Stand: 10.05.2019 13:36 Uhr

Lübeck: Junge Leute inszenieren Oper "Weiße Rose"

von Daniel Kaiser

In Lübeck sind junge Leute gerade auf den Spuren der "Weißen Rose" unterwegs. Studentinnen und Studenten der Musikhochschule arbeiten nämlich an einer Operninszenierung, die die Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl musikalisch in Szene setzt. Die Nachwuchssängerinnen und -sänger beschäftigen sich seit Monaten mit der Kammeroper des Komponisten Udo Zimmermann von 1986.

"Mein Herz ist wach, ich spüre jede Ader, jeden sanften Hauch." - Es sind die letzten Stunden im Leben Hans und Sophie Scholls. Ergreifend, dicht und dramatisch erzählt Zimmermanns Oper vom Ende der jungen Leute.

In der Lübecker Version des Regisseurs Selcuk Cara gibt es nicht nur einen Hans und eine Sophie auf der Bühne, stattdessen teilen sich die neun jungen Sängerinnen und Sänger die beiden Rollen auf. "Wenn eine Sophie Scholl fällt, kommt die andere und übernimmt ihre Arbeit. Der Widerstand geht weiter", erklärt Cara einen zentralen Gedanken seiner Inszenierung.

Ein syrischer Hans Scholl

Die jungen Leute spielen und singen wie in Trance. In monatelanger Arbeit haben sich die Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Ländern mit der Geschichte der "Weißen Rose" und der anspruchsvollen Musik mit vielen sehr hohen Tönen vertraut gemacht. Der Sänger Hussain Atfah ist aus Syrien geflüchtet und steht jetzt auf der Lübecker Bühne: ein syrischer Hans Scholl. "Wir haben auch viele Hans und Sophie Scholls in Syrien. Diese Geschichte ist universell, und ich finde, diese Internationalität hört man auch in der Musik."

Probe ohne Totenschädel

Die Gruppe war am Anfang noch viel größer - etwa 20 Studentinnen und Studenten waren dabei. Einigen war die Musik zu schwer. Bei anderen habe es am nötigen Respekt für das Thema gefehlt, sagt Regisseur Cara. "Wenn einer mal mit dem falschen T-Shirt gekommen ist, bin ich darauf eingegangen", formuliert er zurückhaltend. "Ein Totenschädel bei der 'Weißen Rose' sollte bei meiner Probe besser nicht vorkommen."

Sophie ohrfeigt Hans

Am Rande des Brahms-Festivals in Lübeck haben die jungen Leute jetzt in der Rotunde der Musik- und Kongresshalle schon mal eine Kostprobe der Inszenierung gegeben. Die neun Studierenden stehen in Lichtkegeln nebeneinander, bewegen sich minimal. Im ersten Teil der Oper ist es noch ruhig, fast meditativ. Im zweiten Teil wird es dann richtig körperlich zur Sache gehen. "Es gibt eine Situation, in der Sophie Hans sogar eine Ohrfeige gibt", erklärt der Regisseur. Selcuk Cara lässt Sophie Scholl zweifeln. "Sie fragt Hans: 'Warum bist Du mein Bruder? Warum musstest Du mich in diese Kreise führen?' Sie schlägt ihn, doch dann umarmen sie sich, weil sie ihm letztlich dankbar ist", erklärt Selcuk Cara seinen Ansatz. "Wofür lohnt es sich sonst zu sterben, wenn nicht dafür?"

Christlicher Glaube als Motor

Die Oper wird vom 14. bis 16. Juni im Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe, am 23. Juni im großen Saal der Musikhochschule Lübeck und später im Sommer wohl auch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt aufgeführt. Auf die Inszenierung in der Lübecker Marienkirche am 3. Oktober ist Regisseur Selcuk Cara besonders gespannt. "Ohne die Kirche und ihren christlichen Glauben kann man Hans und Sophie Scholl gar nicht denken. Daher ist dieses Gotteshaus eigentlich der allerbeste Ort, um das Werk aufzuführen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 12.05.2019 | 13:20 Uhr

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