Stand: 12.08.2019 08:10 Uhr

Das Verbrechen von Sant'Anna di Stazzema

In Sant'Anna di Stazzema, einem kleinen Dorf in der Toskana, verüben Truppen der Waffen-SS am 12. August 1944 ein Massaker mit äußerster Brutalität. Frauen, Kinder, Alte - niemand wird verschont. Nach dem Ende des Kriegs folgen sechs Jahrzehnte systematischen Beschweigens. Erst im Juni 2005 werden zehn noch lebende Täter nach italienischem Recht zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen verurteilt - doch Deutschland liefert nicht aus. Ermittlungsverfahren in Deutschland gibt es zwar, doch sie werden zuletzt alle eingestellt.

Am 12. August 1944 tötete die Waffen-SS in Sant'Anna di Stazzema rund 500 Frauen, Kinder, Babys und alte Menschen. Die Tafel zeigt Fotos der Opfer.

Der Autor Michael Göring hat unter anderem den Roman "Vor der Wand" geschrieben. Dieses Buch, das in der Tabuzone des deutschen Mittelstands angesiedelt ist, dort, wo so lange das Schweigen herrschte, rückt das Massaker von Sant'Anna di Stazzema auf beklemmende Weise in den Blick.

Herr Göring, die deutschen Streitkräfte waren im Sommer 1944 auf dem Rückzug. Die italienische Widerstandsbewegung erstarkte, Partisanen verübten vermehrt Anschläge. In Sant'Anna di Stazzema sind aber nicht Kämpfer getötet worden, sondern Frauen, Kinder, Greise - warum?

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"Wir haben aufgrund dieser besonderen Geschichte in Deutschland eine besondere Verantwortung", sagt Michael Göring.

Michael Göring: Die Männer hatten sich in einem Steinbruch versteckt, einige in einem Wald. Sie waren aus den Dörfern und den Berghöfen geflohen, weil sie sich gesagt haben: Wenn die Deutschen kommen, dann suchen sie nur nach Männern. Entweder wollen sie uns erschießen, oder sie bringen uns nach Deutschland, um dort als Zwangsarbeiter in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Um dem zu entgehen, sind sie geflohen und haben ihren Frauen und Kindern gesagt, dass die Deutschen ihnen nichts tun werden - weit gefehlt.

Was genau ist dann bei dem Massaker geschehen?

Göring: Um die 500 Frauen, Kinder, Babys, alte Menschen sind dort auf eine ganz bestialische Weise umgebracht worden, weil die SS Panzergrenadier-Division ausgerastet ist. Sie haben zunächst die Berghöfe in Beschlag genommen und sie angesteckt, haben die Menschen vorher auf grausamste Art und Weise massakriert, die Kinder regelrecht erschlagen. Zum Schluss sind sie in dieses Dorf gezogen, wo sehr viel mehr Menschen waren, als dort eigentlich lebten. Das waren Menschen, die aus der Tiefebene in die Höhe gegangen waren, weil sie gedacht haben, dass sie dort ein bisschen sicherer sind. Die letzten 200 bis 300 Menschen sind auf dem Kirchhof zusammengetrieben und dort durch die Salven der Maschinengewehre der deutschen SS und auch einiger Wehrmachtsangehöriger umgebracht worden.
 
Über dieses fürchterliche Geschehen ist in Italien jahrzehntelang nicht gesprochen worden. Die Akten lagerten in einem versiegelten Schrank der Militärstaatsanwaltschaft in Rom, und erst im April 2004 ist Anklage gegen zehn Beteiligte erhoben worden. Welche Gründe hatte diese Verschweigensgeschichte?

Göring: Das ist eine äußerst dubiose Geschichte. Bis 1994 sind die gesamten Akten, vor allen Dingen amerikanische Akten, in einem Schrank gewesen, der mit der Schranktür zur Wand stand - und das immerhin in der Militärstaatsanwaltschaft in Rom. 1994 dreht man diesen Schrank um und entdeckt, was in ihm ist. Und dann dauerte es zehn Jahre, bis man in La Spezia den Prozess anstrengte und 2005 dann zu diesem Urteil kam. Man hatte damals noch zehn SS Männer ausfindig machen können, und alle sind zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden. Deutschland ist zu einer Entschädigungszahlung von 100 Millionen Euro verurteilt worden, und 2005 ist dieses Urteil in Rom noch einmal bestätigt worden.

