Angelo (Jirka Zett) und Isabella (Lisa-Marie Sommerfeld) klettern in einem riesigen Totenschädel - Szene aus dem Stück "Maß für Maß" am Thalia Theater © Krafft Angerer

"Maß für Maß" am Thalia Theater enttäuscht

Stand: 03.10.2020 11:34 Uhr

Am Freitagabend hatte die dunkle Komödie "Maß für Maß" Premiere am Hamburger Thalia Theater. Regisseur Stefan Purcher hat versucht, das mehr als 400 Jahre alte Stück in die aktuelle Zeit zu bringen.

von Peter Helling

William Shakespeare hat viele seiner Stücke unter dem Eindruck der Pest geschrieben. Eine Seuche spielt auch in "Maß für Maß" eine große Rolle. Der Schriftsteller Thomas Melle, der mit seinem Roman "Die Welt im Rücken" bekannt wurde, hat das Shakespeare-Stück für die Corona-Zeit neu geschrieben.

Ein Stück wird auf eine Pandemie getrimmt

Angelo (Jirka Zett) überlegt - Szene aus dem Stück "Maß für Maß am Thalia Theater © Krafft Angerer
Der "schwedische Odem" geht im Thalia Theater um.

"Wo der schwedische Odem wütet, bleibt kein Stein im Brett vorm Kopf auf dem anderen" - der schwedische Odem, so heißt in der Inszenierung eine Art sexuell übertragbare Seuche. Regisseur Stefan Pucher scheint zu spüren, dass "Maß für Maß" doch eigentlich prima zur Krise passe. Corona: das überdeutliche Leitmotiv dieser Inszenierung.

Aber nicht jedes Stück lässt sich auf das Coronavirus hinbiegen. "Die Pandemie, das fand ich ein bisschen bemüht, vielleicht will man auch einfach ins Theater gehen, um einen Moment lang mal nicht dran zu denken, vielleicht hat's mich deswegen gestört", sagt ein Zuschauer nach der Premiere am Thalia Theater.

Darsteller im Thalia Theater wie Anziehpuppen

Herzog (Lisa Hagmeister) steht in einem langen Kleid auf der Bühne  - Szene aus dem Stück "Maß für Maß am Thalia Theater © Krafft Angerer
Lisa Hagmeister steht im Reifrock auf der Bühne: Während vieles modernisiert wurde, blieben die Kostüme der Schauspieler im 17. Jahrhundert.

Die Bühne ist eine viereckige Konstruktion mit grellbunten Wänden. Auf den ersten Blick sehen die hübsch barock dekoriert aus, beim genauen Hinsehen zeigen die Bilder aber Plastikflaschen, Fleischreste und ganz viel Müll. Auf Live-Videos kann man hinter die Kulissen blicken und sieht in ein Depot für Fleisch und Knochen. So sieht sie also aus, die Dekadenz des Jahres 2020.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen wirken wie Anziehpuppen. Ein Herzog in Reifrock, gespielt von Lisa Hagmeister, will vordergründig abtreten von der Macht - Angela Merkels Kanzlerinnen-Dämmerung lässt grüßen. In Wirklichkeit will der Herzog beobachten, wie sich die Macht im Reich neu ausrichtet, bleibt undercover in der Stadt. Vorher legt sie die Amtsgeschäfte in die Hände Angelos. Der neue Herrscher ruft ein strenges Reglement gegen die Pest aus.

Bis von Shakespeare nichts mehr übrig bleibt

Angelo (Jirka Zett) guckt nach oben, im Hintergrund Isabella (Lisa-Marie Sommerfeld) - Szene aus dem Stück "Maß für Maß am Thalia Theater © Krafft Angerer
Angelo (Jirka Zett) fühlt sich zu Isabella (Lisa-Marie Sommerfeld) hingezogen.

Jirka Zett darf Angelo als verklemmte Schwulenkarikatur mimen. Das geht schon an die Grenze zur Abwertung. Was Shakespeare aber als Studie der Macht geschrieben hat, wirkt in dieser kruden Lesart wie die Infragestellung aller Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung.

Der sexuell unterversorgte Angelo geht auch über Leichen. Man glaubt sich in einer hochgepuschten Comedy-Show. Jeder Satz, jeder Auftritt wird zur Nummer. Kein Gedanke darf sich wirklich entfalten. Shakespeare wird in die heutige Zeit getrimmt, bis von ihm nichts mehr übrig bleibt. Corona, Bill Gates, Aids, alles wird in den Topf geworfen.

"Maß für Maß": Bilder, die man nicht sehen möchte

Am Ende reitet der prüde Angelo auf einem riesigen Pappmaché-Penis wie Hans Albers auf der Kanonenkugel. Stöhnend. Es sind Bilder, die man eigentlich nicht mehr sehen möchte, weil sie zu abgehalftert sind. Die Wutbürger tauchen dann auch noch auf: "Diese Welt krankte, es war so augenfällig, man musste sie nur öffnen, diese Augen". Nach diesem grellen Abend möchte man die Augen eher schließen. Corona macht eben nicht klüger.

"Maß für Maß" am Thalia Theater enttäuscht

Die Hamburger Inszenierung hat das Shakespeare-Stück an die Corona-Pandemie angepasst - ein misslungener Versuch.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater - Großes Haus am Alstertor
Alstertor
20095Hamburg
Telefon:
(040) 328 14 444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
11 Euro bis 55 Euro
Hinweis:
Regie: Stefan Pucher
Dramaturgie: Julia Lochte
Musik: Christopher Uhe
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Mit: Lisa Hagmeister, Jirka Zett, Johannes Hegemann, Stefan Stern, Oliver Mallison
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.10.2020 | 19:00 Uhr