Stand: 22.05.2017 16:36 Uhr

"Kurti" ist jetzt museumsreif

von Ulrike Kressel

Kaum ein Thema spaltet das Land mehr als die Rückkehr der Wölfe. Die Diskussion um das Raubtier wird hoch emotional und kontrovers geführt. Mit einer Sonderausstellung widmet sich das Landesmuseum Hannover den niedersächsischen Wölfen. Das Museum will über die Rückkehrer informieren und aufklären. Der mittlerweile präparierte Wolf "Kurti" könnte sich dabei als Besuchermagnet und als Botschafter für seine lebenden Artgenossen erweisen. Denn eines steht fest: "Kurti" ist der Beweis dafür, dass das Zusammenleben von Wölfen und Menschen nicht frei von Konflikten ist. Eines von verschiedenen Themen der Ausstellung, die vom Landesmuseum und dem niedersächsischen Wolfsbüro mit Unterstützung des Umweltministeriums organisiert wurde.

Ausgestopft bleibt "Kurti" dem Land erhalten

Fehlinformationen und Angst

Die Schau "Der Wolf - Ein Wildtier kehrt zurück" will zeigen, wie die Wölfe wirklich sind: weder reißende Bestie noch Kuscheltier, sagt Christiane Schilling, Biologin und Kuratorin des Landesmuseums. Sie könne verstehen, dass Menschen Angst haben. Dennoch sei sie überzeugt davon, dass ein großes Maß an Fehlinformationen über das Raubtier in den Köpfen der Menschen präsent ist. "Angst beruht oftmals auf Dingen, die ich gar nicht richtig einschätzen kann, weil ich zu wenig darüber weiß", sagt sie. Die Ausstellung wolle dazu beitragen, dass die Bevölkerung gut informiert wird, sachlich und objektiv, sagt sie. Um das zu erreichen, widmet sich die Ausstellung unterschiedlichen Themenbereichen. So klärt sie zum Beispiel über die Lebensweise der Wölfe auf: Wie lebt der Wolf, wie läuft das Leben im Rudel ab und wie ist das Jagdverhalten des Wolfs? Welche Tiere gehören in der Regel zu den Beutetieren und warum schrecken Wölfe auch nicht davor zurück, Weidetiere anzugreifen und zu töten?

Wolf Kurti auf dem Tisch der Tierpräparatorin.

Wolf "Kurti" kommt ins Museum

Hallo Niedersachsen -

Wolf "Kurti" wurde im April 2016 abgeschossen, weil er Menschen immer wieder zu nahe kam. Im Landesmuseum Hannover wird er für eine Ausstellung präpariert.

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"Kurti" als mahnendes Beispiel

In der Ausstellung ist der 2016 abgeschossene "Kurti" lebensgroß zu sehen. Das präparierte Tier steht mit seinen Vorderläufen auf einem nachgebildeten Felssockel. Es sieht so aus, als wolle sich der Wolfsrüde sogleich auf den Weg machen, sein Revier im Landesmuseum zu durchstreifen. "Uns ist wichtig, die Geschichte des Wolfes aufzuarbeiten", sagt Jana Sprenger, Biologin im niedersächsischen Wolfsbüro. Die Öffentlichkeit solle darüber informiert werden, was passiert ist und wie es dazu kam, dass "Kurti" so wenig scheu war und letztlich geschossen wurde. Die Biologin hält es für sehr wahrscheinlich, dass der Wolf im Welpenalter angefüttert wurde und so an Menschen gewöhnt war. Ziel der Ausstellung ist deshalb auch, klar zu machen, dass Wölfe nicht angefüttert werden dürfen. Genauso falsch sei es auch, Wölfen für ein "gutes" Video nachzustellen, sagt Sprenger. Solche Dinge sollten zum Schutz der Wölfe, aber auch zum Schutz der Menschen vermieden werden. Sprenger hofft, dass nicht noch einmal ein Wolf wegen menschlichen Fehlverhaltens abgeschossen werden muss.

Präparation von "Kurti": Zeitintensiv und aufwendig

Mit der Präparation von "Kurti" ist Kuratorin Schilling aber zufrieden. "Das ist sehr gute Arbeit", sagt sie. Wochenlang hat der zoologische Präparator des Landesmuseums, Christophe Houlgatte, an dem Tier gearbeitet. Den Körper modelliert, das Fell bearbeitet. Viele Herausforderungen galt es zu meistern, erinnert sich Schilling: "'Kurti' kam aus dem Winter. Er war relativ hüftschmal, sodass wir das vorgegebene Modell verkleinern mussten, damit das Fell passte." Präparator Houlgatte hatte als Basis für den Wolfskörper einen sogenannten Rohling aus PU-Schaum bestellt. Und der entsprach nicht den individuellen Körpermaßen des Wolfsrüden aus dem Munsteraner Rudel. Nachdem der Körper an "Kurtis" Maße angepasst war, wurde das Fell aus der Tiefkühltruhe geholt und dem Körper übergestülpt. Das Zusammennähen des Fells entlang des starren Körpers verlangte viel Fingerspitzengefühl. Bis das Fell des echten "Kurti" komplett durchgetrocknet war, vergingen rund drei Wochen. Viele Nadeln, die Akupunkturnadeln ähneln, spickten den Tierkörper und halfen, das Fell an der richtigen Stelle zu halten. "Bis alles durchgetrocknet ist, sieht der Wolf wie ein großer Igel aus", sagt Houlgatte.

