Jutta Allmendinger © Jan Vetter Foto: Jan Vetter

"Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen"

Stand: 12.01.2021 15:42 Uhr

Während der ersten Corona-Welle stellte Jutta Allmendinger fest, es sei eine "entsetzliche Re-Traditionalisierung", die Frauen während Corona erleiden. In ihrem Buch untermauert sie ihre Thesen.

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Frau Allmendinger, in Ihrem Buchtitel "Es geht nur gemeinsam!" steckt ein plurales "Wir", das von Männern anders verstanden wird als von Frauen. Die einen fühlen sich davon mehr angesprochen, die anderen weniger. Woran liegt das?

Jutta Allmendinger: Das wird unterschiedlich verstanden, weil Frauen danach lechzen und Männer ein Stück ihres Lebens aufzugeben haben. Frauen haben sich über die letzten Jahrzehnten massiv den Männerleben angepasst, haben ihre Erwerbstätigkeit erhöht, haben die gemeinsame Kindererziehung und die Arbeit maximiert. Irgendwann ist meines Erachtens ein Schlusspunkt gekommen, und auch Männer müssen sich ein ganzes Stück den Frauen annähern.

Mit Ihren Analysen sind Sie bereits im letzten Jahr auf heftige Kritik gestoßen, auch bei Eltern: Mütter fühlten sich zwar verstanden, die Väter aber ungerecht abgewatscht, denn auch sie hätten zum Haushalt, zur Erziehung beigetragen. Warum haben Sie jetzt noch einmal mit Ihrem Buch nachgelegt?

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Allmendinger: Zunächst hat es mich gefreut, dass sich Väter angesprochen gefühlt haben. In vielen Presseartikeln wurde geschrieben: "Wir sind doch keine Rabenväter - schauen Sie auf die Spielplätze, auf die Menschen, die einkaufen gehen." Das zeigt zumindest, dass auch Väter dieses Gemeinsame mitdenken.

Warum habe ich das Buch dennoch geschrieben? Ich möchte zeigen, dass die Lücken im Stundenlohn, in der unbezahlten Arbeit, im Renteneinkommen im Moment nur dadurch behoben werden können, indem Frauen immer mehr zu Männern werden. So finden auch unsere ganzen statistischen Korrekturen statt: Wir setzen einfach für das Frauenleben Männerleben ein, und dann schließen sich diese Lücken. Das ist dezidiert nicht meine Vorstellung. Wir sollten auf eine Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden für alle zielen. Das ist das Leben, was uns die Erwerbsarbeit, die Familie, Engagement und so weiter erlaubt.

Der zweite Impuls orientiert sich an den Statistiken - diese messen die Verantwortung in Stunden und Minuten. Ich finde, das ist kein richtiges Maß. Verantwortung ist also, dass man sich die ganze Lebensorganisation des Haushaltes, des Kindes zu eigen machen muss.

Wir haben oft von proportionalen Zuwächsen der männlichen Mitarbeit gesprochen. Wenn ich von einem niedrigen Niveau der Kindererziehung ausgehe, kann ich proportional sehr viel mehr zulegen als Frauen, die, wenn sie die Arbeit für die Familie zu der Erwerbsarbeit addieren, an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommen. Dann müssen sie ihren Schlaf anpacken, denn der Tag hat nur 24 Stunden. Mir war es wichtig, dass wir hier mit ordentlichen Statistiken arbeiten.

Ich wollte auch zeigen, dass in den zwei Phasen zwischen den Lockdowns das eingetreten ist, was wir zu befürchten hatten: dass Männer sehr viel schneller wieder in den Arbeitsmarkt kommen und ihre Stunden aufstocken konnten als Frauen, die im Homeoffice gefangen zu sein scheinen.

Viele empfinden den Trend zum Homeoffice als Erleichterung, weil die lang traktierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich umsetzbar scheint. Oder ist das gar nicht so?

Buchcover: Jutta Allmendinger: "Es geht nur gemeinsam!" © Ullstein Verlag
Jutta Allmendingers Streitschrift "Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen" ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet 12,00 Euro.

Allmendinger: Es ist eine Erleichterung für Beruf und Familie - aber diese Erleichterung hat leider ein Geschlecht: das weibliche Geschlecht. Frauen mussten schon immer diese Vereinbarkeit schultern - das wird ihnen jetzt leichter gemacht. Die Probleme der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen werden damit verfestigt. Homeoffice wird weder in der Lage sein, die Unterschiede in den Stundenlöhnen, noch die Arbeitszeiten, noch die massiven Ungleichheiten der Rentenerträgen - zumindest im Westdeutschland - oder der Positionsgewinne von Frauen und Männern zu reduzieren. Frauen haben lange gekämpft, den öffentlichen Raum zu betreten, und sie werden jetzt in die Familien zurückgeholt, zu einem Zeitpunkt, der zu früh ist und der meines Erachtens durch Männer eröffnet werden müsste.

Die neuen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie könnten zu einem grundsätzlichen Neudenken und zu einer Neuordnung der Arbeitswelt führen. Sehen Sie da Impulse, Ecksteine, wo man weiter ansetzen könnte?

Allmendinger: Definitiv. Wir sehen, dass wir beispielsweise kurze Fahrten ins Ausland oder zu Terminen reduzieren können. Das kann man tatsächlich auch von zu Hause aus machen. Die technologischen Entwicklungen sind da. Wir sehen auch, dass wir Kindern etwas Gutes tun, wenn wir die Unterrichtsgestaltung digital unterstützen und auch des individuelle Lernen unterstützen. Das war ein ganz notwendiger Schub.

Was die Geschlechterungleichheiten betrifft, da müssen Männer vorlegen und da müssen wir gemeinsam an neue Formen kommen. Ich denke, dass die Diskussion über die Bezahlung von systemrelevanten Tätigkeiten dem gut getan hat. Wollen wir überhaupt den Rückzug in die Familien und was hat das für Folgen für Frauen und Männer? Diese Frage müssen wir aufnehmen. Daraus können wir dann ableiten, was wir zu tun haben, um uns in der nächsten Krise anders und besser aufzustellen, gerade als Frauen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 12.01.2021 | 18:00 Uhr