglicherweise gar nicht so gut bestellt ist?

Prien: Auch da teile ich Ihre Einschätzung überhaupt nicht. Wir haben eines der besten und leistungsfähigsten Wissenschaftssysteme der Welt. Es ist eben kein Zufall, dass einer der Impfstoffe, der uns aus dieser Pandemie führen wird, in Deutschland entwickelt worden ist. Und trotzdem ist es auch richtig, sich immer wieder anzuschauen, wie man die notwendige Agilität und Leistungsfähigkeit des Wissenschaftssystems erhalten und immer wieder neu schaffen kann. Es ist richtig, auch das Thema Wissenschaft - und übrigens auch das Thema Kultur, das ja auch unter dem Dach der KMK beraten und verhandelt wird - noch viel stärker in den Vordergrund zu stellen und diese ganze Leistungspalette, die die KMK bearbeitet, in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen.

Neben der Kultusministerkonferenz gibt es nun auch noch die Kulturminister-Konferenz. Ist das eine Abspaltung? Begrenzt das möglicherweise auch die Kompetenzen der KMK?

Prien: Nein, überhaupt nicht. Die Kulturminister-Konferenz ist ja Teil der Kultusministerkonferenz, insofern ist das eine gute Ergänzung. Das bedeutet auch, dass es in den letzten zwei Jahren gelungen ist, den Wert der Kultur über die Kulturminister-Konferenz unter dem Dach der KMK mehr in den öffentlichen Fokus zu bringen und damit auch die Interessen der Künstlerinnen und Künstler, der Theater, der Bibliotheken und so weiter stärker in der Öffentlichkeit deutlich zu machen. Das ist geradezu ein Glücksfall gewesen, dass sich die Kulturminister-Konferenz so hat emanzipieren können unter dem Dach der KMK in den letzten zwei Jahren.

Die Kultusministerkonferenz ist ein verhältnismäßig zahnloser Tiger: Sie hat keine Gesetzgebungskompetenz, sie ist beratend tätig und spricht Empfehlungen aus. Wie wollen Sie die KMK stark durch dieses Jahr führen?

Prien: Das liegt natürlich im Wesen des Amtes, dass es zunächst darum geht, die Aktivitäten zu koordinieren. Aber es gibt sehr wohl die Möglichkeit darüber, dass man Themen setzt, dass man bestimmte Stilfragen anders handhabt, ein solches Jahr zu prägen. In diesem Jahr geht es zum einen darum, unter der Überschrift "Lernen aus der Pandemie" Schule, aber auch Wissenschaft und Kultur in der Verzahnung so weiterzuentwickeln, dass wir aus der Pandemie gestärkt herauskommen, dass wir uns jetzt Gedanken darüber machen, wie wir die Schule der Zukunft in einem zunehmend digitalen Zeitalter entwickeln. Wir müssen die Krise als Chance nutzen, und da liegt viel Arbeit vor uns. Da geht es um die Frage der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Da geht es um die Frage, was Schulleiter können müssen, um solche Transformationsprozesse ordentlich zu orchestrieren. Wie muss die Lehrerbildung in Zukunft aussehen? Welche Bedeutung hat etwa die kulturelle Bildung in einer Zeit der zunehmenden Digitalisierung? Oder wie kann man die Zusammenarbeit zwischen Schule und Wissenschaft so verstärken, dass wir stärker evidenzbasierte Bildungspolitik machen können? Und viele andere Fragen mehr. Dazu werde ich mit der Präsidentschaft meinen Beitrag leisten.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.01.2022 | 18:00 Uhr

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