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Wolf "Kurti" für die Ewigkeit

Der Wolf "Kurti" aus dem Munsteraner Rudel ist im vergangenen Jahr abgeschossen worden. Nun kommt er zu neuen Ehren und wird für eine Ausstellung präpariert. (09.03.2017) Video (00:47 min)

Fellmacken gehören zu "Kurti"

Bei näherem Betrachten fällt auf, dass "Kurti" an der einen oder anderen Stelle etwas gerupft aussieht. Es gibt dünnere Stellen im Fell, wo mehr Haut zu sehen ist, dann wieder plüschigere. "Das sind ganz individuelle Macken", sagt Schilling. Der Fellwechsel vom Winter- auf das Sommerfell ist deutlich zu erkennen, ebenso wie Fellabschürfungen, die auf Zecken- oder Mückenstiche deuten. Die sichtbaren Abschürfungen am Hals sind Spuren, die das Sendehalsband hinterlassen hat. Die Präparation eines Tieres erfolgt nach folgendem Prinzip: So wenig wie möglich beeinflussen, so viel wie nötig herausarbeiten. So wurden zum Beispiel die Augenlider mit Modelliermasse gefüllt, damit sie die Augen naturgetreu umschließen. "Die Augenlider sind bei lebenden Wölfen unglaublich dick, sie wirken wie eine schwarze Umrandung", erklärt Houlgatte. Deshalb sehen die Wolfsaugen so groß aus. "In Wirklichkeit messen die Augen gerade einmal zwei Zentimeter, das ist nichts", sagt er. Und wenn der Tierpräparator schon einmal dabei ist, den wölfischen Überresten den letzten Schliff zu verpassen, bekommt die Nase noch ein bisschen Glycerinlösung aufgetupft, damit sie nicht trocken und stumpf, sondern feucht und glänzend wirkt.

Zum Hören, Sehen und Mitmachen

Mit Info- und Schautafeln, Hörstationen und Spielen ist die Ausstellung für alle Altersgruppen gedacht. "Kurti" ist ein Baustein der Schau - ein sehr öffentlichkeitswirksamer, so Konstantin Knorr vom Umweltministerium, aber nicht die zentrale Botschaft. Die Ausstellung wolle mehr als einen präparierten Wolf zeigen, sagt er. Neben der Lebensweise der Tiere und Verhaltenstipps für die Bevölkerung im Umgang mit dem Wolf gehe es genauso um Themen wie Herdenschutz und Management-Maßnahmen des Landes Niedersachsen. Es solle erklärt werden, was mit Begriffen wie Wolfsmonitoring gemeint ist und was sich hinter dem sogenannten Wolfsmanagement verbirgt. Es geht aber auch um Mythen und Märchen, die sich um den Wolf ranken. "Noch immer scheinen Rotkäppchen und Co. hartnäckig ihre Spuren zu hinterlassen. Damit wollen wir aufräumen, der Wolf ist nicht böse", sagt Kuratorin Schilling.

"Kurti" geht auf Reisen

Die Wolfsausstellung ist bis zum 15. Oktober im Landesmuseum in Hannover zu sehen. Danach solle sie auf Reisen gehen, so Schilling, und mit ihr Wolf "Kurti". Ihr sei wichtig, dass die Ausstellung auch in kleineren Museen gezeigt werden kann, betont sie, vor allem in den Regionen, wo Wölfe gesichtet werden und die Menschen viel näher am Geschehen sind als in den Metropolen. Ziel sei es, einem breiten Publikum sachliche Informationen rund um das Thema Wolf zugänglich zu machen.

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"Kurti" ist jetzt museumsreif

Im Landesmuseum Hannover können Besucher bis Mitte Oktober den präparierten Wolf "Kurti" bestaunen. Das auffällige Tier war im April 2016 im Heidekreis gezielt getötet worden.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Willy-Brandt-Allee 5
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 98 07 686
E-Mail:
info@landesmuseum-hannover.de
Preis:
5 Euro, ermäßigt 4 Euro, Familien 10 Euro. Kinder bis 4 Jahre kostenlos. Freitags von 14-17 Uhr freier Eintritt.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10-17 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10-18 Uhr, Montag geschlossen
Hinweis:
Das Landesmuseum Hannover ist vollständig barrierefrei.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 19.05.2017 | 17:00 Uhr

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