Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) verleiht im Schloss Bellevue den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an Matthias Katsch (l) und Pater Klaus Mertes. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm

Missbrauchsaufklärung: Bundesverdienstkreuz an Katsch und Mertes

Stand: 08.04.2021 18:49 Uhr

Der Aktivist Matthias Katsch und Jesuitenpater Klaus Mertes sind für ihre Missbrauchsaufklärung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) verleiht im Schloss Bellevue den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an Matthias Katsch (l) und Pater Klaus Mertes. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm
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Im Januar 2010 suchte der frühere Schüler des Berliner Elitegymnasiums Canisius-Kolleg, Matthias Katsch, das Gespräch mit dessen damaligen Rektor Klaus Mertes, um ihm von dem in den späten 1970er-Jahren erlittenen Missbrauch an der Jesuitenschule zu berichten. Mertes nahm die Schilderung ernst und fragte in einem Brief 600 weitere ehemalige Schüler nach ihren Erfahrungen. Der Vorgang erschütterte als "Missbrauchsskandal" vor allem die katholische Kirche, aber auch die evangelische und andere Organisationen und Einrichtungen. Florian Breitmeier aus der Redaktion "Religion und Gesellschaft" verfolgt den Skandal seit Anbeginn.

Herr Breitmeier, der Bundespräsident hat heute betont, dass Matthias Katsch und Klaus Mertes in dieser furchtbaren Geschichte und ihrer Vertuschung eine Zäsur gesetzt hätten. Was war das für ein Einschnitt?

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet die Redaktion Religion und Gesellschaft im NDR.

Florian Breitmeier: Es war in dieser Kombination sicherlich eine Zäsur. Betroffene sexualisierter Gewalt, die den Mut aufbrachten, das Schweigen zu brechen, und der Vertreter einer Institution, die den Sprechenden Glauben schenkte und es noch viel genauer wissen wollte. Bei all den Unterschieden zwischen dem Aktivisten Matthias Katsch und dem Jesuitenpater Klaus Mertes, sind sie auf ihre jeweils eigene Weise für die Schwächsten eingetreten, nämlich für Kinder und Jugendliche, die an Leib und Seele verletzt wurden und lange Zeit "Vergessene" und "Verschwiegene" waren, wie das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Ordensverleihung betont hat.

Es gab aber auch schon in den 80er- und 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vor allem mutige Frauen, die sich öffentlich zu Wort gemeldet haben und das Thema sexualisierte Gewalt angesprochen haben. Auch darüber hat Frank-Walter Steinmeier gesprochen und das auch gewürdigt.

Nun hat dieser Fall sehr viel Staub aufgewirbelt, und man hat das Gefühl, dass die beschuldigten Institutionen immer noch nicht für Durchblick gesorgt haben. Was ist in diesen elf Jahren passiert? Oder eben auch nicht?

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Breitmeier: Es bleibt sicherlich noch ganz viel zu tun. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt steht in beiden großen christlichen Kirchen erst am Anfang. Es sind erste Studien entstanden, zum Beispiel die große Untersuchung der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2018 oder einzelne Studien in den Bistümern. Die evangelische Kirche hinkt da noch deutlich hinterher. Erst im Jahr 2023 sollen Forschungsergebnisse vorgelegt werden. Auch eine Vereinbarung über verbindliche Standards bei der institutionellen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt steht noch aus zwischen der evangelischen Kirche und dem unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine solche Vereinbarung im vergangenen Juni unterzeichnet.

Viel ist in den beiden Kirchen mit Blick auf Prävention und Schutzkonzepte geschehen. Auch ein viel stärkeres Hören auf die Bedürfnisse der Betroffenen hat es gegeben. Da ist viel auf den Weg gebracht worden, auch durch den Druck von mutigen Frauen und Männern in beiden Kirchen. Da sind Matthias Katsch und Pater Klaus Mertes keineswegs allein.

Matthias Katsch und seine Mitstreiter vom "Eckigen Tisch" fordern 300.000 bis 400.000 Euro pro Betroffenen. Da sagt Pater Klaus Mertes, das würde zumindest das pädagogische Engagement des Jesuitenordens in den Ruin treiben. Aber ist das wirklich so? Die katholische Kirche ist eine der reichsten Organisationen in Deutschland. Würde die ruiniert, wenn man tatsächlich Entschädigungen zahlen müsste?

Breitmeier: Das Geld ist sicherlich vorhanden, gar keine Frage. Allerdings muss man auch bedenken, dass der Jesuitenorden, für den Klaus Mertes spricht, rechtlich eigenständig ist. Das ist also nicht zu vermischen mit der Rechtsinstitution der römisch-katholischen Kirche. Der Orden könnte nicht einfach die Kirchensteuermittel nehmen, um die Betroffenen sexualisierter Gewalt zu bezahlen, zu entschädigen oder Anerkennungsleistungen zu erbringen. Derzeit laufen Gespräche, wie es möglicherweise doch zu einem einheitlichen Verfahren kommen könnte, dass die Deutsche Bischofskonferenz und die Orden ein einheitliches Verfahren an den Tag legen.

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Natürlich gibt es aber große Ungeduld bei den Betroffenen, denn eine umfassende Untersuchung des Jesuitenordens an allen Standorten, in allen Institutionen, fehlt bislang. Es wird sehr schwierig werden, dass es bei diesen hohen Summen zu einer Einigung kommt.

Müsste nicht die katholische Kirche ein sehr großes Interesse an einer Einigung haben und das auch nach außen signalisieren? Denn der Missbrauch ist und bleibt einer der Hauptgründe für die enorme Zahl an Kirchenaustritten.

Breitmeier: Ganz bestimmt. Es passiert ja auch einiges. Natürlich läuft auch manches ganz fatal und schief. Der Gesprächsprozess Synodaler Weg ist ein Versuch der Deutschen Bischofskonferenz im Verbund mit den Laien ins Gespräch zu kommen, diese systemischen Ursachen des Missbrauchs anzugehen. Diese Debatte ist auch durch den Missbrauchsskandal und durch Männer wie Matthias Katsch - wenn auch auf indirekte Weise - mitinitiiert worden, die die Vertuschung der Institutionen öffentlich gemacht haben, auch wenn das nie ihre Absicht war. Sie haben über ihr Leiden gesprochen, die Öffentlichkeit gesucht und damit Debatten ausgelöst, die bisher so gar nicht vorstellbar waren. Das zeigt sich auch in der Anerkennung durch das Bundesverdienstkreuz, dass das auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss. Auch in Verein, beim Sport, in Chören, in Orchestern, im Kulturbetrieb findet sexualisierte Gewalt statt, und durch mutige Frauen und Männer, die das kundtun, ist da ein Stein ins Rollen gebracht worden. Aber die Aufarbeitung ist bestimmt noch nicht abgeschlossen.

Das Gespräch führe Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.04.2021 | 18:00 Uhr