Warum hat es so lange gedauert? Es gibt bei Verschwörungstheoretikern eine ganze Menge an dubiosen Gründen. Vielleicht hat man es wirklich übersehen, oder man wollte nicht daran rütteln in dieser unmittelbaren Nachkriegsgeschichte, als sich die deutsche CDU und die italienische Democrazia Cristiana sehr schnell sehr nahe kamen. Alles Weitere muss wohl Spekulation bleiben. Es ist eine Schande, aber mit dieser Geschichte ist noch eine weitere Schande verbunden, die etwas mit Deutschland zu tun hat.

Sankt Anna di Stazzema

Das Verbrechen von Sant'Anna di Stazzema

Hamburg Journal -

Das Verbrechen von Sant'Anna di Stazzema ist eines der schlimmsten NS-Verbrechen in Italien. Der ehemalige SS-Kompanieführer ist immer noch auf freiem Fuß und lebt in Hamburg (Stand: 12.08.2013).

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Und das ist die Schande, dass in Deutschland die Ermittlungsverfahren nicht dazu geführt haben, dass irgendjemand verurteilt worden wäre.

Göring: Ja, das ist richtig. 2002 hat die Staatsanwaltschaft in Stuttgart Ermittlungen aufgenommen und man kam zu dem Schluss, dass man hier nicht weiter ermitteln sollte. Denn was immer man findet - diese zehn waren Mordsgehilfen und keine Mörder. Und hier beginnt die zweite Schande. Denn 1968 hat Eduard Dreher im Bundesministerium der Justiz ein Gesetz durchgebracht, das besagt, dass bei solchen Taten die Täter keine Mörder, sondern nur Mordsgehilfen sein können. Und der Mordsgehilfe wird in Deutschland nach Totschlag belangt, und Totschlag verjährt nach 20 Jahren. Und so wussten alle, die an Sant'Anna di Stazzema oder an ähnlichen Verbrechen an der Zivilbevölkerung beteiligt waren, dass sie nach diesen 20 Jahren nicht mehr belangt werden konnten. Das ist ein bis heute gültiges Gesetz.

In ihrem Roman "Vor der Wand" haben Sie das Massaker in eine fiktive Handlung integriert. Ein junger Mann, Georg, liest fast vier Jahrzehnte nach dem Massaker die Aufzeichnungen seines inzwischen todkranken Vaters, der damals an dem Massaker beteiligt war, sein Leben lang aber mit niemandem darüber gesprochen hatte. In seinem Bericht lassen Sie ihn die Ereignisse in Ich-Form schildern. Woran haben Sie sich dabei orientiert?

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Göring: Georg ist meine Generation, Jahrgang 1956, und das war diese Generation, die mit diesem sicherlich nicht sehr klugen, aber doch sehr virulenten Spruch kam: "Alle Väter waren Täter." Und so wie wir damals versucht haben, unseren Vätern und Großvätern endlich zu entlocken, was sie zwischen 1939 und 1945 wirklich getan hatten, genau das spielt Georg mit seinem Vater durch - und sein Vater schweigt. In meinem Roman geht es dann darum, wie Georg damit umgeht, nachdem er endlich das Geständnis seines Vaters hört und weiß, dass sein Vater an einer Massenerschießung von 500 Personen Zivilbevölkerung in Italien beteiligt war. Die Ich-Form ist auch der Dramatisierung der Geschichte gewidmet. Das liest sich dann viel authentischer und klarer, als wenn man das in der dritten Person Singularis darstellt.

Wenn heute, nach 75 Jahren, an dieses auch in Deutschland so wenig bekannte Massaker erinnert wird - was sollte der leitende Gedanke dabei sein?

Göring: Der Hauptgedanke, der mich beschäftigt, ist: Das Dritte Reich war kein Vogelschiss, und das müssen wir unseren Kindern und allen anderen immer wieder klarmachen. Wir haben aufgrund dieser besonderen Geschichte in Deutschland eine besondere Verantwortung, eine Verantwortung für ein Miteinander in Europa. Jetzt, wo wir nach so vielen Jahren Frieden haben, haben wir immer noch die Verantwortung, uns für diesen Frieden in Europa einzusetzen. Und wenn so ein Roman daran erinnert, dann habe ich mein Ziel mit diesem Roman erreicht.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 12.08.2019 | 19:00 Uhr

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