Stand: 13.02.2018 18:11 Uhr

"Radio ist nach wie vor unheimlich relevant"

Am 13. Februar ist "World Radio Day". 2012 von der UNESCO begründet soll nicht nur das Medium Radio in den Blickpunkt rücken, sondern auch freien Zugang zu Informationen fördern. Die Hamburger Medienwissenschaftlerin Nele Heise glaubt, dass das Radio weiterhin einen fest Platz im Alltag vieler Menschen haben wird.

Frau Heise, Sie beschäftigen sich einerseits mit den "althergebrachten" Medien wie Radio und Fernsehen, aber vor allem auch mit der Mediennutzung im digitalen Zeitalter. Wundert es Sie eigentlich, dass es das gute alte Radio überhaupt noch gibt?

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Nele Heise glaubt, dass das Radio weiterhin einen fest Platz im Alltag vieler Menschen haben wird.

Nele Heise: Das wundert mich gar nicht, weil das Radio viele tolle Vorteile hat: Es besticht durch Kontinuität, es bietet 24 Stunden am Tag Programm, es ist abwechslungsreich, es informiert mich, es ist verlässlich, ich weiß, was ich davon erwarten kann. Und das hat im Alltag vieler Menschen einen festen Platz gefunden. Wir Menschen sind ja Gewohnheitstiere - von daher wundert mich das nicht, dass das Radio auch im digitalen Zeitalter noch einen festen Platz in der Mediennutzung vieler Menschen hat.

Früher waren es Menschen wie ich, Redakteure, die in oft hitzigen Redaktionssitzungen gemeinsam entschieden haben, was ins Programm kommt und wie. In Zeiten des Internets kann jeder jederzeit alles Mögliche verbreiten. Sind diese digitalen Möglichkeiten ein Zugewinn an Freiheit oder eine gefährliche Nivellierung von Professionalität?

Heise: Zum einen ist es toll, dass mehr Menschen an Öffentlichkeit teilhaben können. Gerade wenn wir an das professionelle, klassische Radio denken, da haben nicht so viele Leute die Möglichkeit teilzuhaben - und das ist im Internet anders. Man kann schon davon ausgehen, dass im öffentlichen Diskurs mehr Stimmen zu einer vielfältigeren Sicht auf die Welt beitragen können. Ich glaube aber, dass gerade die klassischen Medien nach wie vor hohes Vertrauen beim Publikum genießen, weil sie sehr verlässlich diese Informationen liefern und dass man dann bei bestimmten Informationen im Netz ein bisschen vorsichtiger ist.

Wie das Radio Massenmedium wurde

Andererseits trägt es dazu bei, dass wir mehr Perspektiven auf die Welt und die Gesellschaft haben. Das ist bei den digitalen Medien, etwa beim Podcast der Fall. Ich glaube, die Leute schätzen diese Souveränität, die sie haben über die Auswahl dessen, welche Inhalte sie sich anschauen. Früher war es sehr linear, ich musste davor sitzen - heute kann ich etwas nachhören, was ich verpasst habe, oder neben einem professionellen Radioangebot auch von privaten Menschen gemachte Sendungen hören. Das ist eine Haltung, die sich bei mehr und mehr Menschen durchsetzt.

Auch wir von NDR Kultur bieten viele Podcasts an. Das sind oft sehr hochwertige Produktionen. Dann gibt es auch Podcasts von anderen Anbietern, die nicht unbedingt auf diese Produktionsmöglichkeiten zurückgreifen. Welche Interessen haben diese Menschen - geschäftliche?

Heise: Für einige ist Podcasting wie so ein Marketing-Tool oder eine Möglichkeit über Spenden- oder Werbefinanzierung ein zusätzliches oder das komplette Einkommen daraus zu finanzieren. Andere machen das aus Spaß an der Freude, weil sie Spaß am Senden haben und keine anderen Möglichkeiten dazu, weil sie sich gerne mit Freunden zusammensetzen und über Alltagsthemen unterhalten - oder über Fachthemen, weil sie vielleicht Experten für einen bestimmten Bereich sind. Da gibt es eine ganze Bandbreite bei den Anbietern und bei den Motiven, warum das Menschen machen. Es gibt zum Beispiel auch Universitäten, die Podcasts veröffentlichen, wo eher der Ansatz ist, Wissen zu verbreiten.

Wie groß ist diese Podcast-Szene - ein Paralleluniversum?

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Herzensangelegenheit - Welttag des Radios

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Der 13. Februar liegt uns besonders am Herzen. Feiern Sie mit uns den Welttag des Radios und schauen Sie sich an, in welchen Winkeln der Welt Sie uns verstreut hören. mehr

Heise: Es gibt ein bisschen mehr als 4.000 Podcasts im deutschsprachigen Raum - zumindest was man auf iTunes findet. Die Zahlen sind aber vom vorletzten Jahr, also ist da sicherlich noch einiges passiert. Es gibt eine ganze Menge an Angeboten, teilweise auch aus dem Radio selber. Wenn man sich also den deutschsprachigen Podcast-Markt anguckt, gibt es relativ viele professionelle Podcast-Angebote, also die Zweitverwertungen, die aus dem Radio rausfallen. Und die sind auch bei den Hörern nach wie vor sehr beliebt. Das heißt, selbst im Bereich Podcasting setzen sehr viele Hörer auf bekannte und vertraute Medienmarken. Und da stoßen jetzt auch viele Verlags-Podcasts von "Spiegel online", von "Zeit online" usw. dazu, die eine bestimmte Zielgruppe haben und jetzt auch Audio und Medien anbieten.

Wie sehen Sie die Zukunft des Radios?

Heise: Medienforscher sind immer ein bisschen vorsichtig, was den Blick in die Glaskugel anbelangt. Ich glaube, Radio ist nach wie vor unheimlich relevant. Gerade wenn es um digitale Audionutzung geht, ist das Radio immer noch sehr weit vorne, und viele Leute greifen über Webseiten, über Apps oder über Smart Speaker auf klassische Radiokanäle zurück.

Ich mache mir eher Sorgen im Bereich Musiknutzung. Jüngere Menschen setzen stark auf personalisierte Sachen, auf Musikstreaming-Dienste wie Spotify oder Deezer, oder sie hören viel Musik im Internet, über YouTube usw.. Da mache ich mir ein bisschen mehr Sorgen über die Radiosender, die vor allem auf Musik setzen.

Ansonsten gilt bei Radio: Das älteste elektronische Massenmedium hat bis jetzt viele technische Entwicklungen und Verwerfungen gut hinter sich gebracht und hat es immer geschafft, sich irgendwie anzupassen. Ich glaube, gerade was das Vertrauen in die Inhalte angeht, da sollte die Qualität weiter oben bleiben - und dann mache ich mir um die Zukunft des Radios gar keine Sorgen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.02.2018 | 19:00 Uhr

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