"Network" - intelligent-brisante Satire am Thalia Theater

Stand: 26.10.2020 13:08 Uhr

Jan Bosses Stück "Network" einer dystopische Medienlandschaft ist eine intelligente und brisante Satire am Thalia Theater - ganz in Orange.

von Katja Weise

Orange war die In-Farbe der 1970er-Jahre und Orange ist auch die Farbe dieses Abends: Das Fernsehstudio, das Stephane Laimé Corona-gerecht parzelliert für die Bühne entworfen hat, schillert geradezu. Ein sensationeller Rahmen für das, was dann passiert: "Guten Abend, hier ist wieder Howard Beale. Meine Damen und Herren, ich wollte Ihnen mitteilen, dass ich mich von dieser Sendung verabschiede, wegen schlechter Einschaltquoten. Da die Sendung mein einziger Lebensinhalt war, habe ich beschlossen, mich umzubringen. Ich baller mir in genau einer Woche das Gehirn weg, vor laufender Kamera", sagt Beale, gespielt von Wolfram Koch.

 Nachrichtensendung soll zur Unterhaltungs-Show werden

Wolfram Koch als Beale in einer Szene des Stücks "Network" auf der Bühne des Thalia Theaters in Hamburg. © Thalia Theater Foto: Armin Smailovic
Schauspieler Wolfram Koch gibt den Moderator Howard Beale, der zum wütenden Propheten mutiert.

Da ist Beale noch ein frustrierter Nachrichtenmoderator im sandfarbenen Dreiteiler, die grauen Haare brav nach hinten gekämmt. Doch nach dieser Ankündigung schnellen die Quoten in die Höhe und Beales Vorgesetzte, allen voran die skrupellose Programmdirektorin Diana, beschließen, davon auch weiterhin zu profitieren und an dem Moderator festzuhalten. Allerdings sollen die Nachrichten zur Unterhaltungs-Show werden. Das funktioniert, zunächst. Beale erklärt fortan seinen Zuschauern die Welt, in deutlichen Worten.

"Kannst Du es glauben? Howard Beale blökt einen Abend lang vor laufender Kamera zwei Minuten lang: 'Alles ist beschissen' - und wir kriegen eine Presse, die nicht für eine Million Dollar zu kaufen wäre. Hast Du die Quoten gesehen? Der Typ ist eine Goldmine!" Zitat aus "Network"

Aktuelle Satire "Network" über Fake News

Denn Howard sagt, was viele denken. Doch er verliert zunehmend den Verstand, hört Stimmen, fühlt sich erleuchtet. Zunehmend derangiert gibt Beale dennoch - im nun peppigen pinkfarbenen Anzug - den Quoten-Clown.

"Network" ist eine intelligente, immer noch aktuelle, brisante Satire. Deshalb ist es klug, dass der Regisseur Jan Bosse ganz auf Aktualisierungen verzichtet, auf jedweden Verweis auf Wutbürger, Donald Trump oder die Rolle der Sozialen Netzwerke. Denn es ist alles da: Emotion siegt über Fakten, der Markt über die einordnende Berichterstattung.

 "Unser Job ist Lügen, wir tun nichts als lügen, lügen!" Zitat aus "Network"

"Mich hat erstaunt, wie die Ästhetik dieser Zeit auf der einen Seite super-altmodisch ist. Auf der anderen Seite weiß man natürlich, dass das einen wahnsinnigen Zeitbezug hat", sagt eine Zuschauerin - ein anderer Zuschauer mein: "Die Straßen brennen, Rassisten übernehmen, die Welt geht vor die Hunde - step by step. Und es gibt Wahrheiten, die man nicht hören möchte: Das ist dann doch sehr heutig."

Wolfram Koch wird zum wütenden Propheten

Gestrig ist allein die Optik: Da gibt es Hosen mit Schlag und breite Gürtel, lange Haare und dicke Ketten - und wie gesagt: viel Orange. Wie Wolfram Koch in dieser quietschbunten Welt, auf einer sich wild drehenden Bühne, vom verzweifelten Nachrichtensprecher zum wütenden Propheten mutiert, wie er die komischen und tragischen Seiten der Figur ausspielt, ist großartig. Doch das ganze Ensemble trägt diesen ebenso nachdenklich stimmenden wie unterhaltsamen Abend, der nicht zuletzt auch wegen der Live-Musik von Jonas Landerschier unbedingt zu empfehlen ist. 

"Network" - intelligent-brisante Satire am Thalia Theater

Jan Bosses Stück "Network" einer dystopische Medienlandschaft am Thalia Theater ist eine intelligente und brisante Satire.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater - Großes Haus am Alstertor
Alstertor
20095Hamburg
Telefon:
(040) 328 14 444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
8 Euro bis 41 Euro
Hinweis:
Regie: Jan Bosse
Bühnenbearbeitung Lee Hall - nach dem Film von Paddy Chayefsky (Übersetzung Michael Raab)
Deutsche Erstaufführung
Mit: Wolfram Koch, Christiane von Poelnitz, Jirka Zett, Felix Knopp
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 26.10.2020 | 19:00 Uhr

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