Stand: 05.06.2020 14:51 Uhr  - NDR Info

Konjunkturpaket - ein Neustart für die Kultur?

von Susanne Birkner

Ein "kraftvoller Aufschlag" mit einer Milliarde Euro soll die besonders gebeutelte Kulturszene retten. Vor allem Einrichtungen, die nicht öffentlich finanziert werden, sollen gefördert werden, etwa Kinos oder Privattheater. Die Reaktionen auf das Hilfspaket sind gemischt. Beispiele aus Hamburg.

Interview
Monika Grütters © Elke A. Jung-Wolff Foto: Elke A. Jung-Wolff

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"Das Ergebnis lässt sich sehen", meint Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des sonst eher kritischen Deutschen Kulturrates, des Spitzenverbandes der Bundeskulturverbände. Auch Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater ist sehr zufrieden mit den angekündigten Hilfen: "Denn da fallen wir absolut drunter. Wir sind sogar extra erwähnt. Denn für Film gibt es 120 Millionen, und das hilft uns zumindest auf die Beine zu kommen."

Kinos versuchen durchzuhalten

Berg wird sich nun für den Kino-Verband mit den Verleihern, den Produzenten und den filmtechnischen Betrieben zusammensetzen, um zu überlegen, wie das Geld verteilt werden kann.

Gebeutelt von der Krise seien alle: "Die Kinos hat es aber besonders getroffen. Denn sie haben keine andere Einnahmemöglichkeit. Ein Verleih zum Beispiel kann nochmal seine Rechte an Netflix verkaufen. Das Kino hatte drei Monate Stillstand und muss jetzt neues Geld in die Hand nehmen, um die Hygienemaßnahmen umzusetzen." Zwei Kinos in Deutschland mussten bereits schließen. Wie sieht es bei den Norddeutschen aus? Bis jetzt hielten sie durch, "und ich hoffe, da ich Norddeutsche bin, dass sie auch noch eine Weile durchhalten", meint Christine Berg.

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Clubs haben in Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der Corona-Krise schon einige dichtmachen müssen, erzählt Rainer Lemmer vom Landesnetzwerk für Club- und Livespielstätten in Mecklenburg-Vorpommern. Das Programm, das Kulturstaatsministerin Grütters am Donnerstag vorgestellt hat, begrüßt er: "Ich finde den Weg richtig und dass man nach vorne guckt und nicht sagt, 'wie kann man jetzt den Stillstand unterstützen?'. Wenn man selber was kreativ schaffen will, ist das nicht das eigene Naturell. Wenn man jetzt nach vorne guckt und sagt, wir stecken Geld in die Infrastruktur, wir stecken Geld in die Digitalisierung, dass wir unsere Kulturprogramme auch auf eine andere Art und Weise präsentieren können. Inwiefern das nachhaltig ist, inwiefern der Topf reicht, wird man sehen."

 Privattheater wünschen sich Nachbesserungen

Auch Privattheater werden explizit in dem Milliardenprogramm des Bundes erwähnt. Das findet Hannah Jacob vom Landesverband freier Theater in Niedersachsen grundsätzlich erfreulich. Aber: "Wir hätten uns mehr Unterstützung für die Solo-Selbständigen gewünscht, die in unserem Verband die Mehrheit darstellen und die in Niedersachsen weiterhin, da die Nachbesserungen auf Bundesebene nicht stattgefunden haben, benachteiligt sind. Sie werden weiterhin auf ALG II verwiesen."

Wenig Unterstützung für Solokünstler

Kleinkunst in Gefahr
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Also Arbeitslosengeld. Die Sängerin Sarajane McMinn hat zwar Hilfe von der Stadt Hamburg bekommen. Aber die ist Ende Mai ausgelaufen. In dem Hilfsprogramm des Bundes fühlen sie und ihre vielen freiberuflichen Künstlerfreunde sich nicht wahrgenommen. In den sozialen Medien ginge es hoch her: "Als das Konjunkturpaket rauskam, kam sofort eine Welle von traurigen und wütenden Posts."

Kulturstaatsministerin Grütters verweist einzelne betroffene Künstlerinnen und Künstler weiter auf die vereinfachte Grundsicherung. Ihr Jahr wäre "total voll gewesen", meint McMinn. "Jetzt Arbeitslosenhilfe zu beantragen, fände ich emotional komisch. Es ist nicht so, als hätte ich keine Arbeit. Mein Kalender pingt immer noch täglich und sagt mir, heute wäre ich in Berlin, heute wäre ich dort."

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Das Paket hilft da nur über Bande, in dem es etwa die Musikfestivals und Veranstalter mit 150 Millionen Euro bezuschusst. Aber damit sich Konzerte oder auch Theaterveranstaltungen mit den aktuellen Abstandsregelungen rentieren, müssten die Tickets 300 Euro kosten, rechnet Hannah Jacob vom Landesverband freier Theater in Niedersachsen aus. Der Weg bleibe steinig und lang - "und stellt sozusagen die ganze Kunst und Kultur weiterhin gehörig auf den Kopf."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 05.06.2020 | 15:55 Uhr

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