Eine Person im dunklen Kapuzenpulli hält die Hände, auf denen Stop Gewalt! steht, vor den Körper. © Universität Osnabrück / Jens Raddatz Foto: Jens Raddatz

Islamistische Radikalisierung: Präventionsprojekte unter der Lupe

Stand: 04.06.2021 11:00 Uhr

Um islamistischer Radikalisierung Einhalt zu gebieten, gibt es in Deutschland rund 1.000 Modell-Projekte. Doch was taugen die? Wissenschaftler haben die aktuellen Präventionsprojekte untersucht.

Eine Person im dunklen Kapuzenpulli hält die Hände, auf denen Stop Gewalt! steht, vor den Körper. © Universität Osnabrück / Jens Raddatz Foto: Jens Raddatz
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von Birgit Schütte

Der Unterricht an der Papenburger Michaelschule beginnt mit "Salem Aleikum", per Chat. Edda, Monique, Nadine und Laila melden sich. Der Religionslehrer Jörg Ballnus stellt einen Zeitungsartikel zur Diskussion: "Die Schweiz sagt 'Ja' zum Burkaverbot". Und die Schüler beginnen erst einmal mit der Klärung, was genau eine Burka ist. So sollen die Schüler lernen, ihre Meinung zu vertreten.

Verschiedene Meinungen aktzeptieren

"Diskussionen sind sehr wichtig für den Unterricht an Schulen, denn nur wenn ich mich mit anderen austausche, kann ich lernen, dass es nicht nur die eine Antwort gibt. Wir haben uns im Verlauf der Stunde auch noch ein YouTube-Video angeschaut, dass andere Menschen zu dem Thema interviewt hat. Da kam bei den Schülerinnen eine Vielzahl von Meinungen zutage", berichtet Ballnus.

Auch Homosexualität oder Gewalt gegen Lehrer in Frankreich hat Jörg Ballnus mit seinen Schülern thematisiert. Er möchte ihr Selbstbewusstsein in Sachen Religion fördern: "Das unbedingt, weil sie das Werkzeug dazu erlernt haben, sich in Problemfällen am Koran oder den Hadifen zu orientieren und solchen Versuchen aus der ultrakonservativen Ecke etwas entgegensetzen können. Auch um die Dinge zu hinterfragen und differenziert zu betrachten."

Die MAPEX-Studie

Die MAPEX-Studie über die Modellprojekte gegen islamische Radikalisierung steht im Internet für Interessierte zur Verfügung. Zum Forschungsverbund gehören die Universitäten Bielefeld, Osnabrück und Frankfurt, sowie die Fachhochschule Münster.

Straftäter aus religionsfernen Familien

Der Religions- oder Ethikunterricht sei der richtige Ort, um früh einer Radikalisierung vorzubeugen, sagt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück. Am besten schon bevor Jugendliche Kontakt zu radikalen Kreisen haben, ob im Netz oder in einer Moschee. Kiefer war an einer aktuellen Studie beteiligt, in der rund 1.000 Modellprojekte untersucht wurden. "Es ist auffällig, dass wir bei den Straftätern, die wegen islamistischer Betätigung verurteilt worden sind, viele Menschen haben, die eher aus religionsdistanten Familien kommen, die keine klassische islamische religiöse Bildung erlebt haben, weder im Elternhaus noch in einer Moschee. Es ist auffällig, dass Radikalisierung oft einhergeht mit einem Wiederentdecken oder einem Neuentdecken des Islams, und dass dies dann oft mit Radikalisierungsphänomenen einhergeht."

Prävention: Zentrale Rolle der Schulen

Deshalb fordert Kiefer, dass Schulen und Jugendhilfe besser ausgestattet werden, mit gut ausgebildeten Fachkräften, die sich mit den Phänomenen der Radikalisierung auskennen. Denn wenn es um Prävention geht, spielten die Schulen eine zentrale Rolle, meint der Osnabrücker Islamwissenschaftler. Weil gerade junge Menschen am anfälligsten seien: "An den Schulen müsste noch mehr laufen. Vor allem wäre es wichtig, dass wir gut ausgebildete Fachkräfte und insbesondere Sozialarbeiter in ausreichender Zahl an Schulen haben."

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14 Modellprojekte im Raum Hannover

Aber nicht nur an Schulen laufen Präventionsprojekte gegen Radikalisierung: Allein im Raum Hannover gibt es über 14 Modellprojekte. Sie werden in der neuen Studie, die im Internet veröffentlich wurde, aufgelistet und kurz beschrieben. "Aktion Neustart" zum Beispiel richtet sich an Aussteigewillige aus der rechten oder islamistischen Szene. Das Programm "Extrem Engagiert" ist in Moscheegemeinden aktiv. Zur Zeit fließen allein in zwei große Programme des Bundes für Modellprojekte rund 200 Millionen Euro. Das Geld könnte besser angelegt werden, meint Michael Kiefer: "Die Crux ist, dass diese Programme nur bestimmte Laufzeiten haben. Eine Kernaussage aus unserer Studie lautet: Es ist manchmal besser, man steckt das Geld direkt an die Schulen und schafft damit unbefristete Stellen im Bereich der sozialen Arbeit. Damit ist häufig mehr gewonnen, als temporär begrenzte Programme, die dann immer wieder etwas Neues machen."

Deshalb fordern die Wissenschaftler, dass Lehrer und Sozialarbeiter schon in ihrer Ausbildung lernen, wie Präventionsarbeit gegen Radikalisierung funktionieren kann. Sie wünschen sich ein kontinuierliches Konzept statt vieler Modellprojekte - egal ob gegen Islamismus, Rechtsradikalismus oder gegen Antisemitismus. Die Fachleute müssten außerdem ständig fortgebildet werden, denn die Formen der Radikalisierung änderten sich schnell.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 04.06.2021 | 15:20 Uhr